Goethes Diener

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Goethe im Jahre 1828

Goethes persönliche Diener genossen das Vertrauen ihres Hausherrn. Goethe verlangte von seinem Personal Diskretion, Fleiß und stetige Pflichterfüllung. Bei freier Kost, Logis und Livree erhielt der Cammerdiener einen Jahreslohn. Goethe „erzog“ sein Hauspersonal und förderte es nach erwiesenen Fähigkeiten. Besonders geeignete Bedienstete durften sich für Goethe als Schreiber betätigen oder sogar an den naturwissenschaftlichen Studien des Dichters teilnehmen. Goethe vermittelte verdiente Bedienstete in herzogliche Ämter oder fand sie testamentarisch ab.

Seinen Diener rief Goethe zumeist Carl.

Die Jahreszahl(en) in runden Klammern hinter dem Namen des Dieners bezeichnen den Zeitraum seiner Dienerschaft bei Goethe.

Philipp Seidel (1775–1788)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Philipp Friedrich Seidel wurde am 7. April 1755 in Frankfurt am Main als Sohn eines Spenglers [Klempner] geboren und starb am 19. November 1820 in Jena am Schlagfluß [Schlaganfall].

Seidels Vater stirbt früh. Seidel und seine drei Brüder müssen zeitig ihr Brot verdienen. Der tüchtige Autodidakt Seidel ist bei Goethes Eltern in Frankfurt als Hauslehrer tätig und erledigt geschickt Schreibarbeiten. Goethes Mutter schickt Seidel 1775 als Diener für ihren Sohn mit nach Weimar. Der intelligente Seidel hält über Jahre hinweg die Verbindung zwischen Herzogin Anna Amalia und Goethes Mutter in Frankfurt aufrecht. Goethe gestattet Seidel alle Freiheiten. Seidel lebt wie ein Herr und braucht Geld. Goethe besorgt für Seidel 1785 die Stelle eines Kammerkalkulators. Von Goethes eigenmächtig geplanter Reise nach Italien im September 1786 weiß vorab nur Seidel. Während Goethes Aufenthalt in Italien ist der ergebene Seidel Verbindungsmann zwischen Goethe und dem Weimarer Hofe. Goethe lässt sich von Seidel beraten. In den Briefen herrscht ein Ton wie zwischen zwei Freunden. Höchstens ausnahmsweise rügt Goethe eine kleine Pflichtverletzung bei dem Untergebenen. Als 1788 Christiane Vulpius in Goethes Haus einzieht, verdrängt sie Seidel als führende häusliche Vertrauensperson, woraufhin er den Haushalt verlässt. Diese Enttäuschung verwindet Seidel nicht, und sie lähmt seine Schaffenskraft. 1789 wird Seidel Rentkommissar und heiratet eine Weimarerin. Seine Frau stirbt bereits 1806. Seidel bleibt Witwer. Trotz des tiefen Bruchs erledigt Seidel noch jahrelang für Goethe Geschäftliches, in das sich Christiane nicht einzuarbeiten vermag. Ab etwa 1799 deutet sich bei Seidel eine Nervenkrankheit an. Goethe distanziert sich 1800 von dem ehemaligen Intimus. Seidel endet im Jenaer Irrenhaus.

„Ich freue mich, daß du wohl bist und meiner in Liebe gedenckst, gehe deinen Weg fort, sey fleisig in deinem Ämtgen, sey aufmerksam auf das, was sodann am nächsten liegt und sieh dich manchmal zur Erholung in einem weitern Felde um. Ich bin wohl und vergnügt.“

– Brief Goethes vom 17. Februar 1787 aus Rom an Philipp Seidel

Christoph Sutor (1776–1795)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christoph Erhard Sutor wurde am 14. März 1754 als Sohn eines Bäckers in Erfurt geboren und starb am 13. Dezember 1838 in Weimar.

Sutor, praktisch veranlagt, arbeitet im Hintergrund. Nach seiner Heirat zieht er wegen seiner Kinder aus Goethes Wohnung aus. Goethe hat nichts dagegen, als Sutor nebenbei Geld mit der Produktion von Spielkarten verdient. Außerdem duldet Goethe Sutors Leihbibliothek. Hauseigentümer Sutor wird schließlich angesehener Bürger und würdiger Ratsdeputierter von Weimar. Bis zu seinem Tode verehrt Sutor seinen ehemaligen Herrn Goethe.

„Als ich bei ihn kam, mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen können.“

– Sutor über Goethe (nach Schleif, S. 95)

„Sutor kann mir auch einmal schreiben wenn er Lust, und mir etwas zu sagen hat.“

– Brief Goethes vom 17. Februar 1787 aus Rom an Philipp Seidel

Paul Götze (1777–1794)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Georg Paul Götze wurde am 1. März 1761 als Sohn eines Clarinettisten von dem Weimarischen Infanterie Regiment in Weimar geboren und starb am 23. März 1835 in Jena.

Der Vater hat die Mutter mit den Kindern im Stich gelassen, als Götze bei Goethe Anstellung findet. Seidel unterrichtet den anstelligen Götze. Goethe nimmt Götze auf seine Reisen mit und lernt den Jungen als Schreiber an. „Schreiber“ Götze muss als Klippe die Frankfurter Mundart seines Herrn umschiffen. Als Goethe 1790 in Venedig auf seine Herzogin wartet, hat er viel Zeit für Götze. Nebenher als Goethes Kutscher bewährt sich Götze in Italien, Schlesien und Frankreich. Teufelsjunge Paul reitet im Auftrage seines Herrn zwischen Weimar und Frankfurt hin und her. Er erwirbt sich das Vertrauen von Goethes Mutter. Ab 1794 betraut Goethe Götze mit der Planung von herzoglichen Bauvorhaben. Götze wird Baukondukteur bei der Wegebaukommission, baut mit am Botanischen Garten in Jena, betätigt sich als Geldbeschaffer für das Bergwerk in Ilmenau, reguliert die Saale mit und steigt dank seiner Intelligenz zum Großherz. Wegebau-Inspector auf. Dekoriert mit der Silbernen Verdienstmedaille stirbt Götze verwitwet und kinderlos.

„Ich habe daher gesucht den in meinen Diensten schon an funfzehn Jahre stehenden Georg Paul Götze, von hier gebürtig, dergestalt zu bilden und anzuziehen daß er mir bißher, sowohl in meinen einigen als in denen mir gnädigst aufgetragnen Geschäften an Hand gehen können. Er hat das Glück Ew. Durchl. nicht unbekannt zu seyn, besitzt Gesundheit, Fähigkeit sinnliche Gegenstände gut zu beurtheilen und zweckmäßige Thätigkeit. Im Schreiben und Rechnen ist er nicht ungeübt, im Zeichnen vorzüglich geschickt, mit dem Berg und Wasserbau, auch sonstigen Bauwesen im allgemein bekannt; so wie sie seine Treue bißher in allen Fällen erprobt gewesen.“

– Brief Goethes vom 20. März 1794 an Herzog Carl August

Christian Georg Karl Vogel (1782–1786)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vogel wurde 1760 geboren und starb 1819. Er war von 1782 bis 1786 Goethes geschickter Privatschreiber. Zudem begleitete er den Dichter 1786 nach Karlsbad und 1792 nach Frankreich. Ab 1815 war Vogel Weimarer Kanzleirat.[1]

„An Christian Georg Carl Vogel

Herr Geheime Canzelley Secretär Vogel wird ersucht, mir einige Schreibmaterialien, besonders Briefpapier und von beykommendem Mittel Papier, zukommen zu lassen, auch mir Nachricht zu geben, wo besser und um welchen Preis es zu haben sey. Goethe.“

– Brief Goethes an Vogel, Weimar den 30. April 1805.[2]

Johann Ludwig Geist (1795–1804)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Jacob Ludwig Geist wurde am 14. April 1776 als Sohn eines Korbmachers in Berka an der Ilm geboren und starb am 1. April 1854 in Weimar.

Bis 1795 besucht der gelehrige Geist das Weimarer Schullehrer-Seminar. Er spricht Latein, spielt Orgel und kennt sich in der Botanik aus. Schiller bezeichnet ihn als Goethes wackren Spiritus. Goethe nimmt Geist 1797 in die Schweiz mit. Geist bewährt sich als Schreiber und darf Frankfurt und Göttingen auf eigene Faust erforschen. Geist übernimmt in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten – neben der Botanik ist es auch die Meteorologie – den sachlich-genauen Goethe-Ton. Goethe hält zu dem gebildeten Geist eine gewisse Distanz, verschafft seinem Schreiber aber 1805 eine Beamtenstelle und muss die Briefe fortan wieder eigenhändig schreiben. Geist steigt 1814 zum Hof Marschall Amts Rechnungs Revisor auf. Mit 67 Jahren wird Geist in den Ruhestand geschickt, genießt seine Pension noch elf Jahre, dichtet für die Blumenzeitung und stirbt an Altersschwäche.

„Wäre nicht mein Spiritus mit abschreiben von Inventarien beschäftigt so dicktirte ich geschwind etwas.“

– Brief Goethes vom 15. Juni 1799 an Schiller

Johann David Eisfeld (1806–1812)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann David Eisfeld wurde am 12. Februar 1787 als Sohn eines Zeugmachermeisters in Langensalza geboren und starb am 11. November 1852 in seinem Geburtsort.

Goethe wahrt Distanz zu Eisfeld, bezeichnet ihn jedoch als gescheit und gewandt. Eisfeld fährt jedes Jahr mit Goethe nach Karlsbad und lernt dort seine spätere Frau kennen. Eisfeld besitzt organisatorisches Talent. Er kann mit Goethes Besuchern umgehen. Als Eisfeld 1812 eine ansteckende Krankheit bekommt, wird er vom mitunter hypochondrisch gelaunten Goethe entlassen. 1813 heiratet Eisfeld. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor. Eisfeld betreibt gemeinsam mit seinem Bruder bis 1818 das städtische Schwefelbad in Langensalza als Pächter und Kastellan. Danach übernimmt Eisfeld den väterlichen Betrieb samt Landbesitz. Eisfeld stirbt als Ökonom (Landwirt).

„Daß Carl Eisfeld, von Langensalza gebürtig, sechs Jahre bey mir in Diensten gestanden und sich durch gutes Betragen empfohlen und in jeder Hinsicht zu der Stelle eines Cammerdieners oder einer ähnlichen qualificirt hat, auch mir auf Reisen und bey Krankheiten nützliche Dienste geleistet, solches habe demselben bey seiner Entlassung zu seiner weiteren Empfehlung hiermit attestiren wollen.“

– Goethes Attestat für Eisfeld vom 23. Oktober 1812

Carl Stadelmann (1814–1815, 1817–1824)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Wilhelm Stadelmann wurde am 21. Januar 1782 als Sohn der Maria Magdalena Bindnagel in Jena geboren und starb Ende 1844 in seinem Geburtsort.

Stadelmann kommt als Buchdruckergesell zu Goethe, hat also ein ehrbares Handwerk erlernt. Er ist bei Dienstantritt bereits 32 Jahre alt, verheiratet und hat schon Erfahrung als Diener. Goethe ist vom sicheren Auftreten des gewitzten Stadelmann beeindruckt. Während der zahlreichen Kutschfahrten hält Stadelmann immerzu begeistert nach mineralogischen Kostbarkeiten am Wege Ausschau, springt gegebenenfalls vom Bock und bringt das Stück seinem Herrn. Darauf Goethe, zum Feldspat in seinen Händen: Wie kommst denn du hierher? (Schleif, S. 178) Während der Rheinreise 1814 führt Stadelmann sogar ein eigenes Tagebuch und ziert es mit geologischen Einsprengseln. Wenn Stadelmann etwas entdeckt, das Goethes Farbenlehre tangiert, scheut er sich nicht, Goethe, Riemer und Meyer einfach zu unterbrechen. Goethe nimmt es mit Humor (Schleif, S. 183–184). Stadelmann kann über seine „Gelehrsamkeit“ selbst lächeln. Stadelmann wird wegen Trunksucht entlassen. Wahrscheinlich ist er nach dem Hinauswurf in Jena als Buchdrucker tätig. Als seine Frau 1834 stirbt, geht es mit ihm weiter bergab. Einen Höhepunkt erlebt er aber noch. Am 22. Oktober 1844 darf er das Goethedenkmal in der Geburtsstadt seines Herrn enthüllen. Stadelmann erhängte sich im Jenaer Armenhaus.

„Stadelmann muss in Karlsbad am 27. August morgens Goethe Rotwein aufs Zimmer bringen. Als Goethe ausgetrunken hat, kommen ihm Zweifel, ob er schon Geburtstag hat. Kalender her! befiehlt er. Stadelmann bringt den Kalender. Goethe: Donnerwetter! Da habe ich mich umsonst besoffen!

– Anekdote überliefert vom Schauspieler Eduard Franz Genast (1797–1866) (nach Schleif, S. 176–177)

„Goethes Kutscher Barth hielt während der Fahrt zusammen mit Stadelmann nach merkwürdigen Steinen am Wege Ausschau und signalisierte seinem Meister: Herr geheeme Rath, ich globe, da is was für uns.

– Anekdote überliefert vom Jenaer Buchhändler Frommann (nach Schleif, S. 181 unten)

„Stadelmann hat schon die Gebirge tüchtig durchgeklopft, die vorjährige geordnete Sammlung haben wir wieder gefunden, wodurch denn alles erleichtert ist.“

– Brief Goethes vom 8. Juli 1823 aus Eger an seinen Sohn August

Mitglieder der Goethe-Gesellschaft, sonst eher weihevoll, verspotten sich selbst – gründen als Ableger eine Stadelmann-Gesellschaft.

Claudio Magris schrieb 1988 ein Drama Stadelmann.

Ferdinand Schreiber (1816)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ferdinand Schreiber starb im Alter von 52 Jahren anno 1849 in Jena.

Goethe ist voll des Lobes über Schreiber, den er als Schreiber einsetzt, entlässt ihn aber krankheitshalber bald.

„Schreiber ins Siechhaus.“

– Goethes Tagebuch vom 19. November 1816

Johann August Friedrich John (1814–1832)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann August Friedrich John wurde am 24. Januar 1794 als Sohn eines Stubenmalers in Weimar geboren und starb 1854 an einem Blutsturz in seinem Geburtsort.

John zieht 1814 bei Goethe in jene Mansarde ein, die Riemer 1812 geräumt hat. 1820 heiratet John und zieht aus dem Frauenplan aus. Als Großherzog Karl August (Sachsen-Weimar-Eisenach) 1828 stirbt, geht der Dichter trauernd nach Dornburg und nimmt John mit. Treu, umsichtig und verschwiegen tut John bis zuletzt Dienst bei seinem Herrn, erlebt alles mit. Nach 1832 wurde John herzoglicher Kopist. Der Brustkranke hinterlässt bei seinem Tode die Frau und zwei Kinder.

„Stadelmann setzte seine Bergforschungen, John seine Wetterbeobachtungen fort, und in beiden bin ich, sowohl was das Allgemeine als Besondere betrifft, wirklich weiter gekommen.“

– Brief Goethes vom 30. August 1823 aus Karlsbad an seinen Sohn August

Michael Färber (1814–1832)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Michael Christoph Färber wurde am 25. Januar 1778 als Sohn eines Schwertfegers in Jena geboren und starb am 25. November 1844 an Brustwassersucht in seinem Geburtsort.

Färber wird – durch Goethe vermittelt – Großherzogl. Museums-Schreiber in Jena, dient Goethe treu und steigt zum Museumsinspektor auf. Er hinterlässt Frau und Sohn.

„Ich wünsche daher, mein guter Färber, daß Sie sich nach den Umständen erkundigen, wann die Kisten abgegangen? durch welchen Fuhrmann? durch welche Spediteurs-Vermittelung?“

– Briefkonzept Goethes an Färber vom 4. Dezember 1824

Gottlieb Friedrich Krause (1824–1832)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gottlieb Friedrich Krause wurde am 4. Juli 1805 als Sohn eines Krämers in Lehnstedt bei Weimar geboren und starb am 9. November 1860 in Ilmenau.

Krause besucht das Weimarer Schullehrer-Seminar. Als Franz Kugler am 5. Mai 1827 Goethe aufsucht, schildert er Krause als feinen Bedienten, der sehr auf die Form achtet (Schleif, S. 214). Zum Dank für die achtjährige Pflege vermacht Goethe seinem Krause Geld und ein Stück Krautland. Bis 1837 bleibt der Diener bei Goethes Schwiegertochter. Krause heiratet 1832, lässt sich 1846 scheiden, heiratet noch einmal und ist als Amtsdiener in Vieselbach und Ilmenau tätig.

„Der Diener Krause trat heute früh seinen Dienst an.“

– Goethes Tagebuch vom 1. Dezember 1824

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Schleif: Goethes Diener. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1965 (Beiträge zur deutschen Klassik, Bd. 17)
  • Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon. Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9
  • Niels Höpfner: Goethe und sein 'Blitz page' Philipp Seidel. Zur Homosexualität des Dichterfürsten. Düsseldorf 2004, ISBN 3-87365-335-4

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilpert, S. 1122
  2. Goethe, Briefe anno 1805 bei Zeno.org