Hochtemperatursupraleiter

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Ein HTSL-Kristall vom Typ BSCCO, die beiden Linien im Hintergrund haben 2 mm Abstand.

Als Hochtemperatursupraleiter (HTSL) werden feste oder nichtfeste Materialien bezeichnet, deren Supraleitfähigkeit – anders als bei konventionellen Supraleitern – nicht durch die Elektron-Phonon-Wechselwirkung zustande kommt. Meistens handelt es sich nicht wie gewohnt um metallische, sondern um keramische Materialien. Zwar scheint gesichert, dass ebenfalls Paarbildung  (sog. „Cooper-Paare“) der Elektronen für die Supraleitung verantwortlich ist, jedoch tritt anstelle der konventionellen Singulett-Paarung vorwiegend d-Wellen-Paarung auf, was auf unkonventionelle elektronische Paarungsmechanismen schließen lässt. Die Ursache ist seit mehr als 25 Jahren ungeklärt.

Der Name rührt daher, dass Hochtemperatursupraleiter in der Regel signifikant höhere Sprungtemperaturen Tc haben als konventionelle Supraleiter, woher auch der englische Name und oft auch im deutschen verwendete Begriff HTc abgeleitet wird. Die Temperaturen liegen jedoch bei weniger als −70 °C – das entspricht 203 K, was um etwa 180 K höher ist als der Temperaturbereich der konventionellen Supraleiter und bereits im Bereich der natürlich vorkommenden Temperaturen auf der Erdoberfläche liegt [1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufbauend auf Arbeiten von Arthur W. Sleight bei DuPont, der bereits früher Supraleitung bei Keramik nachwies,[3] hatten Johannes Georg Bednorz und Karl Alexander Müller seit 1983 am IBM Zurich Research Laboratory mit Perowskit-Strukturen experimentiert. Durch Austausch bestimmter Atome gelang es ihnen, den Abstand zwischen den Kupfer- und Sauerstoffatomen in ganzen Ebenen gezielt zu beeinflussen.

Bei der Substanz Lanthan-Barium-Kupferoxid (La1,85Ba0,15CuO4) entdeckten sie schließlich im April 1986 Supraleitung mit einer Sprungtemperatur von 35 K. Dieses Ergebnis veröffentlichten sie zunächst in der Zeitschrift für Physik, wo es aber – vor allem in den USA – nicht die gebührende Beachtung fand. Dann stellten sie ihre Untersuchungen im März 1987 auf der großen Frühjahrstagung der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft in New York vor. Jetzt wurde die Veröffentlichung als Sensation aufgenommen und in einer bis in die Nacht reichenden Sondersitzung zusammen mit anderen Ergebnissen diskutiert. In kürzester Zeit bestätigten weltweit mehrere Forschungseinrichtungen die Entdeckung. Bereits im Herbst 1987 erhielten Bednorz und Müller für ihre Entdeckung den Nobelpreis für Physik.

Parallel begann eine intensive Suche nach weiteren ähnlichen Substanzen mit noch höheren Sprungtemperaturen. Wichtige Meilensteine waren 1987 die Entdeckung des YBa2Cu3O7 mit 92 K und 1988 des Bi2Sr2Ca2Cu3O10 mit 110 K Sprungtemperatur, die beide mit kostengünstigem flüssigen Stickstoff im supraleitenden Zustand gehalten werden können. Den Rekord bei keramischen Systemen hält seit 1994 Hg0,8Tl0,2Ba2Ca2Cu3O8 mit 138 K[4]. Noch höhere Werte (203 K bzw. -70 C) hat man 2015 in einer Hochdruckphase von H2S erhalten.[1]

Die technische Nutzbarmachung der Hochtemperatursupraleitung war von Beginn an eine wesentliche Triebkraft für die weitere Forschung. Sprungtemperaturen von über 77 K erlauben prinzipiell eine preiswerte Kühlung durch die Nutzung von flüssigem Stickstoff anstelle von Helium.

Auswahl bestätigter Supraleiter und gängiger Kühlmittel
Sprung-  bzw. Siedetemperatur Material Stoffklasse
in Kelvin in Grad Celsius
203 −70 Hochdruckphase von (Schwefelwasserstoff) bei extremem Hochdruck (100 – 300 GPa) Mechanismus unklar (anscheinend „Niedertemperatursupraleiter“ mit extrem hohem Tc)
(Die Experimente, u. A. der Isotopeneffekt,[1] sprechen für einen konventionellen Mechanismus durch Elektron-Phonon-Kopplung.)
138 −135 Hochtemperatursupraleiter mit Kupferoxid; besonders hohe Sprungtemperaturen
110 −163 (BSCCO)
92 −181 (YBCO)
87 −186 Verflüssigung von Argon unter Normaldruck Kühlmittel (nur zum Vergleich)
77 −196 Verflüssigung von Stickstoff unter Normaldruck Standardkühlmittel, ~ „flüssige Luft“, (nur zum Vergleich)
45 −228 Niedertemperatursupraleiter mit Eisenarsenid (für Niedertemperatursupraleiter sind die Sprungtemperaturen ungewöhnlich hoch)
41 −232
39 -234 (Magnesiumdiborid) metallischer Supraleiter mit aktuell höchster Sprungtemperatur
30 −243 [5] Von Bednorz und Müller gefundener erster Hochtemperatursupraleiter mit Kupferoxid (noch relativ niedrige Sprungtemperatur)
27 −246 Verflüssigung von Neon unter Normaldruck Kühlmittel (nur zum Vergleich)
21,15 −252 Verflüssigung von Wasserstoff unter Normaldruck Kühlmittel (nur zum Vergleich)
18 −255 [5] Technisch relevante
metallische Niedertemperatursupraleiter
9,2 −263,95 [6]
4,21 −268,94 Verflüssigung von Helium unter Normaldruck[7] Standard-Kühlmittel der Tieftemperaturphysik
4,15 −269,0 (Quecksilber)[8] metallische Niedertemperatursupraleiter.
1,09 −272,06 (Gallium) [8]

Eisenhaltige Hochtemperatursupraleiter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tc einiger eisenhaltiger Hochtemperatursupraleiter
Substanz Sprungtemperatur
in K in °C
LaO0.89F0.11FeAs 26 −247
LaO0.9F0.2FeAs 28,5 −244,6
CeFeAsO0.84F0.16 41 −232
SmFeAsO0.9F0.1 43 −230
NdFeAsO0.89F0.11 52 −221
GdFeAsO0.85 53,5 −219,6
SmFeAsO≈ 0.85 55 −218

Eine neuartige, unerwartete Klasse von Hochtemperatursupraleitern[9][10] wurde 2008 in Japan entdeckt: Verbindungen aus Eisen, Lanthan, Phosphor und Sauerstoff können supraleitend sein. Nach dem Pnictogen Phosphor werden diese Supraleiter Eisenpnictide genannt.

Überraschend war der Anteil an Eisenatomen, weil jedes andere supraleitende Material durch ausreichend starke Magnetfelder normalleitend wird. Diese starken internen Magnetfelder könnten nun sogar Voraussetzung der Supraleitung sein. Das Rätselraten über die physikalischen Grundlagen ist dadurch noch größer geworden. Bisher steht nur fest, dass der Stromfluss durch Paare von Elektronen getragen wird, wie in der BCS-Theorie beschrieben. Welcher Effekt aber diese Cooper-Paare verbindet, ist unklar. Sicher scheint, dass es sich nicht – wie bei metallischen Supraleitern – um eine Elektron-Phonon-Wechselwirkung handelt.

Durch die Wahl anderer Beimischungen wie Arsen lässt sich die Sprungtemperatur von ursprünglich 4 K auf mindestens 56 K steigern.[11]

Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Supraleiter

Hochtemperatursupraleiter werden - wenn möglich - bevorzugt bei 77 K betrieben, vorausgesetzt, dass die Stromdichte gering genug ist, damit die (stromabhängige) Sprungtemperatur nicht überschritten wird. Die dazu ausreichende Kühlung mit flüssigem Stickstoff ist besonders preiswert. Solche Anwendungen gibt es in der Messtechnik und in Kabeln (s. u.). Aufgrund der über den Querschnitt extrem inhomogenen Stromverteilung ist die geringe Stromdichte jedoch nicht immer erreichbar.

In Anwendungen mit - ggf. nur punktuell - höherer Stromdichte muss der HTSL stärker gekühlt werden. Sollen die gleichen Leistungsdaten wie bei konventionellen Supraleitern, etwa Niob-Titan, erreicht werden, muss die Temperatur entsprechend abgesenkt werden.

Bei SQUIDs, mit denen auch sehr kleine Magnetfeldänderungen gemessen werden können, wird bereits seit einiger Zeit die Kühlung mit flüssigem Stickstoff praktiziert. Allerdings steigt mit zunehmender Temperatur auch grundsätzlich das Rauschen des Signals, weshalb beispielsweise auch ein bei Raumtemperatur supraleitendes Material nach heutiger Auffassung keine große Verbreitung in der Elektronik finden würde. Bei Hochtemperatur-SQUIDs ist das höhere Rauschen gegenüber der älteren Helium-Technik zwar ebenso vorhanden und unerwünscht, wird aber wegen der Kosten- und Handhabungsvorteile von Stickstoffkühlungen oft in Kauf genommen.

Der Hauptnachteil der Hochtemperatursupraleiter ist die Sprödigkeit des nichtmetallischen Materials. Trotzdem ist es gelungen, ein biegsames Leitermaterial daraus herzustellen, indem der keramische Werkstoff in Röhren aus Silber gefüllt wurde, die dann zu flexiblen Bändern ausgewalzt wurden.[12] Ein so hergestelltes, nur mit Stickstoff gekühltes, 1 km langes Erdkabel für den Betrieb mit 10 kV im Mittelspannungsnetz wird seit Mai 2014 in der Stromversorgung der Stadt Essen im Rahmen eines Pilotprojekts eingesetzt. Es ersetzt eine herkömmliche 110-kV-Erdleitung. Zweck des Pilotprojekts ist, Mittelspannungsnetze in der Leistungsfähigkeit auszuweiten und innerstädtische Umspannwerke mit ihrem Platzbedarf zu vermeiden.[13]

Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Derzeit ist die Ursache der hohen Sprungtemperaturen nicht bekannt. Aufgrund ungewöhnlicher Isotopeneffekte kann jedoch ausgeschlossen werden, dass die Elektronenpaarbildung wie bei der konventionellen Supraleitung ausschließlich durch die konventionelle Elektron-Phonon-Wechselwirkung zustande kommt. Die BCS-Theorie ist jedoch weiterhin anwendbar, da diese Theorie die Art der Wechselwirkung offenlässt und letztlich als eine Art „Molekularfeldnäherung“ fungiert. Ähnlich wie in der Theorie der kritischen Phänomene bei Phasenübergängen 2. Ordnung, beobachtet man aber bei vielen Größen signifikant andere Zahlen als bei konventionellen Supraleitern in den nahe der kritischen Temperatur gültigen Potenzgesetzen.

Statt der Elektron-Phonon-Wechselwirkung vermutet man hier als Ursache der Supraleitung antiferromagnetische Elektron-Elektron-Korrelationen, die durch die spezielle Gitterstruktur der keramischen Supraleiter zu einer anziehenden Wechselwirkung benachbarter Elektronen und damit zu einer Paarbildung ähnlich wie bei konventionellen Cooper-Paaren der BCS-Theorie führen. [14] Allerdings lassen sich mit diesen Wechselwirkungen die Isotopeneffekte noch schwieriger erklären. Alternativ gibt es auch eine Verallgemeinerung der BCS-Theorie nach Gorkow (GLAG-Theorie) oder gänzlich neue Erklärungsansätze wie das Bisolitonen-Modell.

Alle HTSL mit wirklich hohen Sprungtemperaturen zeigen charakteristische Anomalien in den elektrischen Eigenschaften und den Wärmeleitfähigkeiten bereits im normalleitenden Zustand: Der elektrische Widerstand steigt auch bei tiefen Temperaturen linear mit der Temperatur und das Wiedemann-Franz-Gesetz ist auch im mittleren T-Bereich erfüllt. Normale Metalle zeigen ein potenzabhängiges Temperaturverhalten des Widerstands, und das WF-Gesetz ist im mittleren T-Bereich nicht erfüllt. Bislang gibt es keine Theorie, die diese Anomalien und die Supraleitung in den Cupraten gleichzeitig erklären kann.[15]

Auch konnte bisher weder experimentell gezeigt noch theoretisch widerlegt werden, ob Supraleitung bei Zimmertemperatur (20 °C, ca. 293 K) möglich ist. Frühere theoretische Abschätzungen einer „maximalen Sprungtemperatur“ haben sich nach der Entdeckung der Hochtemperatursupraleiter als falsch herausgestellt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Wesche: High-temperature superconductors – materials, properties and applications. Kluwer, Boston 1998, ISBN 0-7923-8386-9.
  • U. Balu Balachandran: High-temperature superconductors. MRS, Warrendale 2001, ISBN 1-55899-569-2.
  • Antonio Bianconi, et al.: Symmetry and heterogeneity in high temperature superconductors. Springer, Dordrecht 2006, ISBN 978-1-4020-3988-1.
  • Gernot Krabbes: High temperature superconductor bulk materials. Wiley-VCH, Weinheim 2006, ISBN 3-527-40383-3.
  • Amit Goyal: Second-generation HTS conductors. Kluwer, Boston 2005, ISBN 1-4020-8118-9.
  • Andrei Mourachkine: High-temperature superconductivity in cuprates – the nonlinear mechanism and tunneling measurements. Kluwer, Dordrecht 2002, ISBN 1-4020-0810-4.
  • P. Vincenzini: Science and engineering of HTC superconductivity. Techna, Faenza 1999, ISBN 88-86538-24-3.
  • Andrei Mourachkine: Room-temperature superconductivity. Cambridge Internat. Science Publ., Cambridge 2004, ISBN 1-904602-27-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c A. P. Drozdov, M. I. Eremets, I. A. Troyan, V. Ksenofontov, S. I. Shylin: Conventional superconductivity at 203 kelvin at high pressures in the sulfur hydride system. In: Nature. 17. August 2015, doi:10.1038/nature14964..
  2. Supraleiter-Rekord bei -70 Grad, Spiegel.online, 18. August 2015
  3. Arthur W. Sleight, J. L. Gillson, P. E. Bierstedt: High-temperature superconductivity in the BaPb1–xBixO3 systems. In: Solid State Communications. Band 17, Nr. 1. 1975, S. 27–28, doi:10.1016/0038-1098(75)90327-0.
  4. G.F. Sun, K.W. Wong, B.R. Xu, Y. Xin, D.F. Lu: enhancement of by substitution. In: Physics Letters A. Band 192, Nr. 1, 1994, S. 122–124, doi:10.1016/0375-9601(94)91026-X.
  5. a b R. Nave: Superconductivity Examples. HyperPhysics, abgerufen am 24. Mai 2009 (englisch).
  6. R. Flükiger, S. Y. Hariharan, R. Küntzler, H. L. Luo, F. Weiss, T. Wolf, J. Q. Xu: Nb-Ti. In: SpringerMaterials – The Landolt-Börnstein Database. 21b2: Nb-H – Nb-Zr, Nd – Np, 1994, doi:10.1007/10423690_53.
  7. Es gibt He4 und He3. Ersteres ist ein Bose-System, letzteres ein Fermi-System. Mit He3 erreicht man bei Temperaturen im Millikelvin-Bereich ungewöhnliche quantenflüssige Zustände, worauf hier nicht eingegangen wird, zumal sie in einem umfangreichen Buch von Dieter Vollhardt und Peter Wölfle diskutiert werden. He4 wird bei 2,21 K supraflüssig (sog. λ-Übergang). Diese Temperatur kann durch „Verdampfen“ erreicht werden.
  8. a b Charles Kittel: Introduction to Solid State Physics. 7. Auflage. Wiley, New York 1996, ISBN 978-0-471-11181-8.(Ein anderer wichtiger Supraleiter dieser Klasse ist Blei (Pb) mit TC=7,196 K.)
  9. Björn Gojdka: Der neue Goldrausch: eisenhaltige Supraleiter. DESY - Welt der Physik, Hamburg, 22. Juli 2009, abgerufen am 24. November 2009.
  10. Rainer Scharf: Arsenid-Supraleiter mit dem gewissen Etwas. pro-physik.de, 29. Januar 2009, abgerufen am 24. November 2009.
  11. Von der Alchimie zur Quantendynamik: Auf der Spur von Supraleitung, Magnetismus und struktureller Instabilität in den Eisenpniktiden. Max-Planck-Gesellschaft, Forschungsbericht 2011 - Max-Planck-Institut für chemische Physik fester Stoffe, abgerufen am 29. July 2011.
  12. A. Pawlak: Supraleitung ins Stadtzentrum. Physik-Journal Bd. 13 (2014) Heft 6 Seite 6
  13. Supraleitung ins Stadtzentrum. Abgerufen am 1. November 2015.
  14. Statt der sog. „Singulett-Paare“ der früheren Vorstellungen (Kugelsymmetrie) hat man jetzt vielleicht eine Art „d-Wellen-Paarung“, analog zur Funktion
  15. C.C. Tsuei, T. Doderer: Charge confinement effect in cuprate superconductors: an explanation for the normal-state resistivity and pseudogap. In: The European Physical Journal B – Condensed Matter and Complex Systems. Band 10, Nr. 2, 1999, S. 257–262, doi:10.1007/s100510050853.