Erdwerk

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Die frühmittelalterliche Burg von Szabolcs in Ungarn
Der römische Limes bei Lich in Hessen

Erdwerk bezeichnet in der Archäologie ein Bodendenkmal aus Gräben, Wällen und ggf. Palisaden, wobei letztere obertägig nicht mehr zu erkennen bzw. nachzuweisen sind.[1] Erdwerke können Einbauten aus Holz oder Stein enthalten. Die weltweit größten Erdwerke wurden für Grenzziehungen errichtet, wofür der Obergermanisch-Raetische Limes ein Beispiel ist. Es lassen sich neben Befestigungsanlagen auch zivile und kultische Erdwerke nachweisen.

Im neuzeitlichen Festungsbau bezeichnet Erdwerk eine aus Erde aufgeschüttete Befestigung.

Mögliche Funktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erdwerke des Neolithikums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Neolithikum waren Kreisförmige Grabenanlagen verbreitet, die ihre Blütezeit mit den monumentalen Anlagen des Jungneolithikums fanden.[2] Ihre genaue Funktion bleibt häufig spekulativ, wobei die drei konkurrierenden Ansätze von einer Fortifikation (d. h. militärischen Befestigung), der Nutzung als Viehpferch sowie einer kultischen Funktion ausgehen. Die Frage nach dem Zweck einer Anlage lässt sich hierbei allenfalls für den Einzelfall beantworten.[3]

Anfänge im Alt- und Mittelneolithikum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erdwerke in Form von Einfach- oder Doppelgrabenanlagen erscheinen mit der Linearbandkeramischen Kultur (hier etwa 5500–4900 v. Chr.) in Mitteleuropa. Sie sind zwar (mit dem Fundort Eilsleben) für die älteste Phase dieser Kultur belegt; sie sind aber aus der späten Phase dieser Kultur besonders häufig entdeckt worden.[2]

Archäologische Untersuchungen zeigen, dass die Grabensysteme dieser Erdwerke stets unterbrochen waren und aus einer Aneinanderreihung nacheinander gegrabener Gruben bestanden, die nach kurzer Zeit mit organischem oder anderem Material (auch mit menschlichen Knochen) und schließlich mit Erde gefüllt wurden. Das weist auf eine kultische Nutzung. Diese Erdwerke waren entweder innen mit Häusern bebaut (wie in Herxheim bei Landau in der Pfalz oder in Vaihingen an der Enz) oder sind innen fast ohne Funde.

Leute der Stichbandkeramischen Kultur (etwa 4900–4500 v. Chr.) bauten Erdwerke als Kreisgrabenanlagen mit meistens vier Öffnungen und Palisaden.

Ab der Mitte des fünften Jahrtausends v. Chr. werden Erdwerke seltener, es liegen hier flachere und schmalere, häufig von einer Palisade begleitete Gräben vor.[2] Bekannt sind aus dieser Zeit beispielsweise Erdwerke der Rössener Kultur (etwa 4790–4550 v. Chr.).[3]

Der Zweck lässt sich in einigen Fällen wie etwa der Kreisgrabenanlage von Goseck als eindeutig kultisch, in anderen Fällen als relativ eindeutig fortifikatorisch bestimmen, bleibt oftmals jedoch umstritten. Es lässt sich feststellen, dass während der Bandkeramik Erdwerke vor allem an Standorten größerer Siedlungen als Kennzeichen ihrer Zentralörtlichen Funktion anzutreffen sind. Ein wiederkehrendes Merkmal, das sich durch das gesamte Früh- und Mittelneolithikum zieht, ist jedoch eine Assynchronizität zwischen dem Erdwerk und der damit in Zusammenhang stehenden Siedlung; so wurde beispielsweise im Falle der Siedlung auf dem "Nachtwiesenberg" bei Esbeck gezeigt, dass der die Siedlung umgebende Doppelgraben erst während der letzten Siedlungsphase angelegt wurde.[2]

Beispiele für Erdwerke der Linearbandkeramischen Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiele für Mittelneolitische Anlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monumentale Erdwerke des Jungneolithikum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Früher wurden die unterbrochenen Erdwerke der Michelsberger Kultur als Verteidigungsanlagen oder Viehgehege gedeutet. Die Erdwerke der Michelsberger Kultur, des Chasséen bzw. des britischen Frühneolithikums haben zahlreiche Unterbrechungen, was sie als Verteidigungsanlage ungeeignet erscheinen lässt. Forscher wie Dixon interpretieren die Unterbrechungen jedoch als Ausfalltore und verweisen auf die zahlreichen Funde von Pfeilspitzen, beispielsweise in Crickley Hill, als Beleg der fortifikatorischen Funktion.

Die Trichterbecherkultur (TBK) errichtet insbesondere zwischen 4000 und 3500 v. Chr. Erdwerke in Norddeutschland. Von den im Jahr 1996 bekannten 31 Erdwerken der Trichterbecherkultur liegen 4 in Schleswig-Holstein, eines in Niedersachsen und eines in Schweden. Die 25 dänischen Anlagen verteilen sich auf Jütland (11), Seeland (7) und Fünen (4). Je eines liegt auf Alsen, Bornholm und Langeland.

In England werden die frühen Belege für umschlossene „Komplexe“ in vier Hauptkategorien unterteilt: Pound- und Tor-Einhegungen, Ringanlagen, Hillforts und kleine Einhegungen. Ihre Verteilung ist weiter, aber die Mehrheit liegt in einer breiten Schneise die sich entlang der Ost- und Südküste von England erstreckt (Kent, Sussex und Wiltshire und die Moore von Dartmoor und Bodmin), wobei die Form von Region zu Region variiert.

Kupferzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kupferzeitliche Erdwerke (und Mauerwerke) finden sich vor allem im Alentejo in Portugal (Outeiro Alto 2).

Eisenzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die späteisenzeitlichen Viereckschanzen (4.–2. Jh. v. Chr.) werden als Hof- oder Kultplätze gedeutet.

Afrika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zwischen 800 vor Chr. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts errichteten Mauern von Benin (englisch: Benin Moat) waren bis zur Zerstörung durch britischen Kolonialtruppen 1897 mit einer Länge von 16.000 km das größte von Menschen errichtete Erdwerk weltweit. Sie umschlossen ein Bereich von 6.500 km² Gemeinschaftsland mit etwa 500 Siedlungen.[4]

Amerika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Poverty Point ist ein Erdwerk im Nordosten des US-Bundesstaates Louisiana nahe der Ortschaft Epps. Auf dem etwa 160 ha großen, über der Talebene des Mississippi liegenden Gelände befinden sich in Größe und Komplexität einzigartige Erdwerke einer präkolumbischen Kultur. Sie werden auf die Zeit zwischen 18. und 10. Jahrhundert v. Chr. datiert. Auffällig sind sechs Erdwälle in Form halber konzentrischer Ringe, die mit ihren Enden an den Hangabbruch stoßen. Zur Anlage gehören auch sechs als Mounds bezeichnete künstliche Hügel, innerhalb und außerhalb der Halbringe.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Niels H. Andersen: Sarup Vol. 1, The Sarup Enclosures: The Funnel Beaker Culture of the Sarup site, including two causewaysed camps compared to the contemporary settlements in the area and other European enclosures. Jutland Archaeological Society Publications 33.1, Aarhus 1997, ISBN 87-7288-588-2 (sehr gute Übersicht über das Spektrum neolithischer Erdwerke im gesamten europäischen Raum. Autor ist Vertreter einer durchgehend religiös-kultischen Deutung).
  • Michael Geschwinde, Dirk Raetzel-Fabian: EWBSL. Eine Fallstudie zu den jungneolithischen Erdwerken am Nordrand der Mittelgebirge. Mit Beiträgen von Ernst Gehrt, Silke Grefen-Peters und Walter Wimmer. Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen 14, VML, Rahden/Westf. 2009, ISBN 978-3-89646-934-2 (Erdwerkslandschaft mit der höchsten Konzentration monumentaler Objekte im mitteleuropäischen Raum. Interpretation im Kontext von Ritual und Tranzhumanz).
  • Tim Kerig: Von Gräben und Stämmen: Zur Interpretation bandkeramischer Erdwerke. In: U. Veit, T. L. Kienlin, C. Kümmel u. S. Schmidt (Hrsg.): Spuren und Botschaften: Interpretationen materieller Kultur. Tübinger Archäologische Taschenbücher 4, Münster 2003, S. 225–244.
  • Benedikt Knoche: Die Erdwerke von Soest (Kr. Soest) und Nottuln-Uphoven (Kr. Coesfeld). Studien zum Jungneolithikum in Westfalen. Mit Beiträgen von Hubert Berke, Jutta Meurers-Balke und Silke Schaumann. Münstersche Beiträge zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie 3, VML, Rahden/Westf. 2008, ISBN 978-3-89646-281-7 (Diskussion der michelsbergzeitlichen Erdwerke in ihrem historischen und funktionalen Kontext).
  • Robert J. Mercer: Causewayed Enclosures. Princes Risborough, Shire 1990, ISBN 0-7478-0064-2.
  • Dirk Raetzel-Fabian: Calden. Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur – Ritual – Chronologie. Mit Beiträgen von Gerd Nottbohm, Kerstin Pasda, Gesine Weber und Jaco Weinstock. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Habelt, Bonn 2000, ISBN 3-7749-3022-8 (Untersuchung zum möglichen Funktionsspektrum monumentaler Erdwerke, Deutung als Ritualplätze).
  • Katja Schmidt, Christian Jeunesse: Bandkeramische Erdwerke – Verteidigungsanlagen? In: Varia neolithica IV, 2006, ISBN 3-937517-43-X. S. 83–101

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. H. Steuer: Stichwort Erdwerk, im Reallexikon der germanischen Altertumskunde (begründet von Johannes Hoops), Heinrich Beck et al. (Hrsg.), Berlin, De Gruyter 1973 ff., S. 443.
  2. a b c d Michael Geschwinde: Die Jungneolithischen Erdwerke zwischen Rhein und Elbe. In: Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. 1. Auflage. Band 18 - Überschuss ohne Staat – Politische Formen in der Vorgeschichte. Harald Meller, Detlef Gronenborn, Roberto Risch, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Halle 2018, ISBN 978-3-944507-83-5, S. 263–286.
  3. a b Schwarzer, Ralf: Befestigungen des Neolithikums in Sachsen-Anhalt. in: Kataloge zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Band 2/II: Früh- und Mittelneolithikum. Halle (Saale), 2021
  4. Aout the Benin Moat. In: The Benin Moat Foundation. 2007, abgerufen am 29. März 2020 (englisch).