Gestalttheoretische Psychotherapie

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Gestalttheoretische Psychotherapie ist eine aus der Gestalttheorie der Berliner Schule abgeleitete Psychotherapiemethode. Sie ist mit der Gestalttherapie von Fritz Perls zwar in manchen Bereichen der praktischen Vorgehensweise verwandt, jedoch nicht identisch.[1] Die Anwendung der Gestalttheorie im klinisch-psychotherapeutischen Bereich reicht vielmehr bis in die 1920er Jahre zurück.[2]. Eine systematische Darlegung und Begründung Gestalttheoretischer Psychotherapie entstand im deutschsprachigen Raum allerdings erst aus den Bemühungen vor allem von Hans-Jürgen Walter (einem Schüler der Gestaltpsychologen Edwin Rausch und Friedrich Hoeth) und anderen, die sich darum bemühten, auf Grundlage der Gestalttheorie Möglichkeiten einer Integration von kompatiblen Ansätzen der Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, kognitiven Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie und anderer psychotherapeutischer Schulen zu entwickeln.

Übersicht[Bearbeiten]

Gestalttheoretische Psychotherapie ist ein tiefenpsychologisch begründetes Verfahren, das sich konsequent an den Erkenntnissen und experimentell-psychologischen Befunden der Gestaltpsychologie und an deren phänomenologischer Ausrichtung orientiert. Die in diesem Rahmen eingesetzten Techniken sind sehr variabel und auf den Einzelfall ausgerichtet. Typisch ist dabei allerdings das Bemühen, über erlebnisaktivierende Interventionen eine Integration von Fühlen, Empfinden, Denken und Verhalten zu fördern.[3] Eine zentrale Stellung im konzeptionellen Gebäude der Gestalttheoretischen Psychotherapie nimmt die erkenntnistheoretische Position des Kritischen Realismus ein. Die psychotherapeutische Haltung und das Menschenbild weisen sehr enge Bezüge zur Individualpsychologie von Alfred Adler auf. Dessen Nähe zur Gestaltpsychologie war schon Grundlage dafür, dass sich Wolfgang Metzger, einer der namhaftesten deutschen Vertreter der Gestaltpsychologie, besonders für die Herausgabe der Schriften Adlers und für die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie eingesetzt hat.

Gestalttheoretische Psychotherapie dieser Ausprägung fand inzwischen hauptsächlich im deutschsprachigen Raum, in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, Verbreitung. In Österreich gehört Gestalttheoretische Psychotherapie zu den staatlich anerkannten wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden, die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (ÖAGP) bietet eine fachspezifische Psychotherapie-Ausbildung in diesem Verfahren an und gibt die Zeitschrift "Phänomenal - Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie" im Verlag Krammer, Wien, heraus.

Historisch und hier wiederum vor allem im englischsprachigen Raum haben sich allerdings bereits wesentlich früher verschiedene Ansätze zur Anwendung der Gestalttheorie im psychotherapeutischen Feld entwickelt[4]. Dies erfolgte im Wesentlichen im weiteren Rahmen einer Verbindung von Gestalttheorie und Psychoanalyse als der ursprünglich vorherrschenden Strömung in der Psychotherapie. Hier sind unter anderen die Arbeiten des Lewin-Schülers Junius F. Brown[5] und des Wertheimer-Mitarbeiters Erwin Levy[6] zu nennen.[7] Gestalttheoretische Einflüsse sind auch in der von S. H. Foulkes und W. Bion entwickelten Gruppenpsychoanalyse[8], in der Dynamischen Gruppenpsychotherapie [9] sowie in der Katathym-Imaginativen Psychotherapie von Hanscarl Leuner [10]unverkennbar. Vor allem im Bereich der Gruppenpsychotherapie und der psychotherapeutischen Arbeit mit psychotischen Patienten hat sich der Wertheimer-Mitarbeiter Abraham S. Luchins einen Namen gemacht[11].

Als eine der neueren Anwendungen der Gestalttheorie in der Psychotherapie ist die Gerichtete Spieltherapie (giocoterapia focale) zu nennen, die von Giancarlo Trombini und seinen Mitarbeitern an der Universität Bologna entwickelt wurde.

Ein weiterer gestaltpsychologisch fundierter psychotherapeutischer Ansatz hat sich in Deutschland seit Ende der 70er-Jahre auf der Grundlage der Morphologischen Psychologie von Wilhelm Salber (Universität Köln) entwickelt. Er ist inzwischen unter der Bezeichnung Analytische Intensivbehandlung für den Ausbildungsgang in Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie zugelassen.[12]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Walter: Gestalttheorie und Psychotherapie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994 (3. Auflage), ISBN 3-531-12621-0.
  • Hans-Jürgen Walter: Angewandte Gestalttheorie in Psychotherapie und Psychohygiene. Westdeutscher Verlag, Opladen 1996, ISBN 3-531-12855-8.
  • Gerhard Stemberger (Hrsg.): Psychische Störungen im Ich-Welt-Verhältnis. Gestalttheorie und psychotherapeutische Krankheitslehre. Krammer, Wien 2002, ISBN 3-901-81109-5.
  • Klaus Winkelhog: Gestalttheoretische Psychotherapie im Gefängnis. In: G. Hörmann und M.R. Textor (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie. Fünf Therapierichtungen in Fallbeispielen. Westdeutscher Verlag: Opladen 1992, S. 203-254
  • Wolfgang Zöller: Zum wissenschaftlichen Standpunkt der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: Gestalt Theory 18, S. 257-275
  • Renzo Canestrari & Giancarlo Trombini: Psychotherapie als Umstrukturierung des Feldes. In: S. Ertel, L. Kemmler & M. Stadler (Hrsg.), Gestalttheorie in der modernen Psychologie. Darmstadt 1975: Steinkopff, 266-273.
  • Rainer Kästl: Ein Rückblick auf die Entwicklung der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: Gestalt Theory 24, S. 143-223.
  • Rainer Kästl & Gerhard Stemberger: Gestalttheorie in der Psychotherapie. In: Journal für Psychologie 13 (4/2005), S. 333-371, urn:nbn:de:0168-ssoar-17128.
  • Gerhard Stemberger: Diagnostik: Gestalttheoretische Psychotherapie. In: H. Bartuska et al. (Hrsg., 2005), Psychotherapeutische Diagnostik. Wien, New York: Springer, S. 105-116, ISBN 3-211-25290-8.
  • Gerhard Stemberger: Gestalttheoretische Psychotherapie. In: G. Stumm (Hrsg., 2011), Psychotherapie: Schulen und Methoden. Wien: Falter Verlag, 3. Auflage, S. 218-227, ISBN 3-854-39448-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. dazu H.-J. Walter (1984), Was haben Gestalttheorie und Gestalt-Therapie miteinander zu tun?. In: Gestalt Theory 6, S. 55-69. Siehe auch die kommentierte Literatur-Übersicht zu diesem Thema: G. Stemberger (2010), Gestalttheoretische Kritik an Konzeptionen der Gestalt-Therapie. Bibliographie 1974-2010. In: Phänomenal 2(1), 51-53.
  2. Ein geschichtlicher Abriss dieser klinischen Anwendung der Gestalttheorie findet sich in: R. Kästl & G. Stemberger (2011): Anwendungen der Gestalttheorie in der Psychotherapie. In: H. Metz-Göckel, Gestalttheoretische Inspirationen: Anwendungen der Gestalttheorie. Handbuch zur Gestalttheorie Band 2, Wien: Verlag Krammer, S. 27-70.
  3. Eine kompakte Darstellung der Geschichte und Grundpositionen der Methode findet sich bei G. Stemberger, Gestalttheoretische Psychotherapie, in: G. Stumm (Hrsg., 2011), Psychotherapie - Schulen und Methoden. 3. Auflage. Falter Verlag, Wien, S. 218-227
  4. R. Kästl & G. Stemberger (2005): Gestalttheorie in der Psychotherapie. In: Journal für Psychologie 13 (4/2005), S. 333-371.
  5. Stone, William F., & Lorenz J. Finison (1980): The Social Psychology of J.F. Brown: Radical Field Theory. In: The Journal of Mind and Behavior, Vol. 1, No. 1, pp. 73-84; G. Stemberger (2009): Junius F. Brown (1902-1970): "Radikaler Feldtheoretiker" - Brückenbauer zwischen Gestaltpsychologie, Psychoanalyse und marxistischer Gesellschaftstheorie. In: Phänomenal 1 (1/2009), S. 38 - 41.
  6. G. Stemberger (2011): Erwin Levy - Gestalttheoretischer Psychiater und Psychoanalytiker (1907-1991). In: Phänomenal 3 (1/2011), S. 53 - 54.
  7. Ausführlich zu Geschichte und Inhalt der Beziehungen zwischen Gestalttheorie und Psychoanalyse: B. Waldvogel (1992), Psychoanalyse und Gestaltpsychologie. Stuttgart: Frommann Holzboog.
  8. E. Lemche (2010): Gestalttheoretische Aspekte in der Gruppenpsychoanalyse von S.H. Foulkes. In: Phänomenal 2 (1/2010), S. 31 - 37.
  9. vgl. Maria Majce-Egger (Hrsg., 1999), Gruppentherapie und Gruppendynamik - Dynamische Gruppenpsychotherapie. Theoretische Grundlagen, Entwicklungen und Methoden. Wien: Facultas.
  10. Vgl. den explizit auf die gestaltpsychologische Feldtheorie gegründeten psychopathologischen Ansatz in H. Leuner (1962), Die experimentelle Psychose (Berlin: VwB) sowie die gestaltpsychologische Fundierung des Katathymen Bilderlebens in H. Leuner (2012), Katathym Imaginative Psychotherapie (4. Auflage, Bern: Huber).
  11. vgl. R. Kästl & G. Stemberger (2011): Anwendungen der Gestalttheorie in der Psychotherapie, siehe oben.
  12. Träger ist die Wissenschaftliche Gesellschaft für Analytische Intensivbehandlung / Psychotherapie e.V. (WGI), siehe: http://www.wgi-online.de/
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