Hofpfalzgraf

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Ein Hofpfalzgraf (comes palatinus, von lateinisch palatinus „der im Palast bzw. bei Hofe“) war im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit ein besonders privilegierter Amtsträger und Vertreter eines Monarchen. Hofpfalzgrafen spielten besonders im Rechtswesen des Heiligen Römischen Reichs eine Rolle, doch wurden entsprechende Amtsträger auch durch den Papst und den osmanischen Sultan ernannt.

Kaiserliche Hofpfalzgrafen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein kaiserlicher Hofpfalzgraf (Comes palatinus Caesareus) wurde im Heiligen Römischen Reich durch die Verleihung des sogenannten Palatinats ernannt. Dieses stellte ein Privileg zur Ausübung kaiserlicher Reservatrechte (der sogenannten Comitiva) dar. Dabei wurde je nach dem Umfang der verliehenen Rechte unterschieden in:

  • großes Palatinat (comitiva maior): territorial nicht begrenzt, erblich, mit der Befugnis, auch Unterpfalzgrafen einzusetzen; und
  • kleines Palatinat (comitiva minor): territorial begrenzt, nicht erblich.

Der Umfang der Rechte des Hofpfalzgrafen wurde in der Ernennungsurkunde jeweils eigens festgelegt. Zu den Reservatrechten, welche die römisch-deutschen Kaiser durch die Hofpfalzgrafen ausüben ließen, gehörten:

Auch wirtschaftlich war die Ernennung zum Hofpfalzgrafen bedeutsam, weil für die Durchführung der genannten obrigkeitlichen Amtshandlungen Gebühren erhoben werden konnten.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausformung der Hofpfalzgrafenwürde im Heiligen Römischen Reich geht zurück auf Kaiser Karl IV., der damit an die Funktionen der Pfalzgrafen im Hofgericht anknüpfte. Neben ihrer Rolle im Hofgericht hatten die Pfalzgrafen leitende Funktionen allgemeiner Art inne und fungierten als Verbindungsleute zwischen Bittstellern aus dem Reich und dem Kaiser. Im Reich gab es anfangs je einen Pfalzgrafen für jedes Herzogtum, doch wurden die meisten im Reich existierenden Pfalzgrafenwürden im Laufe des Mittelalters den sich herausbildenden mächtigen Territorialfürstentümern inkorporiert. Auch die Hofpfalzgrafen wurden vom Kaiser für die einzelnen Territorien ernannt, wobei manchmal die Landesherren selbst das große Palatinat und damit die Befugnis erhielten, auf eigene Veranlassung Rechtsakte aus dem Bereich der kaiserlichen Reservatrechte vorzunehmen. Hofpfalzgrafen mit kleinem Palatinat übernahmen hingegen zunehmend die Rolle lokaler Amtsträger. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Hofpfalzgrafenwürde immer häufiger verliehen, gleichzeitig erhöhte sich der Anteil jener Hofpfalzgrafen mit kleinem Palatinat, die eine universitäre Ausbildung als Juristen vorweisen konnten. In diesem Sinn trug die Hofpfalzgrafenwürde bereits einige Wesenszüge des sich erst später herausbildenden Beamtentums. Mit der zunehmenden Ausbildung einer von Beamten getragenen staatlichen Verwaltung verlor das Hofpfalzgrafenamt zunehmend seine Bedeutung und erlosch mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reichs 1806.

Päpstliche Hofpfalzgrafen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hofpfalzgrafen wurden nicht nur durch den römisch-deutschen Kaiser ernannt, sondern auch durch den Papst. Ein päpstlicher Hofpfalzgraf (Comes palatinus Lateranus, manchmal findet sich auch die Bezeichnung Graf des Lateranensischen Palastes) verfügte über vergleichbare Rechte wie ein kaiserlicher Hofpfalzgraf. Diese päpstlichen Amtsträger wurden entweder direkt vom Bischof von Rom oder einen in seinem Namen handelnden päpstlichen Legaten ernannt.

Beispielsweise ernannte Papst Leo X. 1514 alle kurialen Kanzeleischreiber zu Comites aulae Lateranensis und verlieh ihnen die Rechte von Hofpfalzgrafen.

Orden vom Goldenen Sporn

Auch die Auszeichnung mit dem päpstlichen Orden vom Goldenen Sporn war traditionell mit der Ernennung zum päpstlichen Hofpfalzgrafen verbunden. Ein Beispiel dafür ist der brandenburgische Hofbaumeister Christian Eltester (1671–1700), der für seine Arbeiten am päpstlichen Palazzo Montecitorio 1694 mit dem Orden vom Goldenen Sporn ausgezeichnet wurde. Johann Georg von Toggenburg (1765–1847) wurde 1796 von Papst Pius VI. zum Ritter [vom Goldenen Sporn] und Grafen von Lateran ernannt.[1] Die Praxis wurde 1815 eingeschränkt und 1841 unter Papst Gregor XVI. aufgehoben.

Ein Hofpfalzgraf, der sowohl die kaiserliche und die päpstliche Ernennung besaß, war Comes palatinus imperiali et papali auctoritate (Hofpfalzgraf aufgrund kaiserlicher und päpstlicher Ermächtigung).

Osmanische Hofpfalzgrafen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Nachfolger der byzantinischen Kaiser verlieh nach der Eroberung Konstantinopels (1453) auch der osmanische Sultan den Titel eines Hofpfalzgrafen.

So wurde Giovanni Bellini (1430–1516) nicht nur 1469 von Kaiser Friedrich III. (1415–1493), sondern auch 1481 von Sultan Mehmet II. (1432–1481) zum comes palatinus ernannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Arndt: Hofpfalzgrafen-Register. 3 Bände. Degener, Neustadt an d. Aisch 1964–1988, Bd. 1–2 ohne ISBN, Bd. 3: ISBN 3-7686-3046-3
  • Erwin Schmidt: Die Hofpfalzgrafenwürde an der hessen-darmstädtischen Universität Marburg/Gießen. (= Berichte und Arbeiten aus der Universitätsbibliothek und dem Universitätsarchiv Giessen; 23/1973). Universitätsbibliothek Gießen, Gießen 1973 (Digitalisat)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Josef Braunwalder, Friedrich Graf Toggenburg anlässlich dessen 90. Geburtstags, Wattwil 1996, S. 105 ff. (Digitalisat)