Abel Barbin

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Abel Barbin (* 1838 in Saint-Jean-d’Angély; † Februar 1868 in Paris) war ein männlicher Hermaphrodit.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abel Barbin wurde zunächst für ein Mädchen gehalten und erhielt den Namen Herculine Adélaïde Barbin. In seiner Kindheit wurde er Alexina genannt. Im Alter von zwölf Jahren verliebte sich das Kind, das in einem Institut der Ursulinen erzogen wurde, in eine blonde Schulkameradin. Als dies bekannt wurde, wäre ihm beinahe die Erstkommunion verwehrt worden. Als das vermeintliche Mädchen 17 Jahre alt war, wechselte es nach Le Château und erhielt dort eine Lehrerinnenausbildung. Wieder entwickelte sich eine Freundschaft mit einer Mitschülerin. Diese Thécla wurde von Barbin regelmäßig geküsst, was den Verdacht des Lehrpersonals erregte. Während die Kameradinnen sich zu jungen Frauen entwickelten, zeigte sich bei Barbin erster Bartwuchs und eine stärkere Körperbehaarung, die er durch heimliches Rasieren zu beseitigen versuchte. 1857 erhielt er eine Stelle an einer Mädchenschule. Dort begann eine Liebesaffäre mit einer Kollegin namens Sara. Dies blieb nicht verborgen. Außerdem begann Barbin in dieser Zeit an heftigen Schmerzen zu leiden. Ein Arzt wurde konsultiert, der wohl entdeckte, dass Barbin keine Frau war, und sich an die Schulleitung wandte. Offenbar drückte er sich aber bei dem Vorschlag, Barbin von der Anstalt zu entfernen, so unklar aus, dass keine Konsequenzen gezogen wurden. Barbin selbst fühlte sich aber schuldig und wandte sich an den Bischof von La Rochelle, Jean-François-Anne Landriot. Dieser bat Barbin, das Beichtgeheimnis brechen und sich an seinen eigenen Arzt wenden zu dürfen. Dieser Dr. Chesnet stellte fest, dass Barbin zwar eine Vagina und Urethra wie eine Frau hatte, aber ansonsten keine weiblichen Geschlechtsmerkmale, dafür aber nächtliche Träume, die mit Spermaergüssen endeten. Gerichtlich wurde 1860[1] entschieden, dass es sich bei Barbin um einen Mann handelte. Er verließ seine Position an der Mädchenschule und lebte fortan unter dem Namen Abel Barbin. Nach einigem Furore in der Presse wurde es still um Barbin, der die Anonymität der Großstadt suchte und nach Paris zog. Dort schrieb er seine Lebenserinnerungen[2] auf.

Im Alter von 29 Jahren nahm sich der vereinsamte Abel Barbin in seinem Zimmer in der rue de l'École-de-Médecine in Paris das Leben. Er benutzte dazu einen Gasherd. Neben der Leiche wurden Barbins Memoiren gefunden.[3]

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Barbin wurde einer der bekanntesten Hermaphroditen des 19. Jahrhunderts. Dr. Régnier, der den Selbstmord untersuchen musste, vermutete zunächst, der junge Mann habe an Syphilis gelitten. Als er seine Genitalien untersuchen wollte, erlebte er eine Überraschung.[4] Régnier übergab die Aufschriebe Barbins Auguste Ambroise Tardieu;[1] der Leichnam wurde von E. Goujon an der medizinischen Fakultät der Universität untersucht. 1869 erschien Goujons Étude d'un cas d'hermaphrodisme bisexuel imparfait chez l'homme, der Barbin zum Gegenstand hatte.[3] 1874 publizierte Tardieu einen Teil der Lebenserinnerungen Barbins in seinem Werk Question médico-légale de l'identité dans ses rapports avec les vices de conformation des organes sexuels.[5]

Im späten 19. Jahrhundert tauchte Barbins Schicksal in mehreren literarischen Werken auf, unter anderem 1893 in einem Werk Oskar Panizzas und 1899 in Armand Dubarrys L'hermaphrodite. 1908 befasste sich F. L. von Neugebauer mit Barbins Leben. 1978 wurden Barbins Aufschriebe publiziert,[6] 1980 erschien eine englische Übersetzung, die Richard McDougall vorgenommen hatte. Die Einleitung hatte Michel Foucault geschrieben, der sich mehrfach mit Barbin beschäftigt hatte.[1] 2008 folgte eine weitere Publikation des französischen Originals.[6] Mittlerweile wird Barbins Schicksal auch im Schulunterricht thematisiert.[7]

Auch der Film Le Mystère Alexina von 1984 thematisiert Barbins Leben.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c G. S. Rousseau: Herculine Barbin. Being the recently discovered memoirs of a nineteenth-century hermaphrodite. übersetzt von Richard McDougall. Harvester Press, Brighton, Sussex 1980. (Rezension In: Med Hist. 25(2), April 1981, S. 211f. PMC 1139024 (freier Volltext)
  2. Herculine Adélaïde Barbin: Mes souvenirs.
  3. a b Armand Marie Leroi: Mutants. On Genetic Variety and the Human Body. Penguin Books, 2003, ISBN 0-14-200482-0, S. 217–244.
  4. Alice Domurat Dreger: Hermaphrodites and the Medical Invention of Sex. Harvard University Press, 2000, ISBN 0-674-00189-3, S. 16 ff.
  5. Herculine Adélaïde Barbin: Mes souvenirs. Éditions de Boucher, 2002, ISBN 2-84824-004-0, S. 3.
  6. a b Andrea Rossi: Herculine Barbin, Mes souvenirs. Histoire d’Alexina/Abel B. La cause des Livres, Paris 2008, ISBN 978-2-917336-01-4. (Rezension In: Foucault Studies. 15, Februar 2013, S. 187–189)
  7. Aufarbeitung des Schicksals Barbins für den Schulunterricht auf queerhistory.de
  8. Le Mystère Alexina. auf: www.allocine.fr