Geschichtswerkstatt

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Geschichtswerkstätten sind Gruppen oder Vereine, die sich der Erforschung und Darstellung der regionalen Geschichte von unten verpflichtet fühlen.

Entstehungsgeschichte der Geschichtswerkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Skandinavien entstand in den 1970er Jahren die Tradition des Grabe-wo-du-stehst (Sven Lindqvist, schwedisches Buch 1978) mit Konzentration auf die Lokalgeschichte und das Verbinden der historischen Dimensionen mit dem gegenwärtigen Alltag. Parallel hierzu entstand in England durch die Arbeit von Raphael Samuel die History-workshop-Bewegung. In Deutschland entstanden die ersten Geschichtswerkstätten im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen Anfang der 1980er Jahre. Schon 1980 wurde in Hamburg im Stadtteil Ottensen das Stadtteilarchiv Ottensen e.V. gegründet. Eine der ersten Geschichtswerkstätten in Deutschland war auch die Berliner Geschichtswerkstatt. Sie wurde 1981 im autonomen Kulturzentrum Mehringhof von jungen, „freischwebenden“ Historiker/innen, Aktivist/innen der Hausbesetzerbewegung und anderen Menschen aus der Alternativbewegung gegründet.

Fassade der Berliner Geschichtswerkstatt, Goltzstraße (außerhalb der Öffnungszeiten) im Jahr 2010

Schwerpunkte von Geschichtswerkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichtswerkstätten arbeiten Themen der Industrialisierungs-, Arbeiter-, Sozial-, Alltags-, Kultur- und Frauengeschichte kritisch auf. Sie verstehen ihre Tätigkeit als eine politische Arbeit, die sich gegen ein Geschichtsverständnis von Nationalkonservativen und einen rechten Gramscianismus wendet. Vom Anspruch her soll eine basisdemokratische und auf direkte Lebenumwelten der Menschen und ihre Erfahrungen konzentrierte Geschichtsarbeit praktiziert werden.

Die Geschichtswerkstatt Göttingen schreibt hierzu:

Metaprozesse bekommen vor Ort ein anderes Gesicht. Menschen, ihr Handeln und ihre Erfahrungen werden „sichtbar“. Sichtbar werden dann auch Kontinuitäten, Widersprüche wie Brüche, die TrägerInnen sozialer Lasten treten aus dem Schatten der vermeintlich „Großen“ und „Mächtigen“. Leer- und Blindstellen in der Geschichte der Stadt und der Region werden sichtbar. Der Widerstand Einzelner und kleinerer Gruppen, aber auch das Hinnehmen und Mitmachen der Vielen werden sichtbar.

Zu den Forschungsschwerpunkten der Geschichtswerkstätten zählen:

  • Geschichte des Nationalsozialismus. Dabei lassen sich unterschiedliche Phasen unterscheiden: In den ersten Jahren war der Widerstand gegen das Regime vor allem mit Blick auf die Arbeiterbewegung von Bedeutung, später verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Judenverfolgung und den Holocaust, in den letzten Jahren trat immer stärker die lokale Aufarbeitung der Zwangsarbeit in den Focus der Geschichtswerkstätten.
  • Oral History
  • Biographieforschung
  • Geschichte von Minderheiten
  • Allgemeine Lokalgeschichte zu Themen oder Bereichen

Aktivitäten der Geschichtswerkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichtswerkstätten arbeiten gelegentlich mit Schulen und Volkshochschulen zusammen. Zwar werden auch Bücher verfasst, jedoch sind die eigentlichen Aktivitäten praktischer Natur, um die Geschichte erfahrbar zu machen. Diese Aktivitäten von Geschichtswerkstätten umfassen:

  • Werkstattgespräche
  • Dia/Filmvorträge
  • Zeitzeugengespräche
  • Erstellen von Ausstellungen
  • Historische Stadtrundfahrten (zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Bus, der Kutsche oder dem Schiff)
  • Organisierung von Stadtrallyes
  • Herausgabe von Büchern
  • Betreiben von Archiven
  • Geschichtsfeste

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.): Alltagskultur, Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte. Westfälisches Dampfboot, Münster 1994, ISBN 3-924550-95-6.
  • Etta Grotrian: Geschichtswerkstätten und alternative Geschichtspraxis in den achtziger Jahren, in: Wolfgang Hardtwig und Alexander Schug (Hrsg.): History Sells! Angewandte Geschichte als Wissenschaft und Markt, Stuttgart 2009, S. 243-253
  • Hannes Heer, Volker Ullrich (Hrsg.): Geschichte entdecken. Erfahrungen und Projekte der neuen Geschichtsbewegung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-499-17935-0 (Rororo 7935 rororo-Sachbuch. Kulturen und Ideen).
  • Sven Lindqvist: Grabe, wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1989, ISBN 3-8012-0144-9.
  • Alf Lüdtke (Hrsg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Campus, Frankfurt am Main u. a.1989, ISBN 3-593-33893-9 (2. aktualisierte Auflage. ebenda 2000, ISBN 3-593-36338-0).
  • Peter Schöttler: Die Geschichtswerkstatt e.V. Zu einem Versuch, basisdemokratische Geschichtsinitiativen und -forschungen zu vernetzen. In: Geschichte und Gesellschaft. 10, 3, 1984, ISSN 0340-613X, S. 421–424.
  • Joachim Szodrzynski (Red.): Geschichtswerkstätten gestern – heute – morgen. Bewegung! Stillstand. Aufbruch? Herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und der Galerie Morgenland, Geschichtswerkstatt Eimsbüttel. München (recte: Ebenhausen) u. a. 2004, ISBN 3-935549-91-1, (Hamburger Zeitspuren 2).
  • Klaus Tenfelde: Schwierigkeiten mit dem Alltag. In: Geschichte und Gesellschaft. 10, 3, 1984, S. 376–394.
  • Jenny Wüstenberg,“Vom alternativen Laden zum Dienstleistungsbetrieb: the Berliner Geschichtswerkstatt. A Case Study in Activist Memory Politics” German Studies Review 32 (2009)3: pp. 590-618.
  • Gert Zang: Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte. Arbeitskreis für Regionalgeschichte, Konstanz 1985, ISBN 3-923215-08-8 (Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte 6).

Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]