Hälfte des Lebens

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt das Gedicht; der Spielfilm wird unter Hälfte des Lebens (Film) beschrieben.
Das Gedicht im Taschenbuch für das Jahr 1805.

Hälfte des Lebens ist eines der berühmtesten Gedichte von Friedrich Hölderlin. Es erschien zuerst im Jahr 1804 in Friedrich Wilmans Taschenbuch für das Jahr 1805.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hölderlins Gedicht hat folgenden Wortlaut:[1]

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Strophen weisen 42, bzw. 41 Silben auf, d. h. das Gedicht ist symmetrisch aufgebaut, mit dem Bruch genau in der Mitte. Die verwendeten Symbole: Birnbaum – Rosen – Wasser – Mauern – klirrende Fahnen könnten in ihrer Abfolge die Form einer Parabel andeuten, deren Scheitelpunkt in der Mitte des Gedichtes liegt. Die Zäsur zwischen den beiden Strophen, auf die so deutlich hingewiesen wird, ist nach Meinung einiger Autoren für Hölderlin ein Symbol des Erhabenen.[2] Die Verklammerung zwischen den beiden Strophen ergibt sich aus Wasser und den darauf folgenden Weh-Fragen, schließlich endend mit Winde, dem Aushauchen des Lebens.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hölderlin sandte die von ihm selbst als „Nachtgesänge“ bezeichneten Gedichte (Chiron, Thränen, An die Hoffnung, Vulkan, Blödigkeit, Ganymed, Hälfte des Lebens, Lebensalter, Der Winkel von Hahrdt) Ende 1803/Anfang 1804 aus Nürtingen an den Verleger Friedrich Wilmans. Textgenetisch sind in dem Gedicht „Hälfte des Lebens“ 11 Segmente zusammengefügt, die in anderen Zusammenhängen entstanden sind. Erschienen sind die Gedichte Ende August 1804 im Taschenbuch für das Jahr 1805.[3]

Selbst Verehrer Hölderlins konnten dieses Gedicht nicht einordnen. Christoph Theodor Schwab und Ludwig Uhland, die 1826 einen ersten Hölderlin-Gedichtband herausgaben, übergingen die Nachtgesänge, also auch Hälfte des Lebens, weil sie sie für Produkte der Geisteskrankheit hielten. Das Gedicht erschien erst wieder in der von Schwab 1846 besorgten Hölderlin-Gesamtausgabe, allerdings wurde in dieser Version „Birnen“ durch „Blumen“ ersetzt; diese Version wird auch in der Werkausgabe von 1906 in der Rubrik „Aus der Zeit des Irrsinns“ präsentiert.[4] Das Gedicht wurde vielfach vertont und in zahlreiche Sprachen übersetzt.[5]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Titel des Gedichts ist auch der Titel des DEFA-Spielfilms „Hälfte des Lebens“ von Herrmann Zschoche aus dem Jahre 1984, der Hölderlins Lebensjahre zwischen 1796 und 1806 darstellt.

Das Gedicht, auf einer Glasplatte graviert, hängt an einem Baum (einer Silber-Pappel) im Gräflichen Park Bad Driburg, nahe am steinernen Hölderlin-Denkmal.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theo Buck: Friedrich Hölderlin: „Hälfte des Lebens“. In: Ders.: Streifzüge durch die Poesie. Von Klopstock bis Celan. Gedichte und Interpretationen. Böhlau, Köln-Weimar-Wien 2010, ISBN 978-3-412-20533-1, S. 76–88.
  • Gerhard Kaiser: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen, Band 1. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, ISBN 3-458-16823-0, S. 281–291.
  • Winfried Menninghaus: „Hälfte des Lebens“. Versuch über Hölderlins Poetik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-518-41717-7.
  • Jochen Schmidt: Sobria ebrietas. Hölderlins „Hälfte des Lebens“. In: Hölderlin Jahrbuch 23 (1982–1983), Tübingen 1983, S. 182–190. (Der Artikel ist auch abgedruckt in: Wulf Segebrecht (Hrsg.): Gedichte und Interpretationen. Band 3: Klassik und Romantik. Reclam, Stuttgart 1984 (= Universal Bibliothek Nr. 7892), S. 257–267, und Karl Hotz (Hrsg.): Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Interpretationen. C.C. Buchner, Bamberg 1993, ISBN 3-7661-4311-5, S. 74–79.)
  • Friedrich Hölderlin, „Hälfte des Lebens“. Mit einem Essay von Jochen Schmidt. Verlag der Buchhandlung Zimmermann, Nürtingen 2008, ISBN 978-3-922625-32-2. (Diese Veröffentlichung mit faksimilierten Handschriften bringt J. Schmidts neue Deutung von „Hälfte des Lebens“ im Vergleich mit der Hymne „Wie wenn am Feiertage...“.)
  • Ludwig Strauss: Friedrich Hölderlin: „Hälfte des Lebens“. In: Jost Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen, Band 1: Deutsche Lyrik von Weckherlin bis Benn. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1965, S. 113–134.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stuttgarter Ausgabe, hrsg. von Friedrich Beißner, (StA), Bd. 2, S. 117. Die Bremer Ausgabe hat abweichend von der StA folgende Version der 8. Z.: „Weh mir!, wo nehm' ich, wenn“. Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge, hrsg. von D. E. Sattler, München 2004, Bd. 10, S. 237.
  2. Jørn Erslev Andersen, Poetik & Fragment: Hölderlin-Studien, S. 112f.
  3. FHA Bd 8,II / Hölderlin Handbuch, ISBN 3-476-01704-4
  4. Jørn Erslev Andersen: Poetik & Fragment: Hölderlin-Studien, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1394-8, S. 105
  5. Listen der Übersetzungen und Vertonungen finden sich, mit weiteren Informationen, unter dem Datensatz des Werks in der Internationalen Hölderlin Biographie

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Knoop: Hälfte des Lebens. Wortgeschichtliche Erläuterungen zu Hölderlins Gedicht. In: Hölderlin – Sprache und Raum. Turm-Vorträge 6, 1999–2007 (PDF; 159 kB)