Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne

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Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne ist ein deutsches Volks-, Soldaten- und Arbeiterlied, das der sozialistischen Arbeiterbewegung entstammt. Die Melodie ist die des Liedes „Denkst du daran, mein tapferer Lagienka“ aus Karl von Holteis Singspiel Der alte Feldherr. In einigen Liederbüchern wird als Melodie das Lied „Bei Warschau schwuren tausend auf den Knien“ angegeben, das nach der gleichen Melodie gesungen wird.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges im Juli verschaffte dem Lied eine gewisse Popularität. Nach der Gefangennahme des französischen Kaisers Napoléons III. und der Kapitulation der französischen Truppen in der Schlacht von Sedan 1870 war für die Vertreter der Arbeiterbewegung das Kriegsziel erfüllt. Die Abgeordneten des norddeutschen Reichstags August Bebel und Wilhelm Liebknecht traten dementsprechend für die sofortige Beendigung der Kriegshandlungen ein. Wegen der Wende des Krieges vom Verteidigungs- zum Angriffskrieg erlangte das Lied hohe Popularität insbesondere durch die Zeilen[1]

Ihr Brüder all’, ob Deutsche, ob Franzosen
und
Auf, lasst zur Heimat uns zurückmarschieren,
von den Tyrannen unser Volk befrei’n (…)

Als Autor des Textes wurde der Arbeiterdichter Max Kegel vermutet. In den Liederbüchern Zeitgemäße Volkslieder und Gedichte[2], Neuestes Proletarier-Liederbuch von verschiedenen Arbeiterdichtern[3] und Sozialdemokratische Lieder und Deklamationen[4], in denen das Lied erstmals gedruckt wurde, erscheint kein Verfassername, was von Wolfgang Steinitz als Schutz des Autors vor Repressalien gedeutet wurde.[1] In der Neuauflage der Sozialdemokratischen Lieder 1887, im Londoner Nachdruck von 1889 und in späteren Liederbüchern wird als Verfasser Max Kegel angegeben, was wahrscheinlich seiner Beliebtheit in der Arbeiterbewegung geschuldet ist.[5]

Tatsächlich erschien das Lied erstmals am 11. März 1870 im Zwickauer Tageblatt und wurde kurz nach Ausbruch des Krieges als Soldatenlied in Der Volksstaat und im Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund nachgedruckt, womit die Autorschaft Max Kegels unwahrscheinlich wird.[6] Als Verfasser kommt noch Carl Hirsch in Frage, der 1870 Redakteur des Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreunds war und die Parodie „Ich bin Soldat und bin es mit Vergnügen“ verfasst hat.[6][7]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach 1891 wird das Lied in keinem Liederbuch mehr abgedruckt, auch nicht in den im Ausland erscheinenden. Erst nach 1905 erscheint es wieder in Liederbüchern der Arbeiterjugendbewegung, etwa in dem Liederbuch Freie Klänge. Liedersammlung für die arbeitende Jugend.[8] Im Ersten Weltkrieg wurde das Lied in verschiedenen den veränderten Situationen angepassten Versionen gesungen.[9] Beispielhaft die letzte Strophe eines im Ersten Weltkrieg gesungenen Liedes:

Drum Brüder all’, ob Deutsche, ob Franzosen,
Ob Russe oder ob von Engeland,
Ob schwarz, ob weiß, ob grün, ob gelb die Hosen,
Tretet zusammen und reichet euch die Hand!
Und nach der Heimat lasst uns hinmarschieren
Und unser Volk von dem Tyrann befrei’n,
Denn nur Tyrannen können Kriege führen,
Soldat der Freiheit möchte ich wohl sein!

In den 1970er Jahren erlebte das Lied eine Renaissance in der Folk-Szene sowohl in der BRD als auch der DDR, da in beiden Staaten bei der Rekrutierung von Wehrdienstleistenden Ungerechtigkeit in der Einzugspraxis empfunden wurde.[10] So konnte etwa die Gruppe Liedehrlich mit dem Lied im Garten des Hauses der jungen Talente in Berlin 1980 Grenzsoldaten zum Nachdenken bewegen.[11]

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne,
Als ich es ward, hat man mich nicht gefragt.
Man riss mich fort, hinein in die Kaserne,
Gefangen ward ich, wie ein Wild gejagt.
Ja, von der Heimat, von des Liebchens Herzen
Musst’ ich hinweg, und von der Freunde Kreis.
Denk ich daran, fühl’ ich der Wehmut Schmerzen,
Fühl’ in der Brust des Zornes Glut so heiß.

Ich bin Soldat, doch nur mit Widerstreben,
Ich lieb ihn nicht, den blauen Königsrock.
Ich lieb es nicht, das blut’ge Waffenleben,
Mich zu verteid’gen, wär’ genug ein Stock.
O sagt mir an, wozu braucht ihr Soldaten?
Ein jedes Volk liebt Ruh’ und Frieden nur.
Allein aus Herrschsucht und dem Volk zum Schaden
Lasst ihr zertreten, ach, die gold’ne Flur!

Ich bin Soldat, muss Tag und Nacht marschieren,
Statt an der Arbeit muss ich Posten steh’n,
Statt in der Freiheit muss ich salutieren
Und muss den Hochmut frecher Burschen seh’n.
Und geht’s ins Feld, so muss ich Brüder morden,
Von denen keiner mir zuleid was tat,
Dafür als Krüppel trag’ ich Band und Orden,
Und hungernd ruf ich dann: Ich war Soldat!

Ihr Brüder all’, ob Deutsche, ob Franzosen,
Ob Ungarn, Dänen, ob vom Niederland,
Ob grün, ob rot, ob blau, ob weiß die Hosen,
Gebt euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand!
Auf, lasst zur Heimat uns zurückmarschieren,
Von den Tyrannen unser Volk befrei’n,
Denn nur Tyrannen müssen Kriege führen,
Soldat der Freiheit will ich gerne sein.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 1, Akademie-Verlag, Berlin 1954. S. 401.
  2. Gustaf Linke (Herausgeber): Zeitgemäße Volkslieder und Gedichte. Dresden 1872. S. 5.
  3. Johann Most (Herausgeber): Neuestes Proletarier-Liederbuch von verschiedenen Arbeiterdichtern. Chemnitz 1873.
  4. Sozialdemokratische Lieder und Deklamationen. 3. Auflage, Zürich 1875.
  5. Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 1, Akademie-Verlag, Berlin 1954. S. 401. und Band 2, Akademie-Verlag, Berlin 1962. S. 336f.
  6. a b Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 2, Akademie-Verlag, Berlin 1962. S. 336f.
  7. „Ich bin Soldat und bin es mit Vergnügen“ im Volksliedarchiv.
  8. Zentral-Komitee für die Jugendagitation: Freie Klänge. Liedersammlung für die arbeitende Jugend. Mannheim 1908.
  9. Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Band 2, Akademie-Verlag, Berlin 1962. S. 344 – 348.
  10. Barbara Boock: „Schiller und Steinitz. Zur politischen Dimension von Soldatenliedern“. In: Eckhard John, Wolfgang Steinitz: Die Entdeckung des sozialkritischen Liedes: zum 100. Geburtstag von Wolfgang Steinitz. Waxmann Verlag, 2006. S. 81 – 96.
  11. Peter Fauser: „Friedensthematik und Soldatische Prägung. Zum Politischen Lied in der DDR“. In: Eckhard John, Wolfgang Steinitz: Die Entdeckung des sozialkritischen Liedes: zum 100. Geburtstag von Wolfgang Steinitz. Waxmann Verlag, 2006. S. 97f.