Jubelperser

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Als Jubelperser (in den Medien auch Prügelperser genannt) wurde eine Gruppe von rund 150 iranischen Staatsbürgern bezeichnet, die den Schah-Besuch 1967 von Mohammad Reza Pahlavi und seiner Frau Farah Pahlavi am 2. Juni 1967 in West-Berlin begleiteten. Die Gruppe bestand aus Mitarbeitern des iranischen Geheimdienstes SAVAK und von diesem angeheuerten Landsleuten, die als Pro-Schah-Demonstranten auftraten und unter Duldung der Berliner Polizei mit Gewalt gegen friedliche Gegendemonstranten vorgingen.[1][2] Der Begriff ist als abwertende Bezeichnung für (üblicherweise gewaltlose) Claqueure, also bezahlte Applaudierer, in die deutsche Sprache eingegangen.[3]

Vorgänge am 2. Juni 1967[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die später in der Presse wegen ihres Vorgehens als Jubelperser bezeichnete Gruppe sollte Demonstranten abschirmen, die gegen die diktatorische Herrschaft des Schahs sowie gegen Folterung und Tötung politischer Gegner im Iran demonstrieren wollten, sowie als vermeintliche Gegendemonstranten dem Schah zujubeln und schließlich mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgehen. Als die Jubelperser vor der Deutschen Oper Berlin mit Dachlatten, Knüppeln und Totschlägern auf deutsche Studenten losgingen, schaute die deutsche Polizei anfänglich nur zu und schritt nicht ein, später ging sie dann ebenfalls mit Gewalt gegen eingekesselte Studenten vor und ließ die Provokateure unbehelligt ziehen. Im Verlauf des Abends wurde der Student Benno Ohnesorg von dem zivil gekleideten West-Berliner Polizeibeamten und – wie sich erst 2009 herausstellte – inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter Karl-Heinz Kurras mit einem gezielten Schuss in den Kopf getötet.[4] Kurras wurde für seine Tat nie verurteilt und blieb bis zu seiner Pensionierung Polizeibeamter.

Presseberichterstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Benno Ohnesorg#Medien

Der Großteil der Berliner Presse, allen voran Publikationen des Springer-Verlags, berichtete über die Ereignisse des 2. Juni 1967 ausschließlich als Gewaltausbrüche vonseiten der Studenten und stellte die Polizei lediglich als korrekt handelnde Opfer dar. Die Veröffentlichung des Fotos eines prügelnden Jubelpersers mit Totschläger in der Hand wurde von allen Zeitungen Westberlins abgelehnt. Ein Foto einer von Polizeiknüppeln verletzten Augenzeugin hingegen wurde auf den Titelseiten von Springer-Publikationen als „Opfer des studentischen Terrors“ verfälscht.[5] Der Springer-Presse wurde vonseiten der Studenten vorgeworfen „statt ihrer Informationspflicht zu genügen und wahrheitsgemäß über die Unruhe der Studenten zu berichten, hat sie die Bevölkerung systematisch gegen die Studenten aufgehetzt.“[6] Dies hatte auch konkrete Auswirkungen, als beispielsweise ein Verwaltungsangestellter, der lediglich Rudi Dutschke ähnlich sah, von einem Bürger-Mob verfolgt wurde, der ihm „Schlagt den Dutschke tot“ und „Hängt ihn auf“ hinterherrief.[5]

Geschichtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ihrer Meinung nach systematische Hetzkampagne durch die Springer-Medien, das Verhalten der deutschen Behörden während des Schah-Besuchs und der Tod des Studenten Benno Ohnesorg gelten – zusammen mit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke im April 1968 – als wichtige Auslöser für die Radikalisierung der damaligen Studentenbewegung und die spätere Gründung der militanten Untergrundorganisationen Bewegung 2. Juni und Rote Armee Fraktion (RAF).[7]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Jubelperser – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Geheimdienste / Savak, Spur in den 4. Stock. In: Der Spiegel. Nr. 43, 1967, S. 64–66 (online 16. Oktober 1967).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der 2. Juni 1967 und Ohnesorgs Tod: "Zynischer ging's nicht" in Süddeutsche Zeitung vom 2. Juni 2007
  2. Tod von Benno Ohnesorg: Ein Schuss in viele Köpfe in Spiegel Online vom 31. Mai 2007
  3. Duden: Jubelperser. Abgerufen am 27. Mai 2015 (Bedeutung: Claqueur).
  4. „Aus kurzer Distanz: Ein Schuss, der die Republik verändert hat“ in Der Spiegel, Ausgabe 4/2012, S.36 ff.
    Kurzzusammenfassung: Schüsse auf Studenten: Berliner Polizei vertuschte Hintergründe des Ohnesorg-Todes in Spiegel Online vom 22. Januar 2012
  5. a b Die Situation eskaliert: Berlin, 2. Juni 1967, Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung
  6. Gefahr für uns alle - Studenten gegen Springer in Der Spiegel, Ausgabe 19/1968
  7. Tod von Benno Ohnesorg 1967: Berliner Polizei vertuschte den gezielten Schuss in Süddeutsche Zeitung vom 22. Januar 2012