Gunnhild Königsmutter

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Gunnhild auf den Orkneys nach dem Tod ihrer Söhne (Buchillustration von 1899)

Gunnhild Königsmutter (altnordisch Gunnhildr konungamóðir, wörtlich übersetzt „Gunnhild, Mutter von Königen“), auch Gunnhildr Gormsdóttir (altnordisch für „Gunnhild, Tochter von Gorm“) oder Gunnhildr Ǫzurardóttir (altnordisch für „Gunnhild, Tochter von Ǫzurr“), war eine norwegische Königin im 10. Jahrhundert. Sie war mit Erik Blutaxt verheiratet und erscheint in mehreren altisländischen Sagas.

Quellenkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da keine zeitgenössischen Texte überliefert sind, beruht das heutige Wissen über Gunnhild vor allem auf Sagas aus dem 12. und 13. Jahrhundert wie Heimskringla, Fagrskinna, Egils saga und Njáls saga, in denen sie teilweise sehr negativ dargestellt wird.[1] Gunnhild wird in den Isländersagas als grausam, heimtückisch, verräterisch, machthungrig, herrschsüchtig, geldgierig, aufhetzend und zauberkundig beschrieben. In der Egils saga erscheint sie als Gegnerin des Protagonisten Egill. Aufgrund des zeitlichen Abstands und literarischer Konventionen sind diese Schilderungen jedoch kritisch zu sehen.[2][3] Von den isländischen Traditionen teilweise unabhängig ist die auf Latein geschriebene Historia Norwegiæ, eines der ältesten erhaltenen Geschichtswerke über Norwegen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie wurde zu Beginn des 10. Jahrhunderts, wahrscheinlich um 910, geboren. Nach der Historia Norwegiæ war sie eine Tochter des dänischen Königs Gorm und seiner Frau Thyra Danebod und damit Schwester von Harald Blauzahn. Fast alle neueren Historiker gehen davon aus, dass diese Angabe richtig ist.[2] Der Heimskringla zufolge war sie hingegen eine Tochter des ansonsten unbekannten Ǫzurr toti (in Ágrip Ǫzurr lafskegg genannt) aus Hålogaland.[4] Diese Saga berichtet legendenhaft, dass sie von Männern des Königs Erik Blutaxt in Finnmark angetroffen wurde, wo sie bei zwei Zauberern aufgewachsen sei, die sie aufgrund ihrer Zudringlichkeiten töten lässt.

Durch die Ehe mit Erik Blutaxt wurde Gunnhild Königin von Norwegen. Zusammen sollen sie mindestens sieben Kinder gehabt haben, darunter Gamle, Guttorm, Harald Graumantel (altnordisch Haraldr gráfeldr), Ragnfred, Erlingr, Guðrøðr, Sigurðr slefa und Ragnhildr als einzige Tochter.[5] Wahrscheinlich folgte sie Erik Mitte der 930er Jahre bei seiner Vertreibung aus Norwegen ins Ausland.[2] Nach dem Tode Eriks in Jórvík (heutiges York) im Jahr 954 hatte sie die Vormundschaft über Harald Graumantel und ihre übrigen Söhne inne. Sie zog nach Dänemark und brachte ihren Bruder Harald Blauzahn dazu, sie gegen Håkon den Guten zu unterstützen. Nachdem dieser besiegt und getötet worden war, übernahmen ihre Söhne die Macht, womit auch Gunnhild Einfluss erwarb. Sie wurde „Königsmutter“ (altnordisch konungamóðir) und ihre Söhne „Gunnhilds-Söhne“ (altnordisch Gunnhildarsynir) genannt. Als mehrere von ihnen getötet worden waren, musste sie das Land verlassen und zog um 970 nach Orkney, wo eine ihrer Töchter mit dem Orkadenjarl Arnfinn Thorfinnsson verheiratet war. Vermutlich starb Gunnhild dort, allerdings ist nicht bekannt, bis wann sie lebte. Nach Ágrip und Theodoricus Monachus in der Historia de antiquitate regum Norwagiensium wurde sie von den Männern des dänischen Königs getötet und als Zauberin in einem Moor versenkt, was jedoch unwahrscheinlich ist.

Gunnhild soll von kleinem Wuchs, aber schönem und vornehmem Aussehen gewesen sein. Der Fagrskinna zufolge interessierte sie sich für Dichtung, gab nach Eriks Tod ein als Eiríksmál bekanntes Gedicht über ihn in Auftrag und dichtete auch selbst eine Lausavísa:[1]

“Hô- reið á bak bôru
borðhesti -kun vestan;
skǫrungr léta brim bíta
bǫrð, es gramr hefr Fjǫrðu.”

Hákon ritt das Plankenpferd (= Schiff) von Westen auf dem Wellenrücken; der hervorragende Mensch ließ den Schiffsbug nicht die Brandung beißen, denn der Herrscher erreicht Fjordane.“

Gunnhild Königsmutter: Fagrskinna[6][7]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine 1835 gefundene Moorleiche, die sogenannte Frau von Haraldskær, wurde von Niels Matthias Petersen zunächst als Gunnhild identifiziert und 1836 in einen Eichensarg gebettet. Zweifel an dieser Identifikation äußerte unter anderem Jens Jacob Asmussen Worsaae, doch erst 1977 belegten Radiokarbondatierungen, dass die Frau bereits im 5. Jahrhundert gestorben war und daher nicht Gunnhild sein konnte.[8]

Gunnhild ist die Protagonistin in Poul Andersons historischem Roman Mother of Kings von 2001, in Robert Lows Crowbone von 2012 tritt sie hingegen als Antagonistin auf.[9] In der Fernsehserie Vikings wird Gunnhild von Ragnheiður Ragnarsdóttir gespielt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anne Heinrichs: Gunnhild Ǫzurardóttir und Egil Skalla-Grímsson im Kampf um Leben und Tod. In: Heinrich Beck und Else Ebel (Hrsg.): Studien zur Isländersaga. Festschrift für Rolf Heller (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 24). de Gruyter, Berlin / New York 2000, S. 72–108, doi:10.1515/9783110814422.72.
  • Nils Petter Thuesen: Gunnhild Gormsdatter. In: Nils Petter Thuesen: Norges dronninger gjennom tusen år. Tiden Norsk Forlag, Oslo 1991, ISBN 82-10-03458-8, S. 16–17 (norwegisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Gunnhild Königsmutter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Judith Jesch: Women in the Viking Age. Woodbridge 1991, S. 161–162 (englisch).
  2. a b c Claus Krag: Gunnhild (dronning). In: Norsk biografisk leksikon. 22. Juni 2022, abgerufen am 2. September 2022 (norwegisch).
  3. Gwyn Jones: A History of the Vikings. 2. Auflage. Oxford 1984, S. 121–122 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Anne Heinrichs: Gunnhild Ǫzurardóttir und Egil Skalla-Grímsson im Kampf um Leben und Tod. In: Heinrich Beck und Else Ebel (Hrsg.): Studien zur Isländersaga. Festschrift für Rolf Heller (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 24). de Gruyter, Berlin / New York 2000, S. 76, doi:10.1515/9783110814422.72.
  5. R. D. Fulk: Gunnhildr konungamóðir. In: Diana Whaley (Hrsg.): Poetry from the Kings’ Sagas 1: From Mythical Times to c. 1035 (= Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages. Band 1). Brepols, Turnhout 2012, S. 149 (englisch, Skaldic Project).
  6. R. D. Fulk: Gunnhildr konungamóðir: Lausavísa. In: Diana Whaley (Hrsg.): Poetry from the Kings’ Sagas 1: From Mythical Times to c. 1035 (= Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages. Band 1). Brepols, Turnhout 2012, S. 150 (englisch, Skaldic Project – aktuelle Edition).
  7. Sandra Ballif Straubhaar: Old Norse Women's Poetry: The Voices of Female Skalds. D. S. Brewer, Cambridge 2011, S. 16 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – Übersetzungsvarianten).
  8. Joshua Levine: Europe’s Famed Bog Bodies Are Starting to Reveal Their Secrets. High-tech tools divulge new information about the mysterious and violent fates met by these corpses. In: Smithsonian Magazine. 2017, abgerufen am 2. September 2022 (englisch).
  9. The Oathsworn Series. In: ROBERT-LOW.com. Abgerufen am 19. September 2022 (englisch, mit Leseprobe).