Ilse Korotin

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Ilse Erika Korotin (geb. 1957 in Horn, Niederösterreich) ist eine österreichische Philosophin und Soziologin. Sie forschte und publizierte zum ideengeschichtlichen Kontext des Nationalsozialismus. Am Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien leitet sie die Dokumentationsstelle Frauenforschung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind feministische Biografieforschung und Wissenschaftsgeschichte.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ilse Korotin absolvierte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Nach mehrjähriger Berufstätigkeit studierte sie ab 1983 Philosophie und Soziologie an der Universität Wien. 1990 wurde sie zur Dr. phil. promoviert und arbeitet seitdem am Wiener Institut für Wissenschaft und Kunst, seit 1991 als Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung.[1]

Unter ihrer Leitung wird seit 1998 das Dokumentations-, Forschungs- und Vernetzungsprojekt biografiA. biografische datenbank und lexikon österreichischer frauen durchgeführt. Es widmet sich der historisch-biografischen Aufarbeitung österreichischer Frauenpersönlichkeiten im Zeitraum der erstmaligen Nennung Österreichs bis zur Gegenwart mit dem Ziel weitergehenden Forschungen im Bereich der feministischen Geschichtsforschung, der Wissenschaftsgeschichte sowie der Frauen- und Genderforschung eine fundierte Basis zu geben. Die Arbeitsergebnisse werden in einer Buchreihe veröffentlicht und in einer Datenbank, die laufend aktualisiert wird, zur Verfügung gestellt.[2]

Als Teil des Projekts gab Ilse Korotin zusammen mit Brigitta Keintzel von der Universität Wien 2002 das lexikalische Nachschlagewerk Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken heraus.[3] Es umfasst Lebensgeschichten von 342 wissenschaftlich tätigen Frauen aus allen Bereichen der Kultur- und Naturwissenschaften von der Jahrhundertwende bis zur Nachkriegszeit, darunter mehrere Wissenschaftlerinnen, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Das Lexikon zeigt auch, „dass es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nur sehr wenigen Frauen gelang, in dem institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb zu reüssieren. Habilitationen und Ernennungen zu Professor(inn)en blieben Ausnahmen“.[4] Die Vielzahl der Biografien spreche für eine breite Emanzipationsbewegung, schreiben die Herausgeberinnen im Vorwort und fordern eine „grundlegende Revidierung der bisherigen Sichtweise auf die österreichische Wissenschaftsgeschichte“.[5]

Am 20. Mai 2016 wurde das von Ilse Korotin herausgegebene biographiA. Lexikon österreichischer Frauen von Bundespräsident Heinz Fischer in den Räumen der Präsidentschaftskanzlei der Öffentlichkeit präsentiert.[6] Das vierbändige Lexikon, das von Bundespräsident Fischer im Rahmen der Präsentationsveranstaltung als „wichtige und voluminöse Neuerscheinung, was Thema und Gründlichkeit betrifft“ bezeichnet wurde,[7] beinhaltet rund 6.500 Biografien österreichischer Frauen bzw. Hinweise auf frauenbiografische Spuren von der Römerzeit bis zur Gegenwart - einschließlich Geburtsjahr 1938 - und ist auf einen Wirkungsbereich in den geografischen Grenzen des heutigen Österreich bezogen. Es zeigt das Wirken von Frauen in Politik, Gesellschaft, Kultur und Geschichte, betritt dadurch in vielen Bereichen biografisches Neuland und eröffnet neue Forschungsperspektiven. Es ist Teil des multimodularen Dokumentations-, Forschungs- und Vernetzungsprojekts biografiA. biografische datenbank und lexikon österreichischer frauen am Institut für Wissenschaft und Kunst.[8]

Für 2017 wurde Korotin der Preis der Stadt Wien für Volksbildung zugesprochen.

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografie

Herausgeberschaften und Beiträge

  • Die besten Geister der Nation. Philosophie und Nationalsozialismus, Picus Verlag, Wien 1994, ISBN 3-85452-257-6
  • Mit Charlotte Kohn-Ley: Der feministische "Sündenfall"? Antisemitische Vorurteile in der Frauenbewegung (=Dokumentation eines Symposiums des Jüdischen Instituts für Erwachsenenbildung in Wien), Picus Verlag, Wien 1994, ISBN 3-85452-261-4
    • darin: "Die mythische Weiblichkeit eines Volkes". J.J. Bachofen, das Mutterrecht und der Nationalsozialismus, S. 84–130
  • Mit Volker Eickhoff: Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe. Der Geist der konservativen Revolution, Picus Verlag, Wien 1997, ISBN 3-85452-406-4
    • darin: Die politische Radikalisierung der Geschlechterdifferenz im Kontext von "konservativer Revolution" und Nationalsozialismus. Mathilde Ludendorff und der "Völkische Feminismus", S. 105–127
  • Gebrochene Kontinuitäten? Zur Rolle und Bedeutung des Geschlechterverhältnisses in der Entwicklung des Nationalsozialismus, Studienverlag, Innsbruck/Wien/München 2000, ISBN 3-7065-1398-6
  • Mit Brigitta Keintzel: Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben - Werk - Wirken, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99467-1, Open Access
  • Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht. Verfolgt, verdrängt, vergessen?, Praesens Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-7069-0408-7
  • "Die Zivilisation ist nur eine ganz dünne Decke ..." Ella Lingens (1908-2002), Ärztin – Widerstandskämpferin – Zeugin der Anklage, Praesens Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-7069-0646-3
  • Mit Susanne Blumesberger: Frauenbiografieforschung. Theoretische Diskurse und methodologische Konzepte, Praesens Verlag, Wien 2012, ISBN
  • Mit Christine Kanzler und Karin Nusko: "… den Vormarsch dieses Regimes einen Millimeter aufgehalten zu haben …" : Österreichische Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Prasens Verlag, Wien 2015, ISBN 978-3-7069-0434-6
  • biografiA. Lexikon österreichischer Frauen (vier Bände), Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79590-2

Buchbeiträge

1994 und 1995: doi:10.1007/978-3-322-99766-1_16;
1997/98: doi:10.1007/978-3-322-99644-2_14

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Blumesberger et al. (Hrsg.): Mehr als nur Lebensgeschichten. 15 Jahre biografiA. Eine Festschrift für Ilse Korotin, Prasens Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-7069-0765-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Autorinnen, in: Der feministische „Sündenfall“? (s. Publikationen), S. 262
  2. biografiA. Projektbeschreibung
  3. Rezensionsnotiz bei Perlentaucher
  4. Rezension in: in Sehepunkte, Ausgabe 5 (2005), Nr. 9
  5. Ein steiniger Weg: Forscherinnen von gestern bis heute, Science.ORF.at
  6. Präsentation des Buches "biografiA - Lexikon österreichischer Frauen, Website des österreichischen Bundespräsidenten, abgerufen am 21. Mai 2016.
  7. Biografieforschung auf Feministisch, derstandard.at vom 26. Mai 2016, abgerufen am 29. Mai 2016.
  8. biografiA. Lexikon österreichischer Frauen, Informationen auf der Website des Böhlau-Verlages, abgerufen am 21. Mai 2016.
  9. Review von Johanna Gehmacher in: L'Homme. Band 4, Heft 2, Seiten 129–133, ISSN (Online) 2194-5071, ISSN (Print) 1016-362X, doi:10.7767/lhomme.1993.4.2.129, December 1993