Farbenlehre (Goethe)

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Farbenkreis, aquarellierte Federzeichnung von Goethe, 1809, Original: Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum

Die auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgehende Farbenlehre ist in Goethes Werk Zur Farbenlehre enthalten. Er stellte darin seine während vieler Jahre gemachten Überlegungen, Literaturstudien und Versuche über das Wesen der Farbe dar. Goethe wollte das Phänomen Farbe nicht einseitig physikalisch oder lediglich von einem ästhetischen oder praxisbezogenen Standpunkt aus beurteilen und erklären, sondern in seiner Gesamtheit erfassen und beschreiben. Anerkennung erreichte er jedoch nur mit dem Abschnitt „Physiologische Farben“, der die Erkenntnisse zur Farbwahrnehmung enthält. Er irrte speziell im Abschnitt „Physische Farben“, der von ihm als Widerlegung der vorwiegend von Isaac Newton stammenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gedacht war. Goethe selbst schätzte die Ergebnisse seiner Forschungen zur Farbe höher ein als die seines gesamten literarischen Schaffens. Noch im hohen Alter sagte er zu Johann Peter Eckermann: „Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. […] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute […].“[1]

Das Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kantenspektren
links: dunkler Streifen auf hellem Hintergrund
rechts: heller Streifen auf dunklem Hintergrund
Light and Colour, 1843, Ölgemalde von William Turner

Im engeren Sinne versteht man unter Goethes Farbenlehre die dreiteilige Schrift, die Goethe im Jahr 1810 unter der Überschrift Zur Farbenlehre veröffentlicht hat. Sie besteht aus einem "Didaktischen Teil",[2] einem "Polemischen Teil"[3] und einem "Historischen Teil"[4]. Ferner wurde 1810 noch ein Band mit Tafeln[5] veröffentlicht. Im weiten Sinne versteht man unter Goethes Farbenlehre sämtliche Schriften Goethes zu seiner Farbforschung. So verstanden besteht das Werk zusätzlich unter anderem aus diesen Einzelarbeiten:

  • Beiträge zur Chromatik
    • Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken
    • Von den farbigen Schatten
  • Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt
  • Erfahrung und Wissenschaft
  • Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben.

Goethe bemühte sich zeitlebens intensiv um die Verbreitung und wissenschaftliche Anerkennung dieses umfangreichsten seiner Werke, so durch Georg Christoph Lichtenberg, der seinen Thesen freilich nicht beipflichtete, sowie durch Arthur Schopenhauer. Doch während die Farbenlehre Goethes bei Künstlern wie Philipp Otto Runge und William Turner Anklang fand, konnten sich seine Ansichten gegen Isaac Newtons hundert Jahre ältere Theorie des Lichtes in der Naturwissenschaft nicht durchsetzen. Newton hatte experimentell nachgewiesen, dass sich das weiße Licht aus farbigen Lichtern zusammensetzt, dagegen versuchte Goethe zu zeigen, dass das weiße Licht nicht zusammengesetzt ist und sich Farben aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis ergeben. In diesem Sinne deutete er die Kantenspektren, die er beim Betrachten dunkler Streifen auf hellem Hintergrund und heller Streifen auf dunklem Hintergrund durch ein Prisma sah. Diese Erfahrung gab ihm den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung seiner eigenen Farbenlehre.

Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist die Farbenlehre bis heute deshalb, weil sie Goethes ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert. Sie belegt seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion. Aus dieser Anschauung und dem subjektiven Empfinden leitete er auch die psychologischen Wirkungen der Farben auf den Menschen ab und entwickelte damit eine Art Farbenpsychologie.

Goethe nahm an vielen naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit regen Anteil und befand sich mit vielen Forschern seiner Zeit in brieflichem oder persönlichem Kontakt. Für das naturwissenschaftliche Interesse Goethes ist der Einfluss von Johann Gottfried Herder bedeutend.

Die Erstausgabe von Zur Farbenlehre erschien am 16. Mai 1810 in einer Auflage von 500 Stück auf weißem und 250 Stück auf grauem Papier in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung.[6]

Zum wissenschaftshistorischen Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in der Antike war die Lichtbrechung ein Thema, da deren Verständnis für die richtige Positionsbestimmung von Gestirnen in der Astronomie wichtig war. Als Begründer der modernen Optik kann Johannes Kepler mit seiner Schrift Paralipomena ad Vitellionem von 1604 gelten. Schon vor 1600 kam es zu verschiedenen Versuchen, die Entstehung der Farben des Regenbogens durch Brechung zu erklären – etwa bei Roger Bacon und Dietrich von Freiberg. Allerdings war eine exakte Formulierung erst mit dem Brechungsgesetz möglich, das durch Willebrord van Roijen Snell und René Descartes richtig formuliert wurde.

Zur Erklärung des Sehens und des Lichtes existierten bis in das 17. Jahrhundert im Wesentlichen drei verschiedene, einander widersprechende Modelle. Sie wurden je nach dem Phänomen, das es zu erklären galt, wechselweise herangezogen:

  • Sehstrahlen, die das Auge aussendet, tasten die Objekte in der Umgebung ab, ähnlich einem Blindenstock oder einem modernen Radar. Diese Auffassung war in der Antike verbreitet. Sie wurde um 1000 n. Chr. durch den arabischen Gelehrten Alhazen widerlegt. Allerdings fanden dessen Erkenntnisse im Abendland erst später durch die Vermittlung Keplers und Witelos Verbreitung. Die Herleitung der Prinzipien der Perspektive in der Renaissance fanden teilweise am Modell der Sehstrahlen statt.
  • Lichtäther als unendliches und fluides Medium ist nötig zur Erklärung der Welleneigenschaften des Lichtes, die sich bei Beugungsphänomenen zeigen, wie beim Prinzip nach Huygens. Die Vorstellung, dass sich von den Dingen beständig Abbilder lösen und im Auge die Dinge wiedergeben, war bereits in der Antike vorhanden.
  • Die Korpuskeltheorie des Lichtes unterstellt, dass eine Menge sehr schneller Teilchen von einer Lichtquelle emittiert wird, vergleichbar mit Kanonenkugeln. Newton lieferte mit diesem Modell eine Erklärung der Aufspaltung des Lichtes im Prisma, so wie im Regenbogen, mittels Dispersion.

Zu Newtons Zeiten im 17. und 18. Jahrhundert gab es kontroverse Diskussionen, ob Licht korpuskularen oder wellenartigen Charakter besitzt. Das Rätsel der überzähligen Bögen beim Regenbogen veranlasste 1801 Thomas Young zur Durchführung seines berühmten Doppelspaltexperimentes. Er wies damit die Wellennatur des Lichtes nach und konnte im Gegenzug 1804 das Geheimnis durch die Betrachtung von Interferenzerscheinungen lüften.

1800 datiert als das Jahr der Entdeckung des Infrarots durch William Herschel, was nachweislich auch von Goethe beachtet wurde. 1801 folgte die Ultraviolettstrahlung durch Johann Wilhelm Ritter, mit dem Goethe im Herbst 1800 wissenschaftlich zu kooperieren begonnen hatte. Weil Ritter einen Tag nach seiner Entdeckung bei Goethe vorsprach und zwei Tage danach mit ihm experimentierte, spricht alles dafür, dass Goethe einer der ersten war, die von Ritters Entdeckung erfuhren.[7]

Gemäß seinem Verständnis von der „Einheit der Natur“ stellte Goethe nicht nur physikalische Fragen, etwa nach der Natur des Lichtes, sondern fragte auch danach, wie es, insbesondere die Farbe, wahrgenommen wird. Letzteres ist keine rein physikalische Fragestellung. Goethe kam nicht in Widerspruch zur physikalischen Wissenschaft, weil er über deren Fragestellung hinausging, sondern weil er deren Antworten für falsch hielt und durch eigene falsche physikalische Schlüsse ersetzte. Anlass war sein Blick durch ein Prisma, von dem er irrtümlich die gleichen Ergebnisse erwartete wie Newton aus seinem Prismen-Experiment. Weil das nicht der Fall war, schloss er fahrlässig, „dass die Newtonische Lehre falsch sei.“

Das Prismen-Experiment[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Newton hatte einen durch ein Loch fallenden engen Lichtstrahl durch ein Prisma geleitet und dabei die im weißen Licht enthaltenen farbigen Lichter – die Spektralfarben – getrennt sichtbar gemacht; in diesem berühmten Experiment zeigen sich die Farben Blau, Türkis, Grün, Gelb, Rot (mit vielen feinen Zwischenstufen).

Goethe gab selbst eine Beschreibung, wie er sein allererstes Experiment zur Zerlegung des Lichts durch ein Prisma durchführte:

„Eben befand ich mich in einem völlig geweißten Zimmer; ich erwartete, als ich das Prisma vor die Augen nahm, eingedenk der Newtonischen Theorie, die ganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefärbt, das von da ins Auge zurückkehrende Licht in so viel farbige Lichter zersplittert zu sehen.
Aber wie verwundert war ich, als die durchs Prisma angeschaute weiße Wand nach wie vor weiß blieb, dass nur da, wo ein Dunkles dran stieß, sich eine mehr oder weniger entschiedene Farbe zeigte, dass zuletzt die Fensterstäbe am allerlebhaftesten farbig erschienen, indessen am lichtgrauen Himmel draußen keine Spur von Färbung zu sehen war. Es bedurfte keiner langen Überlegung, so erkannte ich, dass eine Grenze notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich laut aus, dass die Newtonische Lehre falsch sei.“

Goethe: Zur Farbenlehre, Historischer Teil, Von Dollond bis auf unsere Zeit, Konfession des Verfassers, 1810[8][9]

Seine weiße Wand war eine ausgedehnte Lichtquelle. Jeder einzelne Lichtstrahl wird beim Prismendurchgang in ein Büschel farbiger Strahlen zerlegt. Aber jeder dieser farbigen Einzelstrahlen wird von Einzelstrahlen aller anderen Farben, die von den benachbarten eintretenden Strahlen stammen, überlagert. In der Summe verlassen wieder weiße Strahlen das Prisma, außer wenn keine benachbarten weißen Strahlen eintreten. Dann fehlen mehr oder weniger der anderen Teilstrahlen in der Überlagerung, und ein farbiger Eindruck entsteht. Goethes Spektren entstanden dort, wo die eintretenden Nachbarstrahlen fehlten oder sehr lichtschwach waren, nämlich zum Beispiel an den Kanten der Fensterstäbe. Sie bildeten einen Halbspalt und erzeugten ein Kantenspektrum. Newton machte sein Experiment konsequenter, indem er nicht nur einen ganzen Spalt, sondern sogar ein Loch verwendete und so die störenden Nachbarstrahlen rundum zurückhielt. Dass es in seinem Labor rund um den Versuchsaufbau dunkel sein musste, verspottete Goethe zum Beispiel mit den Zeilen:[10]

„Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt, … .“

Goethe: Xenien, 6. Buch[11]

Obwohl Goethe selber unzählige physikalische Experimente in der eigens eingerichteten Dunkelkammer in seinem Haus am Frauenplan in Weimar durchführte, beschränkte er sich nicht auf diese Versuchsanordnung mit wenig Licht und viel Dunkelheit. Genauso wichtig waren ihm Experimente mit entgegengesetzten Beleuchtungsbedingungen, also mit viel Licht und wenig Dunkelheit. Das wichtigste dieser Experimente bietet die genaue Umkehrung des berühmten Experiments von Newton; Goethe stellte sein Prisma ins volle Sonnenlicht und klebte in dessen Mitte einen schwarzen Pappkreis, der genauso groß war wie das newtonische Loch.[12] Die überraschende Beobachtung Goethes ist oft reproduziert worden: Wieder ergibt sich ein farbiges Spektrum, aber mit den Komplementärfarben des Newtonspektrums: Gelb (anstelle von Newtons Blau), Rot (anstelle von Newtons Türkis), Purpur-Magenta (anstelle von Newtons Grün), Blau (anstelle von Newtons Gelb), Türkis (anstelle von Newtons Rot). Weil Goethe beide Experimente völlig gleichberechtigt fand, weigerte er sich, immer nur im Dunklen zu experimentieren. Goethe ging von einer Dualität von Licht und Dunkelheit aus, sah also beides als gleichberechtigte (polare) Faktoren für die Farbentstehung.

Rezeption von Naturwissenschaftlern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Goethes Lebzeiten (also zwischen 1810 und 1832) haben sich zahllose Naturwissenschaftler und Mathematiker über Goethes Newton-Kritik in der Farbenlehre geäußert, und zwar in Rezensionen, Büchern, Buchkapiteln, Fußnoten, offenen Briefen. Die meisten dieser Voten (knapp die Hälfte) sprach sich gegen Goethe aus, insbesondere Thomas Young, Louis Malus, Pierre Prévost und Gustav Theodor Fechner. Ein Drittel der Stellungnahmen aus der Naturwissenschaft äußerte sich zugunsten Goethes, insbesondere Thomas Johann Seebeck, Johann Salomo Christoph Schweigger und Johann Friedrich Christian Werneburg, und ein Fünftel äußerte sich ambivalent oder unentschieden.

Hermann von Helmholtz, der Goethe nicht nur als Dichter, sondern auch wegen seiner sonstigen naturwissenschaftlichen Arbeiten hoch schätzte, hielt die Hauptthese der Farbenlehre für schlichtweg falsch. Zugleich sah er, was Goethe veranlasste, sich auf diese These zu versteifen: „Weiss, welches dem Auge als der einfachste, reinste aller Farbeneindrücke erscheint, sollte aus dem unreineren Mannigfaltigen zusammengesetzt sein. Hier scheint der Dichter mit schneller Vorahnung gefühlt zu haben, dass durch die Consequenzen dieses Satzes sein ganzes Princip in Frage komme, und deshalb erscheint ihm diese Annahme so undenkbar, so namenlos absurd. Seine Farbenlehre müssen wir als den Versuch betrachten, die unmittelbare Wahrheit des sinnlichen Eindrucks gegen die Angriffe der Wissenschaft zu retten. Daher der Eifer, mit dem er sie auszubilden und zu vertheidigen strebt, die leidenschaftliche Gereiztheit, mit der er die Gegner angreift, die überwiegende Wichtigkeit, welche er ihr vor allen seinen anderen Werken zuschreibt, und die Unmöglichkeit der Ueberzeugung und Versöhnung.“[13]

Heisenberg schrieb 1941,[14] dass die Einteilung der Welt in eine objektive, durch Naturwissenschaft erforschbare, und eine subjektive, unserem ursprünglichen Welterleben zugängliche Wirklichkeit vom Standpunkt der modernen Physik nicht haltbar sei.[15] Newton und Goethe gingen demnach von unterschiedlichen Schichten der Wirklichkeit aus, der Einsatz seiner Messtechnik liefert bei Newton eine intersubjektive Vergleichbarkeit der Versuchsdaten, Goethes Farbstudien seien dagegen lediglich subjektiv real im Gegensatz zur objektiven Realität der Newtonschen Studien.[16] Friedrich Steinle betont, dass trotz unterschiedlicher Versuchsmethodik beide paradigmatisch für ein unterschiedliches experimentelles Arbeiten stehen, beide aber klar innerhalb des Systems der modernen Naturwissenschaft. Ähnlich wie Goethe seien auch Michael Faraday und David Brewster vorgegangen.[17]

In einer Dissertation wurde 2015 eine von Goethe entdeckte Eigenschaft spektraler Phänomene, die „Komplementarität optischer Spektren“ experimentell untersucht.[18] Die Experimente stellen symmetrisierte Verallgemeinerungen der Experimente Newtons dar. Sie zeigen, dass es unter sehr allgemeinen Bedingungen nicht möglich ist, ein Spaltspektrum zu erzeugen, ohne simultan die Bedingungen für die Entstehung des komplementären Spektrums zu schaffen. Zueinander komplementäre Spektren erweisen sich so als Teilphänomene eines experimentellen Bedingungszusammenhangs.[19]

Das helle Bild (Gegenstand) auf dunklem Grund

Eine 2019 veröffentlichte Studie zu den Spektralfarben[20] bestätigte Goethes Erklärung, welche das entstehende Spektrum aus einer Überlagerung von mehreren vollständigen Bildern betrachtet.[21] So zeigten die einzelnen Nebenbilder der Spektren von Gesichtern nicht nur eine ebenmäßig einfarbige Fläche, sondern auch die Schatten und Konturen des betrachteten Gegenstandes (Hauptbildes). In einem solchen Spektrum sind also sechs vollständige Gesichter zu sehen.[22] Meistens ist aber die Überlagerung der einzelnen Bilder so eng, dass diese als solche nicht erkannt werden. Auch der Physiker Sascha Grusche konnte anhand von Farbfiltern die Existenz von mehreren vollständigen einfarbigen Bildern im Spektrum wahrnehmen.[23]

Dagegen konnte die Entstehung eines vollständigen Spektrums aus den beiden Kantenspektren rot-gelb und cyan-blauviolett nicht bestätigt werden. Somit ist Goethes Erklärung der Spektralfarbe Grün aus der Überlagerung der Farben Gelb und Cyan falsch.[24] Entsprechendes gilt für die Magenta-Farbe des Steg-Spektrums.[25]

Spektrum des Hauptbildes. Man sieht die »unvollständige Bildüberlagerung« von drei starken und drei schwachen Nebenbildern. Hier werden die Überlagerungsfarben additiv aufgehellt.

In Detailstudien konnte gezeigt werden, dass in jedem Spektrum drei starke und drei schwache Nebenbilder entstehen. Die Reduktion der Spektralfarben bei ganz engem Spalt auf die drei Farben Rot-Grün-Blau (RGB) und bei entsprechend schmalem Steg auf Cyan-Magenta-Gelb (CMY) wurde schon von mehreren Forschern beobachtet.[26] Sie bestätigt die Existenz der drei starken Nebenbilder und widerliegt gleichzeitig, sowohl Newtons, als auch Goethes Annahme. Dieser ging von den Urfarben Gelb und Blau (Cyan) aus, die sich, entsprechend den atmosphärischen Farben, zu Rot und Blauviolett steigern sollen. Aus den Farben Gelb und Cyan versuchte er als fünfte Farbe das Grün herzuleiten. Newton hingegen nahm insgesamt sieben Spektralfarben an, wobei er auch die Mischfarben Cyan und Gelb zu den »reinen Spektralfarben« zählte. Beide Forscher haben also »zu viele Primärfarben« angenommen. Diese Umstände und die Beobachtungen am Steg-Spektrum machen eine völlige Neuordnung der »echten Spektralfarben« nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.[27]

Indem der strukturelle Aufbau des Spektrums mit insgesamt sechs Nebenbildern eindeutig feststellbar ist, erweist sich Goethes Annahme, das Spektrum entstehe aus nur einem Haupt- und Nebenbild, als unzureichend.[28] Darüber hinaus verweilt, im Sinne seiner eigenen Terminologie, das Hauptbild an seinem Ort und ist an der Entstehung des Spektralbildes nicht beteiligt. In geschickt gewählten Versuchsanordnungen kann das Hauptbild gleichzeitig von dem völlig getrennt liegenden Spektrum gesehen werden.[29] – Schon der Zeitgenosse Christian Wünsch nahm drei Nebenbilder an und erklärte daraus das Spaltspektrum zutreffender als Goethe. Dieser verurteilte Wünsch zu Unrecht, indem er von dessen vertrackten drei Urfarben sprach.[30]

Im Gegensatz zum „dreizähligen Vollspektrum“, das sich aus den drei starken Nebenbildern zusammensetzt, ist die Verifizierung der deutlich schwächeren Nebenbilder neu (2019). Sie konnte durch zahlreiche Aufnahmen eindeutig nachgewiesen werden.

Mit dem Nachweis von deutlich begrenzten Nebenbildern erweist sich die Theorie von unendlich vielen (Spektral-)Farben mit gleitenden Übergängen als falsch, da diese sich auf ein zusammengesetztes Phänomen bezieht. Die Verwischung der Bildgrenze liegt im sogenannten »objektiven Versuch« begründet, wo sich, wie beim Schlagschatten, mit zunehmender Distanz vom Schattenwerfer, die Grenzen zwischen Hell und Dunkel verwischen. Die Vermischung der Bildgrenzen der einzelnen Nebenbilder (Spektralfarben) ist demnach ein sekundäres Geschehen, das den getrennten Ursprung verwischt und zudeckt. Im eingebundenen Versuch mit dem Prisma vor dem Auge findet diese Verwischung nicht statt und die Farben werden von deutlichen Linien begrenzt, wie sie Goethe in den Kantenspektren beschrieben hat. Dabei zeigt jede Linie den Rand des jeweils einfarbigen Nebenbildes.[31]

Goethe versuchte die Erscheinung der einfarbigen Nebenbilder (Spektralfarben) aus der „Lehre von den trüben Mitteln“ abzuleiten[32], welches auf dem Gebiet der atmosphärischen Farben zutrifft. In Versuchen mit deutlich getrennten Nebenbildern konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass die Nebenbilder selbst bereits farbige Erscheinungen sind. Diese von Goethe angenommenen schwebenden und trüben Nebenbilder, müssten vor gleichem Hintergrund gesehen gleichfarbig sein, sind es aber nicht. Darüber hinaus könnte nach dem Gesetz ein trübes, aber farbloses Nebenbild vor hellem Untergrund zwar ein Gelb hervorbringen, aber in keinem Falle ein Cyan. Goethes Annahme, die Spektralfarben ebenfalls auf die Urphänomene Gelb und Blau zurückzuführen und entsprechend aus dem Gesetz der trüben Mittel zu erklären trifft hier nicht zu.[33] Dennoch muss die Entstehung der Nebenbilder »im und durch das Prisma« angenommen werden, worauf Goethe immer wieder hinwies.[34]

Die Untersuchung der angeblich „weißen Bildmitte“ des Spektrums ergab, dass die Wahrnehmung hier von einer »optischen Täuschung« beeinflusst wird. Diese wird durch ein Kontrastphänomen hervorgerufen[35]. Zum Nachweis der wirklichen Farbe bzw. Helligkeit sind daher bestimmte Vorkehrungen nötig, die schon Goethe in einem „Kontrollstreifen gleicher Hellung“ einforderte.[36] Da es sich hier um die Überlagerung von mehreren monochromen Nebenbildern handelt bestätigt sich Goethes Beobachtung, der beständig wiederholte, dass die Mischung mehrerer Farben niemals weiß sein könne, da die Farbe selbst ein „lumen opacatum, ein Schattiges“ sei.[37] Gleichzeitig widerspricht diese Erkenntnis aber Goethes Annahme, die helle, farblose Fläche zwischen den Kantenspektren sei das ursprünglich weiße Hauptbild.[38]

Bedeutend erwies sich auch das von Goethe entdeckte »Umkehr-Spektrum « (Steg-Spektrum), in welchem sich die Spektralfarben anders mischen als im gewöhnlichen Spalt-Spektrum Newtons. Im Spalt-Spektrum, das bei »hellem Bild auf dunklem Grund« entsteht, mischen sich die Farben additiv und hellen sich in der Überlagerung auf. Im Steg-Spektrum, das beim »dunklen Bild auf hellem Grund« entsteht, mischen sich die Farben subtraktiv und dunklen sich in der Überlagerung ab. Die beiden gegensätzlichen Ausgangsbedingungen haben also ein anderes Farbmischgesetz zur Grundlage. Die Spektren beider Pole sind gleichwertig, womit auch die entstehenden Spektralfarben des Steg-Spektrums als echte Spektralfarben anzuerkennen sind.[39] In diesem Sinne entspricht die Magenta-Farbe des Steg-Spektrums dem Grün des Spalt-Spektrums, da beide Farben zu dem mittleren Nebenbild im jeweiligen Spektrum gehören. Damit wirft die bisher als ausschließliche Mischfarbe angenommene Magenta-Farbe ein weiteres Problem auf, denn sie lässt sich nun nicht mehr in das vorhandene Schema einordnen.

Eine ausführliche Untersuchung von Newtons experimentum crucis konnte Goethes Einwand bestätigen, dass jede ausgesonderte Spektralfarbe nach einer weiteren Refraktion ein neues Spektrum hervorbringt.[40] Goethe widersprach also zu Recht Newtons Behauptung:

 Zweite Proposition. Zweites Theorem: „Das Licht der Sonne besteht aus  Strahlen von verschiedener Refrangibilität.“ (Newton [41])

Der Definition nach widerlegte Newton mit diesem Hauptbeweis selbst seine eigene Theorie, da die Erscheinung weiterer Spektralfarben nach dem zweiten Prisma seiner Schlussfolgerung widersprechen. Auch Grebe-Ellis und Matthis Rang sprechen im erweiterten experimentum lucis vom Monochromatizitätsnachweis der jeweils ausgesonderten Spektralfarbe, obwohl auch hier die entsprechenden Abbildungen ein mehrfarbiges Spektrum zeigen.[42] Darüber hinaus machen direkte Vergleiche von Spalt- und Steg-Spektrum deutlich, dass es mindestens immer zwei echte Spektralfarben gibt, die nach Newtons Lichtlehre denselben Brechungswinkel, also dieselbe »diverse Refrangibilität« besitzen müssten. Dies bestätigen auch die Versuche von Rang mit der Spiegelspaltblende.[43] Die direkte Verknüpfung einer Spektralfarbe mit einem Brechungswinkel bzw. einer Wellenlänge ist daher einer neuen Prüfung zu unterziehen.[44] Auch darauf hat Goethe durch die gleichzeitige Beobachtung von Spalt- und Steg-Spektrum schon hingewiesen. Der entsprechende Versuchsaufbau ist noch heute im Goethe Nationalmuseum zu sehen.[45]

Bei der Untersuchung der von Ingo Nussbaumer entdeckten „Unordentlichen Spektren“[46] bestätigte sich der von Goethe beschriebene

„Zusammentritt der Farbe des Nebenbildes mit der realen Farbe des […] [Hintergrundes], und es erscheint daher eine zusammengesetzte, entweder durch Übereinstimmung begünstigte oder durch Widerwärtigkeit verkümmerte Farbe.“

Goethe: Farbenlehre[47]

Es handelt sich also im Falle der Unordentlichen Spektren nur scheinbar um »neue« Spektralfarben.

Vorarbeiten zur Farbenlehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Goethes intensive Beschäftigung mit dem Thema Farbe begann spätestens 1777, als er farbige Schatten in der Abendsonne auf Schnee am Brocken wahrnahm. Etwa 1790 sah er bei einem Blick durch ein Prisma Kantenspektren (siehe Prismenexperiment), deren etablierter naturwissenschaftlicher Deutung er seine eigene Auffassung über die Natur des farbigen Lichtes unter dem Titel Beiträge zur Chromatik entgegensetzte. Sie steht am Anfang der 1810 erschienenen und 1820 erweiterten Schrift Zur Farbenlehre, wurde aber schon 1791/95 unter dem Titel Beiträge zur Optik vorab veröffentlicht.

Ein Zitat zu seiner Harzreise (29. November bis 16. Dezember 1777) erschließt die emotionale Basis für das Interesse Goethes an den Farben.

„Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend vom Brocken herunter, die weiten Flächen auf- und abwärts waren beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zerstreut stehenden Bäume und vorragenden Klippen, auch alle Baum- und Felsenmassen völlig bereift, die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter.
Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees, schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so mußte man sie nun für hochblau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen widerschien. Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die ganze, mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün verglichen werden konnte.
Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor.“

Rückblick

Derartige Beobachtungen finden sich gleichfalls auf der Reise nach Italien. Hier beschäftigte er sich wohl während seiner Italienreise (1786–1788) aus künstlerischem Interesse mit dem Kolorit in der Malerei. Er aquarellierte selbst und studierte die italienische Landschaftsmalerei. Eine der theoretischen Schriften, die er studierte, war der Traktat De radiis visus et lucis in vitris, perspectivis et iride von Marco Antonio de Dominis.[48]

Erste wissenschaftliche Vorarbeiten zur späteren Farbenlehre stellen die Beiträge zur Chromatik dar, die 1791 und 1792 zunächst noch als Beyträge zur Optik im Verlag des Industrie-Comptoirs Weimar erschienen und dann in der Farbenlehre im engeren Sinne Eingang fanden.

Im Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken, einem Manuskript aus dem Jahre 1794, eruiert Goethe die „Schwierigkeit, sich zu erklären und zu vereinigen, was man unter Weiß verstehe [2, 90]. … Newton sagt, die weißen und alle grauen Farben zwischen Weiß und Schwarz können aus Farben zusammengesetzt werden.“ (2, 87) Das Problem der Entstehung von Weiß stellt für Goethe auch später den Schlüssel zum Verständnis der Farben dar, und er führt eine Reihe von Sachverhalten an.

„Wir haben aber noch auf einen merkwürdigen Umstand acht zu geben. Sobald wir alle Farben des Schemas in einer gewissen Proportion zusammenmischen, so entsteht eine Unfarbe daraus …, welche auf weißes Papier gestrichen, uns völlig den Begriff von Grau ergibt (2, 83)“ … und widerspricht damit Newton: „Ich darf dreist sagen: man erdenke sich Versuche, von welcher Art man wolle, so wird man niemals imstande sein, aus farbigen Pigmenten ein weißes Pigment zusammenzusetzen, das neben oder auf vollkommen reinem Schnee oder Pulver nicht grau oder bräunlich erscheine.“

2,86

Dieser Disput beruhte auf den unterschiedlichen Annahmen beider. Während Newton die additive Farbsynthese von Licht untersuchte, beschäftigte Goethe sich mit der subtraktiven Farbsynthese der Farbmittel. Der Aufsatz Von den farbigen Schatten, eine weitere Vorarbeit zur Farbenlehre, stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1792.

Als eine methodische und programmatische Vorarbeit im weiteren Sinne kann der Aufsatz Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt gelten, der erst 1823 im Druck vorlag. Obwohl Goethe sich als schlechten Mathematiker bezeichnete, hat sein Vorgehen durchaus die methodische Strenge der Mathematik.

Temperamentenrose, von Schiller beschriftet

Goethe tauschte sich mit Friedrich Schiller mündlich und in Briefen über die Farbenlehre aus, wobei ihm dessen physiologischen Kenntnisse hilfreich waren. Gemeinsam erarbeiteten sie die Temperamentenrose.[49] Goethe nahm Schillers Rätsel „Wir stammen, unsrer sechs Geschwister“ als ein Motto in Zur Farbenlehre auf.[50]

Goethes Farbenlehre im engeren Sinne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptwerk von Goethes Farbenlehre stellt die Schrift dar, die Goethe Zur Farbenlehre nannte und 1810 publizierte. Das Werk besteht im Wesentlichen aus drei Hauptteilen: einem didaktischen, der seine eigenen Erkenntnisse präsentiert, einem polemischen, der sich gegen Newtons Farbenlehre wendet, und einem historischen, der die verschiedenen historischen Theorien zu Farbe und Licht rekapituliert.

Alle folgenden Zitate nach Ott, Proskauer, 1992 werden in diesem Artikel in der Form (– Band, Seite) angegeben. Das Buch enthält 15 teilweise farbige Tafeln, die das Verständnis des Textes unterstützen (2, 231–276).

I. Didaktischer Teil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Goethe unterscheidet zunächst drei Arten von Farbe und Farbwirkung.

Physiologische Farben

Physiologische Farben werden nach Goethe

„bemerkt als flüchtige Wirkung und Gegenwirkung des Auges selbst.“

1, 250

Er schreibt weiter:

„Diese Farben, welche das Fundament der ganzen Lehre machen … wurden bisher … als Täuschung und Gebrechen betrachtet.“

1, 63

Zunächst werden Scheinfarben, Augentäuschungen, Gesichtsbetrug und pathologische Farben (1, 64) besprochen.

Physische Farben

Physische Farben versteht Goethe

„als vorübergehende Wirkung farbloser, durchscheinender, durchsichtiger, undurchsichtiger Körper auf das Licht.“

1, 250

Er leitet die Abteilung über physische Farben wie folgt ein

„Dergleichen Farben werden also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte Anlässe erzeugt.“

1, 104

und erläutert seinen Begriff „das Trübe“ – als unendlich viele Graustufen auf der Schwarz-Weiß-Skala.

Eine Vielzahl von Experimenten wird beschrieben, die mit Pergamentpapier, Opalglas, konkaven und konvexen Linsen, Prismen – teilweise mit Wasserfüllung, schwarzen Scheiben, verschiedenen einfarbigen Vierecken und auch Öffnungen im Fensterladen sowie Seifenblasen bei reflektiertem oder auch durchfallendem Licht anzustellen sind.

Chemische Farben

Körperfarben herrschen nach Goethe vor,

„wo wir sie als dauernd, als den Körpern wirklich einwohnend zuversichtlich ansprechen können.“

1, 250

„Das Gelb und Gelbrote widmet sich den Säuren, das Blau und Blaurote den Alkalien.“

1, 203

II. Polemischer Teil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon beim Erscheinen des Werkes gab es in der zeitgenössischen Fachwelt einen konträren Disput über die Ansichten von Goethe und Newton. Für Newton besteht das weiße Licht aus einzelnen Bestandteilen, die durch die Spektralfarben charakterisiert sind. Newton sagte aber auch: “The rays are not coloured.” Für Goethes Streben nach Einheit der Welt ist auch das Licht eine Einheit, Farben als Eigenschaft des Lichtes können damit nur das Ergebnis der Mischung von Helligkeit und Dunklem sein.

Die grundlegende Frage war also: Ist das Licht nach Newton ein zusammengesetztes Phänomen und verschiedene Qualitäten führen zur Farbe oder ist Licht eine „Einheit“, wie Goethe es vertrat, und Farbe ist ein Phänomen verschiedener Qualität.

Goethe stellt seine eigene Farbenlehre der Farbentheorie von Newton im Kapitel Enthüllung der Theorie Newtons gegenüber (3, 208/209):

Eigenschaft des weißen Sonnenlichts Newton Goethe
Homogenität Licht ist zusammengesetzt (heterogen). Licht ist eine Einheit (homogen).
Spektrum Weißes Licht ist aus farbigen Lichtern zusammengesetzt. Weißes Licht ist das Primäre. Das Helle kann nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein.
Wechselwirkung mit Materie Das Licht wird durch Refraktion, Inflexion und Reflexion dekomponiert. Refraktion, Inflexion und Reflexion können ohne Farberscheinungen existieren.
Analyse [Weißes Licht] wird in sieben [reine], vielmehr in unzählige Farben dekomponiert. Es gibt nur zwei reine Farben, Blau und Gelb. Das übrige sind Stufen dieser Farben oder unrein.
Synthese Wie es [das weiße Licht] dekomponiert worden, kann es wieder zusammengesetzt werden. Weder kann aus apparenten [sichtbaren] Farben farbloses Licht, noch kann aus farbigen Pigmenten ein weißes zusammengesetzt werden.

III. Historischer Teil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Goethe hat die der gelehrten Welt seinerzeit greifbare Literatur zur Farbenlehre intensiv studiert und teilweise kommentiert. Darüber hinaus hat er die Arbeiten großer Naturwissenschaftler (Galilei, Kepler, Descartes …) zum Thema durchforscht und manchmal sogar Aussagen zum menschlichen Charakter des jeweiligen Wissenschaftlers gewagt.

Es war üblich, wenn sich ein Werk als grundlegend verstand, die Ansichten der bisherigen Autoritäten zu referieren – oft in der Antike beginnend. So wies sich der Autor zum einen als Fachmann seines Gebiets aus und zum anderen ermöglichte es ihm, seine Ansichten durch die Autorität anerkannter Forscher zu stützen.

René Descartes' Farbentheorie der Lichtkügelchen beschäftigt Goethe. Eine Beschreibung des Lichts als unteilbare Teilchen wird auch in der modernen Physik (Photon) neben der Wellenbeschreibung verwendet, beobachtbar ist dieser Teilchencharakter jedoch erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Athanasius Kirchers, Nikolaus Malebranches und Robert Boyles Werk werden besprochen. Markus Marcis Werk über den Regenbogen zeugt nach Goethe

„von dem Ernst, Fleiß und Beharrlichkeit des Verfassers; [aber es habe] im ganzen etwas Trübseliges.“

Hookes Werk hat Goethe auf dem experimentellen, nicht aber auf dem theoretischen Gebiet weitergeholfen (4, 251). Die Versuchsauswertung in Johann Christoph Sturms Farbenlehre kann vor Goethe nicht bestehen.

Goethe bespricht die Schriften zur Farbenlehre von Thomas Sprat, Edme Mariotte, Voltaire, Tobias Mayer, Johann Heinrich Lambert, Benjamin Franklin, Joseph Priestley, Jean-Paul Marat, Anton Raphael Mengs, Christian Westfeld und Robert Blair. Letztlich werden noch die Verteidigung der Farbenlehre Newtons durch den Physikprofessor Johann Theophilus Desaguliers (5, 356 – 362) und die Lobrede Bernard le Bovier de Fontenelles (5, 386 – 392) auf Newton erörtert.

Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Arbeit stammt aus dem Jahre 1820. Goethe ersinnt raffinierte Versuchsanordnungen und beobachtet

„[…] durch das höchst interessante Seebeckische Doppelspatprisma [die entoptischen Farben] bei der Doppelrefraktion des Sonnenlichts. Diese Farben wurden entoptische genannt, weil sie innerhalb gewisser Körper zu schauen sind.“

2, 167

Das allereinfachste Experiment zu dieser doppelten Strahlenbrechung wird, lapidar gesagt, so vorbereitet

„Man zerschneide eine mäßig starke Spiegelscheibe in mehrere anderthalbzöllige Quadrate, diese durchglühe man und verkühle sie geschwind. Was davon bei dieser Behandlung nicht zerspringt, ist nun fähig, entoptische Farben hervorzubringen.“

2, 168

Die ganze Versuchsanordnung findet sich auf Seite (2, 217) skizziert.

„Äußere Grundbedingung [ist eine] reine, wolkenlose, blaue Atmosphäre […]. Zu Johanni um die Mittagsstunde ist der hellste Moment. Bei Kulmination der Sonne erscheint ein weißes Kreuz rings um den Horizont.“

2, 169 und 2, 174

Wie stellen wir uns dieses weiße Kreuz vor?

„Alle geistreiche, mit Naturerscheinungen einigermaßen bekannte Personen, sobald sie unsern entoptischen Kubus zwischen den Spiegeln erblickten, riefen jedes mal die Ähnlichkeit mit den Chladnischen Figuren, ohne sich zu besinnen, lebhaft aus.“

2, 199

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre. 2 Bde. Cotta, Tübingen 1810.
  • Rupprecht Mathaei u. a. (Hrsg.): Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft. Hermann Böhlaus Nachf., Weimar 1951, Vollständige mit Erläuterungen versehene Ausgabe herausgegeben im Auftrage der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina
    • Erste Abteilung, Dritter Band: Beiträge zur Optik und Anfänge der Farbenlehre, 1961 (üblicherweise abgekürzt als LA I.3)
    • Erste Abteilung, Vierter Band: Zur Farbenlehre, Didaktischer Teil und Tafeln, 1973 (üblicherweise abgekürzt als LA I.4)
    • Erste Abteilung, Fünfter Band: Zur Farbenlehre, Polemischer Teil, 1958 (üblicherweise abgekürzt als LA I.5)
    • Erste Abteilung, Sechster Band: Zur Farbenlehre, Historischer Teil, Ergänzungen und Erläuterungen, 1959 (üblicherweise abgekürzt als LA I.6)
    • Erste Abteilung, Siebenter Band: Zur Farbenlehre, Tafelband, 1957 (üblicherweise abgekürzt als LA I.7)
    • Erste Abteilung, Achter Band: Naturwissenschaftliche Hefte, 1962 (üblicherweise abgekürzt als LA I.8)
  • Gerhard Ott / Heinrich O. Proskauer (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe: Farbenlehre. Freies Geistesleben, Stuttgart 1992, ISBN 3-7725-0702-6 (Bd. 1–3), ISBN 3-7725-0838-3 (Bd. 4–5).
  • Wolfgang Buchheim: Der Farbenlehrestreit Goethes mit Newton in wissenschaftsgeschichtlicher Sicht. Akademie-Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-05-501275-5 (Bd. 123, H. 1).
  • Anne Hardy: Goethes Farbenlehre reloaded. Der Dichter als explorativer Experimentator. In: Forschung Frankfurt. Jg. 32, Nr. 2, 2015, ISSN 0175-0992, S. 124–127 (PDF-Datei; 283 KB).
  • Felix Höpfner: Wissenschaft wider die Zeit. Goethes Farbenlehre aus rezeptionsgeschichtlicher Sicht. Winter, Heidelberg 1990, ISBN 3-533-04306-1 (zugl. Diss., Univ. Berlin, 1989).
  • Wilfried Liebchen: Goethes Farbenlehre. Sandberg-Kilianshof 1999, ISBN 3-9802142-6-5.
  • Maurice Martin: Die Kontroverse um die Farbenlehre. Novalis, Schaffhausen 1979, ISBN 3-7214-0055-0.
  • Olaf L. Müller: „Mehr Licht“. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-403071-5.
  • Albrecht Schöne: Goethes Farbentheologie. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32361-8.
  • Reinhold Sölch: Die Evolution der Farben – Goethes Farbenlehre in neuem Licht. Seemann, Leipzig 1998, ISBN 3-363-00699-3.
  • Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon (= Kröners Taschenausgabe. Band 407). Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 9 (letzter Eintrag: Franciscus Aguilonius).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitiert nach Hans Wohlbold (Herausg.): Goethes Farbenlehre. Eugen Diederichs, Jena 1928.
  2. Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Didaktischer Teil (= Entwurf einer Farbenlehre), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Vierter Band (LA I.4)
  3. Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Polemischer Teil (= Enthüllung der Theorie Newtons), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Fünfter Band (LA I.5)
  4. Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Historischer Teil (= Materialien zur Geschichte der Farbenlehre), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Sechster Band (LA I.6)
  5. Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Tafeln, in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Siebter Band (LA I.7)
  6. Goethe-Gesellschaft (Weimar): Goethe-Jahrbuch, Band 123, Seite 120
  7. Vgl. auch Olaf L. Müller: Goethes Pech mit Schelling (PDF; 827 kB), Abschnitt 3.2
  8. Zitiert nach 1810 Farbenlehre – Historischer Teil. In: Kunstzitate. Abgerufen am 18. März 2013.
  9. Zitiert nach Konfession des Verfassers. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Farben-Welten: Zu Goethes Farbenlehre. Johannes Onneken, archiviert vom Original am 4. Dezember 2012; abgerufen am 18. März 2013. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.farben-welten.de
  10. Vgl. auch Lutz Wenke u. a.: Sonne und Wahrheit frei nach Goethe (Memento des Originals vom 25. Februar 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.vision.zeiss.de (PDF; 305 kB)
  11. Zitiert nach Johann Wolfgang von Goethe @ www.Wissen-im-Netz.info 24. Zahme Xenien. Abgerufen am 18. März 2013.
  12. Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Didaktischer Teil (= Entwurf einer Farbenlehre), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Vierter Band, §331/2. Siehe auch Olaf L. Müller: „Mehr Licht“. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-403071-5, Kapitel II.2
  13. bei gutenberg.spiegel.de „Ueber Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten“ Vortrag 1853 mit einer Nachschrift 1875.
  14. Werner Heisenberg: Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik. In: Geist der Zeit, 19 (1941), ab S. 261. In: Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft. Hirzel, Stuttgart 1959
  15. Martin zitiert indirekt Heisenberg, vgl. Marice Martin: Die Kontroverse um die Farbenlehre, Novalis Verlag, 1979, S. 88
  16. Sabine Schimma: Blickbildungen. Ästhetik und Experiment in Goethes Farbstudien. Böhlau-Verlag 2014. ISBN 978-3-412-21618-4. S. 57
  17. Friedrich Steinle: Das Nächste ans Nächste reihen: Goethe, Newton und das Experiment. In: Philosophia naturalis. Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte. 39, 1, 2002, S. 141–172.
  18. Matthias Rang 'Phänomenologie komplementärer Spektren'. Phänomenologie in der Naturwissenschaft, Bd. 9, Berlin 2015, ISBN 978-3-8325-3974-0
  19. Matthias Rang, Oliver Passon, Johannes Grebe-Ellis: 'Optische Komplementarität. Experimente zur Symmetrie spektraler Phänomene.' Physik Journal 16 2017 Nr. 3 S. 43–49
  20. Zinke, Armin: Bildentstehung versus Lichtspaltung – Ein Beitrag zu Goethes Farbenlehre. Edition Blaes, Schondorf, 2019, - ISBN 978-3-942641-58-6.
  21. Goethe, Johann Wolfgang von: Farbenlehre. Hrsg. v. Gertrud u. Gerhard Ott, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1988, Band I, S. 132ff.
  22. Zinke, 2019, Abb. 47 S. 56 + Abb. 73 S. 76.
  23. Grusche, Sascha: Ein Bildbasierter Zugang zu spektroskopischen Versuchen, S. 3 - https://www.researchgate.net/publication/287204625_Ein_bildbasierter_Zugang_zu_spektroskopischen_Versuchen – 7/2019.
  24. Nussbaumer, Ingo: Zur Farbenlehre – Entdeckung der Unordentlichen Spektren, Edition Splitter, Wien, 2008, S. 96f.
  25. Goethe, 1988, I, 135f + III, 56.
  26. Nussbaumer, 2008, 65f. Zawischa, Dietrich: Einfache Versuche mit dem Prisma. Institut für Theoretische Physik, Leibniz-Universität Hannover . https://www.itp.uni-hannover.de/fileadmin/arbeitsgruppen/zawischa/static_html/prisma.html - Februar 2018. Bjerke, André: Neue Beträge zu Goethes Farbenlehre. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1963.
  27. Zinke, 2019, 142.
  28. Goethe, 1988, I, 132.
  29. Zinke, 2019, 274.
  30. Goethe, 1988, II, 245, Zinke, 2019, 115ff.
  31. Zinke, 2019, 35ff.
  32. Goethe, 1988, I, 133f.
  33. Zinke, 2019, 111ff.
  34. Goethe, 1988, I, 133, §238.
  35. Zinke, 2019, 173.
  36. Goethe, 1988, II, 89.
  37. Goethe, 1988, I, 86 + 139.
  38. Goethe, I988, I, 136. Zinke, 2019, 148ff.
  39. Müller, Olaf: Mehr Licht - Goethe mit Newton im Streit um die Farben. S. Fischer Verlag (Wissenschaft), Frankfurt/Main, 2015.
  40. Grusche, Sascha: Revealing the nature of the final image in Newton´s experimentum crucis. http://saschagrusche.de/articles/ReprintExperimentumCrucis.pdf - Juni 2019. Zinke, 2019, 186ff.
  41. Goethe, 1988, III, 45ff.
  42. Grebe-Ellis, Johannes, Rang, Matthias: Das Experiment – experimentum lucis. Booklet von Thomas Quick, S. 14+15. In: http://www.experimentum-lucis.de/Paper/Booklet.pdf - Juni 2019.
  43. Rang, Matthias: Die Spiegelspaltblende – Hinweise für den Gebrauch und die Anwendung im Unterricht, Bildungswerk Beruf und Umwelt, Kassel 2009, S. 26.
  44. Theilmann, Florian und Grusche, Sascha: An RGB approach to prismic colours, 2013, IOP Publishing Ltd, Physics Education Edition, Volume 48, Number 6 in: https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0031-9120/48/6/750 - Juni 2019.
  45. Zinke, 2019, Abb. 112 S. 135.
  46. Nussbaumer, 2008, 200ff. Zinke, 2019, 366ff.
  47. Goethe, 1988, I, 133.
  48. Theodor Haering: „Der Mond braust durch das Neckartal ...“ Ein romantischer Spaziergang durch das nächtliche Tübingen nebst allerlei nützlichen und kurzweiligen Betrachtungen. Wunderlich, Tübingen 1935, S. 66.
  49. Silke Henke, Alexander Rosenbaum: Zweiheit im Einklang. Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Klassik-Stiftung, Weimar 2009, ISBN 978-3-7443-0146-6, S. 48 u. 50.
  50. Hans-Günther Thalheim (Hrsg.): Friedrich Schiller. Sämtliche Werke. Band 1: Gedichte. Aufbau, Berlin/Weimar 1980, S. 845.