Hermann Giesecke

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Hermann Giesecke (* 9. August 1932 in Duisburg) ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler.

Giesecke studierte Geschichte und Latein in Münster. Er lehrte von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1997 als Professor für Pädagogik, Politikdidaktik und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, die 1978 in die Universität Göttingen integriert wurde.

Giesecke kritisiert viele gegenwärtige Entwicklungen der Pädagogik und der Schule als zeitgeisthafte Verirrung und fordert ein Zurück zu den engeren Aufgaben der Schule im Unterricht. Eltern müssen ihre Kinder unterrichtsfähig machen und nicht die Erziehung der Schule übertragen. Giesecke greift damit zurück auf Theorien von Theodor Wilhelm.

Gieseckes essayistisches Werk verdichtet seine Grundhaltung insbesondere in seinen strukturierten Ausführungen zu einer professionalisierten pädagogischen Beziehung, die angesichts deren Analyse möglicher Missbrauchsquellen auch gegenwärtig aktiv rezipiert wird.[1]

Professionelles pädagogisches Handeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Giesecke hat eine systematische Theorie des professionellen, also beruflichen pädagogischen Handelns beschrieben, um den Handelnden ein Instrument anzubieten, durch das sie ihr Verhalten reflektieren können.[2]

Nach Giesecke (2015, S. 21f.) ist pädagogisches Handeln eine Form des sozialen Handelns, also ein Handeln, das sich auf Veränderung von Menschen beziehungsweise von menschlichen Verhältnissen und Bedingungen richtet und an anderen orientiert. Daher könne es auch kein „richtiges“, sondern nur „angemessenes“ pädagogisches Handeln geben. Giesecke argumentiert weiter, dass es immer mehrere Möglichkeiten vernünftigen pädagogischen Handelns gibt.

Das Hauptziel pädagogischen Handelns sei es, Lernen zu ermöglichen, soweit dies im Bewusstsein und im argumentativen Austausch möglich sei. Den Begriff Lernen definiert Giesecke (S. 25) in diesem Zusammenhang umgangssprachlich: Gelerntes sei alles, was man weiß oder kann, was man vorher nicht wusste oder konnte. Das pädagogische Handeln käme dort an seine Grenzen, wo Lernprozesse nicht mehr argumentativ ins Bewusstsein geholt werden könnten oder nicht mehr rationaler Aufklärung zugänglich seien, also wo das Geäußerte nicht mehr das Gemeinte ist. Daraus folgert Giesecke (S. 27), dass pädagogisch inszeniertes Lernen im Grunde immer nur kognitives, über Verstand, Denken und Bewusstsein laufendes Lernen sein kann. Seiner Auffassung nach gilt dies auch, wenn es sich um soziale oder emotionale Lernziele handelt.

Das Lernen in öffentlichen Einrichtungen wie z. B. in Kindertagesstätten, Schulen, Jugendeinrichtungen oder Fortbildungsstätten für Erwachsene, diene dem Ziel mündig zu werden (im Sinne Kants) beziehungsweise es zu bleiben. Pädagogisches Handeln greife in unabhängig voneinander ablaufenden Lebensgeschichten ein.

Folgt man Giesecke (S. 45f.) weiter, formt das Handeln keine Persönlichkeiten oder deren Bildungsgeschichten, sondern ist eine Dienstleistung dafür, damit die Individuen sich durch Lernen (weiter-)entwickeln können. Pädagogisches Handeln erschaffe nicht die Menschen oder gebe ihnen ihre Persönlichkeit, sondern interveniere und begleite die Menschen in ihrem Leben (S. 32).

Giesecke vertritt die Auffassung, dass pädagogisches Handeln den Menschen und Situationen partikular sehen muss. Denn kein Mensch sei nur ein lernendes Wesen und keine Situation sei nur eine pädagogische. Aus diesen Überlegungen folge, dass der Berufspädagoge auch noch andere Formen des sozialen Handelns beherrschen muss (politisches, administratives, ökonomisches und medizinisches Handeln).

Weiter beschreibt er als notwendigen Gegenpol zum Handeln die Reflexion des Handelns bzw. die systematische Erweiterung des Vorstellungs-Repertoires. Dabei unterscheidet er zwischen einer engeren Reflexion, die auf die Handlungssituation bezogen ist, und einer weiteren, die identisch mit der fortschreitenden Bildungsgeschichte des Berufspädagogen ist.

Schriften (in Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pädagogik – quo vadis? Ein Essay über Bildung im Kapitalismus. Juventa, Weinheim/München 2009, ISBN 978-3-7799-2229-2.
  • Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns. 12. überarb. Auflage. Juventa, Weinheim/München 2015, ISBN 978-3-7799-3262-8.
  • Wie lernt man Werte? Grundlagen der Sozialerziehung. Weinheim/München 2005, ISBN 3-7799-1721-1.
  • Das Pädagogikstudium. Orientierung für die ersten Semester. Stuttgart 2001.
  • Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung. 2., überarb. Auflage. Weinheim 1999.
  • Wozu ist die Schule da? Die neue Rolle von Eltern und Lehrern. Stuttgart 1996.
  • Das Ende der Erziehung: neue Chancen für Familie und Schule. Stuttgart 1985.
  • Die Tagung als Stätte politischer Jugendbildung: Ein Beitrag zur Didaktik der außerschulischen politischen Bildung. Kiel 1964, DNB 482377178 (Dissertation Uni Kiel, Philosophische Fakultät, 21. Juli 1964).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Shu-Mei Chang: Kontinuität und Wandlung der emanzipatorischen Pädagogik bei Hermann Giesecke. In: Pädagogische Rundschau. Band 59, Nr. 4, 2005, S. 451–465.
  • Christoph Johannes Eppler: Pädagogik im Nationalsozialismus: eine Analyse anhand von Hermann Gieseckes Werken „Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend. Jugendarbeit zwischen Politik und Pädagogik“ (1981) und „Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung“ (1993, 1999). Augsburg 2007, DNB 990152030 (Dissertation Universität Augsburg 2007).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Tipker: Vertrauen und Misstrauen. Professionelles Lehrerhandeln im Religionsunterricht. In: Zeitschrift für Theologie und Gemeinde. Band 20, 2015, S. 104–120.
  2. Pädagogik als Beruf. 2015, abgerufen am 21. Mai 2020.