Jungsteinzeitliche Feuersteinminen bei Spiennes

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Jungsteinzeitliche Feuersteinminen bei Spiennes
UNESCO-Welterbe UNESCO-Welterbe-Emblem

Feuersteinbergwerk Spiennes (2008)
Staatsgebiet: BelgienBelgien Belgien
Typ: K
Kriterien: (i)(iii)(iv)
Fläche: 172 ha
Referenz-Nr.: 1006
UNESCO-Region: Europa und Nordamerika
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 2000  (Sitzung 24)

Die Jungsteinzeitlichen Feuersteinminen bei Spiennes im belgischen Spiennes sind der größte bekannte neolithische Feuersteinbergwerkskomplex.

Sie umfassen eine Fläche von rund 100 Hektar mit ca. 20000 Schächten. In Petit Spiennes erreicht die Schachtdichte 5000 auf 16 ha Land.[1] Genutzt wurden die Minen von dem Neolithikum bis in die Eisenzeit. Ihre Einzigartigkeit wurde im Jahr 2000 von der Unesco gewürdigt, in dem sie in das Welterbe der Menschheit aufgenommen wurden. Sie sind ein herausragendes Beispiel für die kulturelle und technische Entwicklung des Menschen und ein außergewöhnliches Zeugnis für seinen Einfallsreichtum.[2]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Feuersteinlagerstätte Spiennes befindet sich Nahe der Stadt Mons auf einer silexknollenhaltigen Kreideschicht. Diese ist zum Teil von einer 1,7 m dicken Schicht tertiärer Sande und einer 3–4 m dicken Schicht alluvialem Löß bedeckt. An den tiefergelegenen Stellen dünnt der Löß aus und die Kreideschicht tritt dicht an die Oberfläche.[3] Der dort vorliegende, aus Kieselsäuren entstandene, Silex, chemisch vorwiegend SiO2, besitzt eine braunschwarze Farbe und umschließt Mikrofossilien aus der Kreidezeit.[4]:4 Grob lässt sich das Fundgebiet dreiteilen: „Camp à Cailloux“ im Osten, in der Mitte „Petit Spiennes“ und im Westen das Abbaugebiet „Versant de la Wampe“. Es erstreckt sich südlich des Dorfes Spiennes. In dem Areal befinden sich des Weiteren Schlagplätze, ein Erdwerk der Michelsberger Kultur, eine bronzezeitliche Siedlung, eine spätbronzezeitliche Siedlung und eine eisenzeitliche Siedlung (La Tène Ib bis III). Gräberfelder wurden bisher nicht entdeckt.[4]:124 Auch im 19. Jahrhundert wurden noch Feuersteine für Steinschlossgewehre abgebaut und rezent wird Kreide über Tage gebrochen.

Forschungsgrabung (2010)

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1867 wurden beim Bau der Bahnstrecke von Mons nach Chimay die ersten Schächte entdeckt. Danach wurden immer wieder Grabungen in dem Gebiet, vor allem von der „Société de Recherche préhistorique en Hainaut“, unternommen. Diese gräbt bis heute regelmäßig in dem Gebiet. Umfassende Publikationen wurden vor allem von François Hubert publiziert.[3]

links die abgeteuften Schächte, rechts der Tagebaubereich (2008)

Fund- und Befundsituation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Artefakt, bearbeitete Feuersteinklinge (2015)

Der Bergbau von Spiennes ging vom tagesnahen Mardellenbergbau zum Tiefbau über, als die tagesnahen Bereiche erschöpft waren und die steinzeitlichen Bergleute der Lagerstätte in die Tiefe folgten.[5] Die Schächte besitzen einem Durchmesser von 0,8–1,2 m, liegen bis zu 5,5 m von einander entfernt und reichen 8–16 m in die Tiefe. Von ihnen geht ein Streckensystem aus, welches 1–2 m hoch ist und einen erweiterten Duckelbau bildet.[3][6] Verfüllt wurden die Gänge mit dem Aushub aus neu angelegten Strecken und Schächten.

Eine Vielzahl von Silexfragmenten bilden die Hauptfundgattung. Das Arbeitsgerät bestand aus Steinpicken und Hirschgeweihschaufeln. Spuren am Kreidegestein lassen noch heute die Schlagrichtung erkennen. Neben Werkzeugfunden wurden auch menschliche Skelette sowie zertrümmerte Skelettreste gefunden. Interpretiert wurden letztere entweder als Sekundärbestattung oder als Anzeichen für Kannibalismus.[7] Bemerkenswert sind zwei Kreidesteine: an einem lassen sich Seilspuren identifizieren, er kann als Beleg eines Gegengewichtes zur Silexförderung angenommen werden;[4]:136f. der andere zeigt das Konterfei eines Menschen.[4]:136f.

Chronologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der älteste neolithische Fund aus dem Areal ist eine Keramik, die an das Ende der Linienbandkeramik datiert. Weitere Keramikfunde verweisen auf die Michelsberger und die Seine-Oise-Marne-Kultur. Kalibrierte C14-Daten aus den Schächten verweisen auf das Jahr 3470 (± 75 J.) v. Chr., welches dem Beginn der Michelsbergerkultur und dem Ende der Linienbandkeramik entspricht.[4]:131f. Kontinuierlich benutzt wurde das Werk bis in das Jahr 2300 v. Chr., also bis in das Endneolithikum und die Deûle-Escaut-Kultur.[8]

Handelsbeziehungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verteilung des Rohfeuersteines erfolgte in einem Umkreis von bis zu 50 km um Spiennes; die Halb- und Endprodukte, vorwiegend Beilköpfe und Rohlinge, sogar in einen Umkreis von bis zu 160 km.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred de Loë: Belgique ancienne: catalogue descriptif et raisonné. In: Les âges de la pierre. Teil 1. Vromant, Bruxelles 1928.
  • Robert Shepherd: Prehistoric mining and allied industries. Academic Press, London 1980.
  • François Hubert: Zum Silexabbau von Spiennes. In: Gerd Weisgerber (Hrsg.): 5000 Jahre Feuersteinbergbau (= Carnets patrimoine). Nr. 22. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, Namur/Bochum 1999 (französisch: L'exploitation préhistorique du silex à Spiennes.).
  • Leonhard Fober et al.: Feuersteinbergbau – Typen und Techniken. In: Gerd Weisgerber (Hrsg.): 5000 Jahre Feuersteinbergbau. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, 1999.
  • Helen Collet et al.: The flint mines of Petit-Spiennes. In: Gabriele Körlin (Hrsg.): Stone age - mining age (= Der Anschnitt). Beiheft, Nr. 19. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, Bochum 2006, S. 67 ff.
  • Clemens Lichter (Hrsg.): Jungsteinzeit im Umbruch. Primus, Darmstadt 2010.
  • Paul Wheeler: Ideology and context within the european flint-mining tradition. In: Alan Saville (Hrsg.): Flint and stone in the neolithic period. Oxbow Books, Oxford 2011.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Feuersteinbergwerk Spiennes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Wheeler 2011, S. 306
  2. Neolithic Flint Mines at Spiennes (Mons). whc.unesco.org, abgerufen am 8. Mai 2018 (englisch).
  3. a b c Helen Collet et al.: The flint mines of Petit-Spiennes. In: Gabriele Körlin (Hrsg.): Stone age – mining age (= Der Anschnitt). Beiheft, Nr. 19. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, Bochum 2006, S. 68.
  4. a b c d e François Hubert: Zum Silexabbau von Spiennes. In: Gerd Weisgerber (Hrsg.): 5000 Jahre Feuersteinbergbau (= Carnets patrimoine). Nr. 22. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, Namur/Bochum 1999 (französisch: L'exploitation préhistorique du silex à Spiennes.).
  5. Helmut Wilsdorf: Kulturgeschichte des Bergbaus. Ein illustrierter Streifzug durch Zeiten und Kontinente. Verlag Glückauf, Essen 1987, ISBN 3-7739-0476-2, S. 10–13 (409 S.).
  6. Fober 1999, S. 35 f und http://www.polemuseal.mons.be/en/silexs-mons?set_language=en
  7. Helen Collet et al.: The flint mines of Petit-Spiennes. In: Gabriele Körlin (Hrsg.): Stone age - mining age (= Der Anschnitt). Beiheft, Nr. 19. Deutsches Bergbaumuseum Bochum, Bochum 2006, S. 69 ff.
  8. datation – Mines de Spiennes. www.minesdespiennes.org, abgerufen am 8. Mai 2018 (französisch).
  9. Distribution du silex de Spiennes – Mines de Spiennes. www.minesdespiennes.org, abgerufen am 8. Mai 2018 (französisch).

Koordinaten: 50° 25′ 12,6″ N, 3° 58′ 55,8″ O