Kirche Kleinhöchstetten

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Kirche von Kleinhöchstetten

Die Kirche Kleinhöchstetten ist die reformierte Kirche von Rubigen (zur Kirchgemeinde Münsingen gehörig). Die aus dem 10. Jahrhundert stammende Kirche gilt als der einzige erhaltene frühromanische Apsissaal in der Schweiz. Bis zur Reformation war sie ein bedeutender Wallfahrtsort und wurde danach profaniert.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Kante des rechtsseitigen Aarehangs, zwischen Rubigen und Muri, steht die kleine Kirche umgeben von Bauernhäusern im Weiler Kleinhöchstetten in der Gemeinde Rubigen. Die restaurierte Kirche hat eine Vorhalle mit Pultdach an der Giebelseite und ist wegen ihres schindelbedeckten Dachreiterturms als Gotteshaus erkennbar. An beiden Seiten sind kreuzförmige Anbauten und an der Ostseite eine halbrunde Apsis mit unverputzten Bruchsteinen. Den Kirchenplatz umschliesst eine Mauer gegen die angrenzenden Obstgärten und Bauernhäuser.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriftliche Berichte über den Ursprung der Kirche fehlen, jedoch auf Grund der Ausgrabungen von 1955 und 1956 sind zeitliche Einordnungen der Baugeschichte möglich. Bereits um 700 gab es an diesem Platz eine kleine Kirche die über Fundamenten eines älteren Bauwerks gebaut war. Deren Grundmauern von etwa 7 × 11 Metern wurden bei den Ausgrabungen freigelegt und dokumentiert. Ihre Lage ist mit Kupfernägeln auf dem überdeckenden Tonplattenboden markiert.

Die zweite grössere Kirche wurde vermutlich im 10. Jahrhundert zur Zeit der hochburgundischen Könige erstellt. Der Nischenkranz an der Apsis und Elemente der Westfassade lassen auf eine frühe Erstehungszeit schliessen. Die heutige Kirche misst 18,6 Meter Länge und an der Westwand 9,6 Meter Breite. Das leicht konisch sich verjüngende Schiffwird durch die Chorwand mit eingezogenem Chorbogen abgeschlossen. Direkt angeschlossen sind beidseitig Annexe von 4 × 4,4 Metern die zur halbrunden Apsis mit Bogendurchgängen offen sind.

Vorreformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche war bis zum späten Mittelalter ein beliebtes Wallfahrtsziel. Sie wird erstmals 1348, als Unserer Lieben Frau geweiht erwähnt.

Als eine von 29 Kirchen des Dekanats Münsingen hatten die dort wirkenden Geistlichen eigene Pfründen, waren aber dem Dekan unterstellt. 1498 bis 1522 predigte dort der deutsche Priester Johannes Wecker bereits mit reformatorischen Ideen. Allerdings hatte er mit seiner Kritik an Totenmessen für die Gefallenen der Bicoccaschlacht die Berner Obrigkeit erbost und wurde zur Aburteilung dem Bischof von Konstanz überstellt. Während dessen war bei Dekan Ulrich Güntisberger der Bayer Jörg Brunner als Helfer tätig. Da auch er nicht nach herkömmlicher Lehre predigte, liess ihn der Dekan vom Bischof an das Kirchlein von Kleinhöchstetten versetzen. Dort aber predigte Brunner umso eifriger gegen die Missstände in der Kirche und erhielt starken Zulauf. Damit erregte er den Unwillen und Neid bei seinen Amtskollegen und so wurde er dem Rat von Bern überstellt um ihn zur Aburteilung dem Bischof zu übergeben. Allerdings hatte das neue Gedankengut bereits in Bern Fuss gefasst und so konnte Brunner frei wieder sein Amt ausüben. Die Verhandlung 29. August 1522 im Barfüsserkloster in Bern am wird als erste Berner Disputation betrachtet und das Kirchlein von Kleinhöchstetten damit als "Die Wiege der Berner Reformation" bezeichnet.

Nachreformation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1534 kurz nach der Einführung der Reformation wurden die Kapellen des Dekanats Münsingen profaniert. Die Leute von Kleinhöchstetten mussten wie die der anderen umliegenden Orte nach Münsingen zur Predigt. Ein Bauer kaufte die Kirche, nutzte sie als Wagenremise und richtete über einem Zwischenboden Dienstwohnungen ein. Die Pforte der Westfassade wurde zugemauert, die Annexen abgebrochen und neue Eingänge in der Südwand eingebaut.

Bis in die 1940er Jahre verlotterte das Gebäude zusehends, so dass man den Abbruch plante. Allerdings hatten die Heimatpfleger bereits den historischen Wert der ehemaligen Kirche erkannt. 1952 stürzten Teile des Dachs ein. Im gleichen Jahr ergriff eine Sekundarschulklasse mit ihrem Lehrer Ernst Aebi nach einer Exkursion an die Ruine die Initiative und bat den Obmann des Berner Heimatschutzes schriftlich um die Erhaltung des Baudenkmals. Sie fand Gehör und es wurde als erstes ein Notdach erstellt. 1953 erwarb die evangelisch-reformierte Landeskirche das Grundstück mit der Ruine, um eine Wiederherstellung und Rückführung in ihren ursprünglichen Zweck einzuleiten. Bei den vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Ausgrabungen, geleitet von Paul Hofer, wurden die ursprüngliche Fundamente erfasst.

1962 wurde die Kirchenparzelle in Kleinhöchstetten der Kirchgemeinde Münsingen als Schenkung mit der Bedingung überschrieben, die Kirche wieder dem gottesdienstlichen Gebrauch zuzuführen. Unter der Leitung des Berner Architekten Alfred Schaetzle begannen 1963 die Restaurationsarbeiten und wurden nach dreijähriger Bauzeit vollendet. Seit der Einweihung am 15. Mai 1966 dient das Gebäude wieder als Gotteshaus

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fresko an der Südwand. Aus der Auferstehungsgeschichte.

In der Fensternische der südlichen Apsiswand ist eine nach 1438 eingefügte steinerne Piscina erhalten. Der 1952 gestohlene mit gotischem Masswerk verzierte Tabernakel konnte aus privater Hand erworben werden und wurde wieder in der Chornordwand eingebaut.

Wandmalereien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Renovation wurden Wandmalereien sowohl an der westlichen Aussenfassade, als auch an den Wänden im Innern gefunden. Links vor dem Eingang sind unter einem gemalten Bogenfries die an ihren Attributen erkennbaren Heiligen Sankt Leonhard, Mauritius, Stephanus, Laurentius und einem weiteren Unbekannten zu sehen. Im Inneren sind florale Ornamente in den Fensternischen und am Chorbogen erhalten. Von fünf Bildern an der Südwand aus einem ursprünglichen Zyklus zeigt eines den auferstandenen Christus als Gärtner mit Maria Magdalena, die anderen sind weniger gut erhalten. Die Westwand trägt eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, dazu eine Mandorla mit dem thronenden Christus, flankiert von den vier Evangelistensymbolen mit Maria und Johannes. Unter einer umlaufenden Rankenbordüre sind grossflächige Reste von Würfelmustern erhalten. Die Malereien sind in ihrer Art mit denen von Belp oder Kirchlindach vergleichbar, ohne jedoch deren Qualität zu erreichen.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der von Hermann von Fischer entworfene Dachreiterturm trägt zwei Glocken der Glockengiesserei Rüetschi Aarau. Die grössere wurde von der Einwohnergemeinde Rubigen und die zweite von der Schulgemeinde Trimstein gestiftet. Sie wurden am 26. September 1964 feierlich aufgezogen.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die an der Chorwand aufgestellte Hausorgel stammt aus dem oberaargauischen Madiswil. In einem schrankartigen Gehäuse von 1787 ist ein einmanualiges Werk eingebaut. Die volkstümlichen Malereien auf den Innenseiten der Flügeltüren stellen Tugend und Laster sowie die Gnadenwahl gegenüber. Der Erbauer könnte nach Vergleichsstudien der Emmentaler Orgelbauer Peter Schärer sein.[1][2][3]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Kirche Kleinhöchstetten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zita Caviezel-Rüegg: Die Kirche Kleinhöchstetten Schweizerische Kunstführer GSK. Bern 1996. ISBN 3-85782-592-8
  • J. Lüdi: Das Kirchenwesen von Münsingen online PDF 12 MB

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Gugger: Die bernischen Orgeln. Stämpfli, Bern 1978.
  2. Orgelprofil im Orgelverzeichnis Schweiz-Liechtenstein, auf privater Website abgerufen am 10. Januar 2017
  3. Texte zu Hausorgeln von Annerös Hulliger abgerufen am 1. Juni 2019.

Koordinaten: 46° 54′ 12″ N, 7° 31′ 52,9″ O; CH1903: 607065 / 194695