Jüdischer Friedhof (Boizenburg/Elbe)

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Eingang zum jüdischen Friedhof

Der Jüdische Friedhof Boizenburg/Elbe ist ein denkmalgeschützter jüdischer Friedhof in Boizenburg/Elbe im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einer Anhöhe am westlichen Rand der Boizenburger Altstadt – am Ende des Lauenburger Postweges – befindet sich der 680 m² große Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde Boizenburg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der in den „Turner Eichen“ gelegene Friedhof wurde im Jahr 1768 angelegt. Zu dieser Zeit lebten und arbeiteten eine Vielzahl von Juden in Boizenburg. Die jüdische Gemeinde Boizenburg nutzte ihren Friedhof bis in das Jahr 1936. Im darauffolgenden Jahr verbot der seit Juli 1932 amtierende NSDAP-Bürgermeister Joachim-Friedrich Senst[1] jegliche weitere Nutzung.[2] Zudem versuchte die Stadt die Überbauung des Friedhofsgeländes zu erwirken.[3] Die israelitische Landesgemeinde setzte sich jedoch gegen die von der Stadtverwaltung veranlassten Repressalien zur Wehr. Im Zuge der Auseinandersetzung erstellte der Boizenburger Stadtbaumeister am 12. Mai 1938 ein Gutachten, in dem er vorgab, dass das starke Stadtwachstum die Überbauung notwendig machen würde.[4] Ein weiteres Gutachten vom 8. Juni 1938 befasste sich mit den Eigentumsverhältnissen, die zu Ungunsten der Boizenburger Gemeinde ausgelegt wurden. Da es zu keiner Einigung kam, reichte die israelitische Landesgemeinde am 25. August 1938 Klage beim Mecklenburgischen Landesverwaltungsgericht ein. Die Aussichten auf Erfolg waren jedoch gering. So war es auch keine Überraschung, dass die Klage am 25. Oktober 1938 abgewiesen wurde. Damit wäre die vorgesehene Überbauung unweigerlich erfolgt. Der Niedergang des NS-Regimes verhinderte jedoch die Umsetzung des politisch motivierten Vorhabens.

Während der NS-Zeit verwahrloste die Begräbnisstätte zwar, von mutwilligen Zerstörungen blieb der Friedhof allerdings verschont. 1948 wurde der jüdische Friedhof durch die Stadt Boizenburg in einen würdigen Zustand versetzt. Eine 1964 beabsichtigte Einebnung konnte die jüdische Landesgemeinde durch ihre energische Intervention verhindern.

In den darauffolgenden Jahrzehnten verwilderte der Friedhof erneut. 1988 wurde die Begräbnisstätte während eines freiwilligen Arbeitseinsatzes, an dem vorwiegend einheimische Jugendliche teilnahmen, wieder hergerichtet.

Schändungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ansicht jüdischer Friedhof

Der Friedhof ist gleich mehrfach zur Stätte rassistisch und rechtsextremistisch motivierter Zerstörungen geworden.

  • 1966 – Die Grabsteine wurden beschädigt und die Friedhofsmauer eingerissen. Nachfolgend wurde der Friedhof wiederhergestellt.
  • 2002 – Die Begräbnisstätte wurde gleich zweimal das Opfer von Schändungen. Beim ersten Übergriff wurden alle Grabsteine umgeworfen, welche dadurch schwer beschädigt wurden. Kurze Zeit später wurden Bestandteile des Friedhofes mit Hakenkreuzen verunstaltet.

Zur Verhinderung einer erneuten Beschädigung wurden die Grabsteine aneinandergereiht in eine Betonfläche eingelassen.[5]

Heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Friedhof befinden sich heute 40 Grabsteine, davon ein Großteil mit leserlichen Inschriften. Für die Erhaltung und Pflege der denkmalgeschützten Grabanlage ist die örtliche Friedhofsverwaltung zuständig.

Der Friedhof steht – unter Beachtung der israelitischen Glaubensgrundsätze – interessierten Besuchern offen. Es ist jedoch eine vorherige Anmeldung und Schlüsselabholung bei der Boizenburger Stadtverwaltung notwendig.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. 3 Bände. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08035-2, (Digitalisat).
  • Klaus Arlt: Zeugnisse jüdischer Kultur: Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Tourist Verlag, Berlin 1992, ISBN 978-3-350-00780-6.
  • Leopold Donath: Geschichte der Juden in Mecklenburg: von den ältesten Zeiten (1266) bis auf die neueste Zeit (1874). Verlag Oskar Leiner, Leipzig 1874.
  • Helmut Eschwege: Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR. Band III. Selbstverlag, Dresden 1990.
  • Jürgen Borchert: Was blieb … : jüdische Spuren in Mecklenburg. Verlagsbuchhandlung Haude & Spener, Berlin 1994, ISBN 978-3-7759-0391-2, S. 48 f.

Gedruckte Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erika Will: Jüdische Vergangenheit in Boizenburg. In: Boizenburg, Beiträge zur Geschichte der Stadt. Nr. III. (Hrsg.) Heimatmuseum Boizenburg, Boizenburg 1985, S. 9 f, S. 23 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jüdischer Friedhof (Boizenburg/Elbe) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Buddrus, Sigrid Fritzlar: Die Städte Mecklenburgs im Dritten Reich: ein Handbuch zur Stadtentwicklung im Nationalsozialismus. Edition Temmen, Bremen 2011, S. 765.
  2. H. G. Vormann: Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg. TU Braunschweig, Braunschweig 2010, S. 469.
  3. H. G. Vormann: Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg. TU Braunschweig, Braunschweig 2010, S. 470.
  4. LHAS Bestand: (10.72-1), Israelitischer Oberrat: Nr. 144, Gutachten vom 12. Mai 1938.
  5. Grabsteine mussten einer betonierten Fläche weichen. In: Schweriner Volkszeitung: Hagenower Kreisblatt. 12. März 1998.

Koordinaten: 53° 22′ 45,1″ N, 10° 42′ 40,4″ O