Kartätsche (Munition)

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Reste einer Kartätschenladung aus einer Kanone des frühen 17. Jahrhunderts, bestehend aus Eisennägeln, Eisenschrott, Lehm und Hanfgewebe
Drei Traubenhagel (Nachbauten) im Kaliber 7,5 cm. Jedes Geschoss enthält 48 Eisenkugeln á 25 mm Durchmesser und wiegt 3,3 kg. Treibspiegel und Mittelspindel aus Buchenholz. Links mit verwundener, mitte und rechts mit gekreuzter Außenschnürung.
Nachbau eines hölzernen Hagelbehälters aus dem 16./17. Jh. Er enthält 70 Kugeln á 20 mm Durchmesser. Das Original befindet sich in den Kunstsammlungen der Veste Coburg.
Britische Büchsenkartätsche aus dem Ersten Weltkrieg

In der Waffentechnik bezeichnet man als Kartätsche (ugs. Diminutiv von Kartusche, vergleiche engl. cartridge) ein Artilleriegeschoss mit Schrotladung. Diese wird je nach Bauart auch Traubenhagel, Traubenmunition oder Traubhagel genannt.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn Schrot aus gehacktem Blei, Eisen oder Nägeln ohne jeglichen Behälter verschossen wurde, handelte es sich nicht um eine Kartätsche, sondern um sogenannten Hagel. Dieser war mindestens seit dem frühen 15. Jahrhundert bekannt, aber nur auf sehr kurze Distanz wirksam, wie zum Beispiel im Enterkampf auf Schiffen oder den Einsatz im Feld auf dicht aufgestellte Schützen- oder Schlachtreihen.

Die Kartätsche wurde spätestens um 1449 erfunden und bestand aus einem Papier- oder Stoffbehälter (ähnlich einer nichtmetallischen Kartusche, die mitverschossen wird), der mit kleinen Stein- oder Metallkugeln gefüllt wurde. Ladungen mit vielen kleinen Kugeln wurden als Beutelkartätsche, mit wenigen großen Kugeln als Traubenkartätsche bezeichnet. Der Behälter besaß einen Treibspiegel aus Holz. Ende des 16. Jahrhunderts kamen Beutelkartätschen auf, bei denen die Kugeln in verschnürten Zwilchbeuteln steckten. Die Beutelkartätschen erhielten Halt durch eine zentral im Spiegel steckende (Mittel)Spindel. Bei den Trauben- oder Tannzapfenkartätschen wurden auf den Spiegel größere und kleinere Kugeln mit Pech angeklebt und mit Leinwand bezogen oder ein zuvor genähter Sack aus Leinwand über die Spindel gestülpt und anschließend mit Kugeln befüllt. In beiden Fällen wurde die äußere Leinwand zur Stabilisierung mit einem starken Garn netzartig verschnürt. Abschließend bekam die Leinwand noch eine Imprägnierung („Taufe“) mit einer pechhaltigen Mischung um diese langfristig lagerfähig (verwitterungsfest) zu machen, was gerade im maritimen Einsatz vonnöten war.

Die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges von allem durch die schwedischen Truppen bekannt gewordenen Lederkanonen waren ausschließlich für den Verschuss von Traubenhagelmuniton vorgesehen.

Seit dem 17. Jahrhundert bestand der Behälter in der Feldartillerie aus Eisen- oder Zinkblech (Büchsenkartätsche). Innerhalb dieser Behältnisse wurden die Kugeln in eine Masse aus Gips, Wachs oder Schwefel eingebettet. Auch Kartätschenbehälter in Form eines mehrteiligen hölzernen Treibkäfigs sind bekannt und teilweise bis heute erhalten. Eine besonders erwähnenswerte Form der Kartätsche hat sich in größerer Stückzahl bis heute in den Sammlungen der Burg Forchtenstein in Österreich bewahrt. Sie bestehen aus im Kalibermaß geflochtenen Weidenkörben (vergleichbar mit der Form von Schanzkörben) welche an beiden Enden mit hölzernen Scheiben verschlossen sind. Die eigentliche Ladung besteht aus fast kugelförmigen Glasabschnitten („Glashagel“). In der Festungsartillerie wurden noch weitere zwei Jahrhunderte lang Beutelkartätschen eingesetzt.

Im späten 19. Jahrhundert kam das in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges oft eingesetzte Schrapnell, beziehungsweise die Granatkartätsche auf. Bei diesen Geschossen werden die Kugeln erst im Zielbereich durch eine Treibladung nach vorn Richtung Ziel ausgestoßen. Sie waren vor allem gegen ungeschützte Flächenziele wirksam.

Auch im Zweiten Weltkrieg waren für einige Geschütze mittlerer Kaliber Kartätschen zur Nahverteidigung der Geschützstellung verfügbar.

Die Bedeutung der Kartätsche ging bereits im 19. Jahrhundert mit der flächendeckenden Einführung gezogener Läufe bei Infanteriegewehren und der dadurch steigenden Kampfentfernung zurück. Durch die Entwicklung von Schrapnell und Maschinengewehr wurden Kartätschen fast vollständig verdrängt. Eine moderne Waffe nach diesem Prinzip ist die US-amerikanische 120-mm-Patrone M1028 zur Bekämpfung von nahen Zielen in Städten. Diese verschießt etwa 1150 Wolframkugeln aus einer Glattrohrkanone.[1] Auch für die Artillerie im Kaliber 155 mm gibt es derartige Munition. Diese stößt nach zuvor über den Zeitzünder eingestellter Flugweite mehrere Tausend kleine flossenstabilisierte Pfeile von etwa 2,5 mm Durchmesser aus, welche sich dann über eine bestimmte Fläche verteilen und gegen sogenannte „weiche Ziele“ wie z.B. Infanterie wirksam sind.

Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kartätschen werden von der Artillerie gegen ungedeckte Menschen, sogenannte Weichziele eingesetzt. Dies konnten angreifende Truppenverbände oder sonstige Bevölkerungsansammlungen sein. In Festungen konnten damit Gräben wirksam bestrichen werden. Besonders verheerende Wirkung wurde durch einen Ricochetschuss erzielt: Die Kartätsche wurde in flachem Winkel vor den angreifenden Truppen gegen den Boden geschossen. Die aus dem aufplatzenden Behälter in alle Richtungen abprallenden Kugeln sorgten für mehr Verwundete und Tote als ein direkt treffendes Einzelgeschoss. Die wirksame Reichweite beträgt 300 bis 600 Meter. Auf kürzerer Entfernung ist die Streuung zu gering, auf zu großer Entfernung lassen Durchschlagskraft und Feuerdichte nach.

Bekannte Einsätze sind zum Beispiel:

„Kartätschenprinz“ war ein abwertender Beiname von Kronprinz Wilhelm von Preußen, später Wilhelm I., der ihm aufgrund seiner Forderung nach entschiedener militärischer Gewalt zur Niederschlagung der Revolution von 1848 von Maximilian Dortu beigelegt wurde.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mariano di Jacopo (gen. Taccola): De rebus militaribus, um 1449, Bayerische Staatsbibliothek München, clm 28800
  • Das Feuerwerkbuch von 1420
  • Hans Georg Schirvatt: Kunst- und Artillerie-Buch. Süddeutschland 1622

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred Geibig: Spreng- und Streukörper, Schneid- und Trümmerprojektile. In: Die Macht des Feuers – ernstes Feuerwerk des 15.–17. Jahrhunderts im Spiegel seiner sächlichen Überlieferung. Kunstsammlungen der Veste Coburg, Coburg 2012, ISBN 978-3-87472-089-2, S. 177–226.
  • Militair-Conversations-Lexikon, 1834

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.globalsecurity.org/military/systems/munitions/m1028.htm Beschreibung und Bilder

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kartätsche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien