Japanisch-Ryūkyū

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Japanisch-Ryūkyū (jap. 日本語族, nihongozoku, dt. „japanische Sprachfamilie“) ist eine kleine Sprachfamilie, deren Sprachen auf den japanischen Inseln gesprochen werden. Sie umfasst das moderne Japanisch mit seinen regionalen Dialekten (insgesamt 125 Mio. Sprecher) und die fünf Ryūkyū-Sprachen oder -Dialektcluster, die auf den Ryūkyū-Inseln – vor allem Okinawa – von etwa einer Million Menschen gesprochen werden. Bisweilen wird die Japanisch-Ryūkyū-Familie auch als japanische Sprachfamilie oder – in Anlehnung an den englischen Begriff Japonic languages – als japonische Sprachfamilie bezeichnet.

Japanisch und die Ryūkyū-Sprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Linguisten machen zwischen Japanisch und Japanisch-Ryūkyū keinen Unterschied und sprechen nur von der japanischen Sprache, die Ryūkyū-Sprachen werden dann als abweichende „Dialekte“ des Japanischen betrachtet. Allerdings ist eine wechselseitige Verständigung zwischen dem eigentlichen Japanisch und den Ryūkyū-Sprachen in der Regel nicht möglich.

Durch die geographischen Gegebenheiten haben sich in Japan viele regionale Dialekte erhalten: Neben der Aufteilung in vier große und einige tausend kleine Inseln hat das Land nur wenige große fruchtbare Ebenen, 80 % der Landesfläche sind Gebirge, die natürliche Grenzen für die Sprachräume bilden. Das verbindende Band war die Küstenschifffahrt. Gleiches gilt für die Ryūkyū-Sprachen, die auf einem langgezogenen Archipel mit vielen kleinen Inseln mit ihren Sprechergemeinschaften in Einzeldialekte aufgespalten sind. Eine genaue Trennung zwischen Japanisch und den Ryūkyū-Sprachen ist heute kaum noch möglich, da sich die Dialekte der Ryūkyū-Inseln dem modernen Japanisch umso mehr angleichen, je näher sie geographisch bei den Hauptinseln liegen. In Richtung Süden nimmt dagegen der Umfang der Ryūkyū-spezifischen Elemente zu.

Die Zahl der Ryūkyū-Bewohner, die nur noch Standardjapanisch sprechen, nimmt ständig zu, so dass die Ryūkyū-Sprachen in ihrer Sprecherzahl (heute noch etwa eine Million) entsprechend zurückgehen. Für die größte Ryūkyū-Sprache Okinawa gilt: erwachsene Sprecher sind in der Regel zweisprachig Okinawa-japanisch, die Altersgruppe zwischen 20 und 50 versteht Okinawa, benutzt aber generell – auch zu Hause – Japanisch. Die Unter-20-Jährigen sind einsprachig japanisch aufgewachsen. Monolinguale Okinawa-Sprecher gibt es auch in der ältesten Sprechergruppe kaum noch. Damit ist selbst diese Ryūkyū-Sprache (diejenige mit den meisten Sprechern) in ihrem Fortbestand gefährdet; dies gilt umso mehr für die kleineren Sprachen dieser Gruppe.

Die Gliederung der Sprachfamilie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Darstellung der meisten Forscher umfasst die Japanisch-Ryūkyū-Familie folgende Sprachen und Dialekte:

  • Japanisch-Ryūkyū   (5 Sprachen bzw. Dialektcluster mit 126 Mio Sprecher)
    • Japanisch
      • Japanisch (125 Mio. Sprecher)
    • Ryūkyū (etwa 1 Mio. Sprecher)
      • Okinawa-Amami (etwa 900 Tsd. Sprecher)
        • Amami, Dialekte: Amami-Oshima, Kikai, Toku-no-shima
        • Okinawa, Dialekte: Shuri, Kunigami, Oki-no-erabu, Yoron
      • Sakishima (etwa 100 Tsd. Sprecher)
        • Miyako-Yaeyama, Dialekte: Miyako, Yaeyama (möglicherweise zwei Sprachen)
        • Yonaguni

Ursprungshypothesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sprachen der Japanisch-Ryūkyū-Familie werden auf ein hypothetisches Proto-Japonisch zurückgeführt, auf dem die heutigen Sprachen (oder Dialekte) basieren sollen. Das Japonische hat sich möglicherweise aus einer Kreolsprache weiterentwickelt, die in einer Mischkultur entstand, die sich aus der japanischen Urbevölkerung – meist identifiziert mit den Trägern der Jōmon-Kultur – und Einwanderern aus Korea oder Zentralasien gebildet hatte.

Von manchen Forschern werden die japonischen Sprachen – zusammen mit dem Koreanischen – zur Gruppe der sogenannten altaischen Sprachen gezählt (siehe auch Makro-Altaisch). Ob das Altaische eine genetische Einheit (also eine Sprachfamilie) ist oder nur einen arealen Sprachbund bildet, ist umstritten. Die Mehrheitsmeinung tendiert zur Sprachbund-These. (Siehe unten japanisch-koreanisch-altaische Wortgleichungen.) Ungeklärt ist auch, woher das „urjapanische“ Vokabular stammt, das heute die Kun-Lesung der japanischen Schriftzeichen bildet. Das moderne Koreanisch und das moderne Japanisch zeigen zwar große Übereinstimmung in den chinesischen Lehnwörtern, darüber hinaus jedoch nur geringe Ähnlichkeit in den Lexemen.

Studien versuchen, lexikalische Ähnlichkeiten zur Sprache des historischen koreanischen Staates Goguryeo (Koguryŏ) und sogar zu den dravidischen Sprachen nachzuweisen (letzteres im Rahmen der nostratischen Makrofamilie).

Syntax, agglutinierender Sprachbau und Höflichkeitssprache weisen auf eine Verwandtschaft mit dem Koreanischen aber auch mit der Javanischen Sprache hin. Die Phonetik der japanischen Sprache ist dem Lautsystem der austronesischen Sprachen sehr ähnlich.

Die Hypothese von den Buyeo-Sprachen geht dabei soweit, Altjapanisch und die Goguryeo-Sprache zu einer Familie zusammenzufassen und von der Sprache des Reiches Silla abzugrenzen, die den stärksten Einfluss auf die Entwicklung des modernen Koreanisch hatte. Viele koreanische Linguisten sehen jedoch alle historischen koreanischen Dialekte als einer Familie angehörig, was der Buyeo-Theorie widerspricht.

Laut einer Studie, habe sich das proto-Japanische (und das proto-Koreanische) aus einer Mischung von Austronesischen und Altaischen Elementen gebildet. Laut der Studie fand assimilierten austronesische Farmer in der heutigen Provinz Liaoning altaische Nomaden.

Die Historikerin Ann Kumar zeigt genetische und linguistische Indizien für einen austronesischen Ursprung des Japanischen auf. Vor allem zeigt sie starke Parallelen zwischen dem Japanischen und der Javanischen Sprache auf.[1]

Dem Linguisten Vovin zufolge habe das Japanische einen wahrscheinlichen Ursprung im heutigen südlichen Chinas.[2][3] Es wird angenommen das die Sprache der Yayoi-Bevölkerung (den frühen Japanern) mit den Austroasiatischen Sprachen verwandt war. Später wurde diese austroasiatische Sprache von Chinesisch und Austronesisch beeinflusst.[4]

Diese Kognaten zwischen dem Japanischen und den Austroasiatischen Sprachen handeln über (Reis-)Landwirtschaft welche ab der Yayoi-Zeit Einzug in Japan fand:[5]

  • (z/h)ina-Ci (Reis)
  • koma-Ci (Hüllen Reis)
  • pwo (Ähre)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Javanese influence on Japanese - Languages Of The World. In: Languages Of The World. 9. Mai 2011 (languagesoftheworld.info [abgerufen am 25. Juli 2018]).
  2. Alexander Vovin: Is Japanese Related to Austronesian? In: Oceanic Linguistics. Band 33, Nr. 2, 1994, S. 369–390, doi:10.2307/3623134, JSTOR:3623134.
  3. Alexander Vovin: Out of Southern China? (academia.edu [abgerufen am 16. Februar 2019]).
  4. Vovin, Alexander. 1998. Japanese rice agriculture terminology and linguistic affiliation of Yayoi culture. In Archaeology and Language II: Archaeological Data and Linguistic Hypotheses. Routledge.
  5. Vovin, Alexander. 1998. Japanese rice agriculture terminology and linguistic affiliation of Yayoi culture. In Archaeology and Language II: Archaeological Data and Linguistic Hypotheses. Routledge.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Miller, Roy Andrew: Die japanische Sprache. Geschichte und Struktur. Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien der Philipp Franz von Siebold Stiftung. Band 4 1967. (Nachdruck Iudicium-Verlag 2000.)
  • Miller, Roy Andrew: Languages and History: Japanese, Korean, and Altaic. White Orchid Press. The Institute for Comparative Research in Human Culture. Oslo (Druck Bangkok) 1996.
  • Shibatani, Masayoshi: The Languages of Japan. Cambridge University Press 1990.