Hoa (Tidenkanal)

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Satellitenbild der Insel Fangatau mit Hoa an der Südseite
Das Atoll Tikehau; die Hoa zwischen den Riffinseln sind deutlich zu erkennen
Motus auf Bora Bora mit Hoa des Typs 1 (links) und 2 (Bildmitte)
Mataiva; Hoa bei eintretender Ebbe, Motu im Hintergrund

Hoa ist ein flacher, an der Lagunenseite eines Atolls beginnender Kanal, der zwei der oft zahlreichen Riffinseln (Motus) voneinander trennt.[1] Über Hoa erfolgt der Wasseraustausch zwischen der Lagune und dem offenen Ozean, ohne den sich – wegen der starken Verdunstung in tropischen Gewässern – der Salzgehalt in der Lagune anreichern würde. „Hoa“ ist ein Begriff aus dem polynesischen Sprachgebrauch, der inzwischen auch in moderne wissenschaftliche Publikationen Eingang gefunden hat.

Entstehung[Bearbeiten]

Das Phänomen der Hoa ist in engem Zusammenhang mit der Entstehung der Atolle zu sehen, wie sie bereits von Charles Darwin beschrieben wurde. Atolle entwickeln sich aus hohen Vulkaninseln, die von einem Saumriff umgeben sind. Durch tektonische Prozesse und/oder durch Erosion sinkt die zentrale Insel immer weiter ab, bis schließlich nur noch ein geschlossener Ring von Inseln, die dem Korallenriff aufsitzen, über den Meeresspiegel emporragt. Ein Beispiel für ein solches Entwicklungsstadium ist das Atoll Rangiroa.

Die Entstehung der Hoa hängt vermutlich mit den von Zyklonen und Tsunamis verursachten Verheerungen auf den niedrigen Riffinseln zusammen.[2]:235 Die flachen Atolle des Südpazifiks werden bei Starkwinden regelmäßig überspült. In dem nur wenige Meter hohen Riffkranz können durch den Wasserschwall Rinnen oder Aufbrüche entstehen, in denen bei Ebbe und Flut Wasser in die Lagune ein- bzw. ausströmt. Der ständige Wasserstrom verbreitert und vertieft die Kanäle, sodass mit der Zeit dauerhafte Durchbrüche entstehen, die für einen regelmäßigen Wasseraustausch zwischen der Lagune und dem offenen Ozean sorgen. Hierdurch kann sich, trotz hoher Verdunstungsraten, der Salzgehalt der Lagune angleichen, sodass ein reichhaltiges Unterwasserleben innerhalb des Riffkranzes möglich wird.[3]

Das Phänomen der Hoa wurde zum ersten Mal von Alexander Agassiz wissenschaftlich beschrieben, der zwischen 1891 und 1904 drei Forschungsreisen mit dem Dampfschiff Albatross in den Pazifik unternahm. Die 1882 gebaute Albatross war ein Forschungsschiff der Fischereikommission der Vereinigten Staaten für hydrografische Studien und zur Untersuchung von Fischpopulationen.[4]

Klassifizierung[Bearbeiten]

1960, vor Beginn der französischen Atombombenversuche im Südpazifik, untersuchte der französische Geologe und Paläontologe Jean-Pierre Chevalier das Mururoa-Atoll als Mitglied einer von der Direction des Centres d'Expérimentation Nucléaire (D.I.R.C.E.N.) beauftragten wissenschaftlichen Kommission. Hierbei und bei weiteren Forschungen im Tuamotu-Archipel entwickelte er eine allgemeingültige Typologie der Hoa, die er aufgrund ihrer Beschaffenheit in folgende Typen einteilt:[5]

  • Typ 1: Kanäle, die an der Lagunenseite offen, an der Ozeanseite jedoch verschlossen sind.
  • Typ 2: Kanäle, die nach beiden Seiten hin offen sind, darunter solche, die
    • nur bei Flut,
    • auch bei Ebbe, aber nur bei hohem Wellengang Wasser führen und
    • andere, bei denen kontinuierlicher Wasserfluss gewährleistet ist.
  • Typ 3: Hoa, bei denen die Lagunenseite nachträglich durch Sedimentansammlungen verschlossen wurde.
  • Typ 4: Hoa des Typs 1, die nachträglich von Sediment verstopft wurden und damit kein Wasser mehr führen.
  • Typ 5: vollständig trocken gefallene Kanäle (verursacht etwa durch seismische Hebung). In einigen davon konnten sich mit der Zeit Pflanzen ansiedeln.
  • Typ 6: Zur Seeseite hin offene Hoa, ähnlich Typ 3, die jedoch nicht durch Sediment verschlossen, sondern von massivem Korallengestein blockiert sind.

Verschlossene Kanäle können durch Zyklone durchaus auch wieder aktiviert werden, wie dies bei den Stürmen des Jahres 1983 auf Mataiva beobachtet wurde.[2]:316

Chevalier stellte fest, dass es eine Korrelation zwischen Windstärke, Windrichtung und dem Auftreten von Hoa gibt. Er datierte die meisten Tidenkanäle auf das Holozän und vermutete eine Entstehung in den letzten 3000 bis 4000 Jahren. Spätere Untersuchungen erweiterten den Entstehungszeitpunkt auf die letzten 6000 Jahre.[6]

Vorkommen[Bearbeiten]

Hoa gibt es auf den meisten Atollen des Tuamotu-Archipels, zum Beispiel: Rangiroa, Ahe, Mataiva, Puka Rua, aber auch auf anderen Inseln Polynesiens, wie zum Beispiel Bora Bora. Die Nordseite von Orona, Phoenixinseln, zeigt besonders viele Hoa der meisten hier beschriebenen Typen.

Literatur[Bearbeiten]

  • David R. Stoddard & F. Raymond Fosberg: The Hoa of Hull Atoll and the Problem of Hoa, Atoll Research Bulletin No. 394, National Museum of Natural History, Smithsonian Institution, Washington D.C., 1994

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bengt Danielsson: Native topographical terms in Raroia, Tuamotus. Atoll Research Bulletin No. 32, Washington, DC, 1954, S. 92
  2. a b F. G. Bourrouilh-Le Jan, J. Talandier & B. Salvat: Early diagenesis from 6,000 years ago and the geomorphology of atoll rims in the Tuamotu. In: Proceedings of the 5. International Coral Reef Congress vom 27. Mai bis 1. Juni 1985 auf Tahiti, Band 3
  3. Norman D. Newell: Geological reconnaissance of Raroia (Kon-Tiki) Atoll, Tuamotu Archipelago, Bulletin of the American Museum of Natural History, Band 109, No. 3, 1956
  4. Alexander Agassiz: Explorations of the „Albatross“ in the Pacific Ocean, American Journal of Science, Heft 4, 1900
  5. Jean-Pierre Chevalier: Observations sur les chenaux incomplets appelés hoa dans les atolls de Tuamotu, Marine Biological Association of India: Proceedings of the Symposium on Corals and Coral Reefs 1972
  6. P. A. Pirazzoli & L. F. Montaggioni: Holocene sea-level changes in French Polynesia, in: Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology, Volume 68, Dezember 1988, S. 153-175