Kirchenvolks-Begehren

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Das Kirchenvolks-Begehren war eine 1995 erstmals in Österreich durchgeführte Unterschriftenaktion, die eine Erneuerung der römisch-katholischen Kirche forderte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1995 wurde in Österreich das Kirchenvolks-Begehren durchgeführt: eine Unterschriftenaktion, die eine Erneuerung der römisch-katholischen Kirche durch konkret benannte Reformen forderte. Unmittelbarer Auslöser der Aktion war der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen gegen den damaligen Wiener Erzbischof Groer. Die Initiative ging von Thomas Plankensteiner und Martha Heizer aus, die mit ihrem Team diese Aktion „für eine grundlegende Erneuerung der Kirche Jesu“ durchführten und 5 Forderungen aufstellten:

1. Aufbau einer geschwisterlichen Kirche:

  • Gleichwertigkeit aller Gläubigen, Überwindung der Kluft zwischen Klerus und Laien (Nur so kann die Vielfalt der Begabungen und Charismen wieder voll zur Wirkung kommen.)
  • Mitsprache und Mitentscheidung der Ortskirchen bei Bischofsernennungen(Bischof soll werden, wer das Vertrauen des Volkes genießt.)

2. Volle Gleichberechtigung der Frauen:

  • Mitsprache und Mitentscheidung in allen kirchlichen Gremien
  • Öffnung des ständigen Diakonates für Frauen
  • Zugang der Frauen zum Priesteramt (Die Ausschließung der Frauen von kirchlichen Ämtern ist biblisch nicht begründbar. Auf den Reichtum an Fähigkeiten und Lebenserfahrungen von Frauen kann die Kirche nicht länger verzichten. Das gilt auch für Leitungsämter.)

3. Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht - zölibatärer Lebensform (Die Bindung des Priesteramtes an die ehelose Lebensform ist biblisch und dogmatisch nicht zwingend, sondern geschichtlich gewachsen und daher auch veränderbar. Das Recht der Gemeinden auf Eucharistiefeier und Leitung ist wichtiger als eine kirchenrechtliche Regelung.)

4. Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen:

  • Anerkennung der verantworteten Gewissensentscheidung in Fragen der Sexualmoral (z.B. Empfängnisregelung)
  • Keine Gleichsetzung von Empfängnisregelung und Abtreibung
  • Mehr Menschlichkeit statt pauschaler Verurteilungen (z.B. in bezug auf voreheliche Beziehungen oder in der Frage der Homosexualität)
  • Anstelle der lähmenden Fixierung auf die Sexualmoral stärkere Betonung anderer wichtiger Themen (z.B. Friede, soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung...)

5. Frohbotschaft statt Drohbotschaft:

  • Mehr helfende und ermutigende Begleitung und Solidarität anstelle von angstmachenden und einengenden Normen
  • Mehr Verständnis und Versöhnungsbereitschaft im Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen, die einen neuen Anfang setzen möchten (z.B. wiederverheiratete Geschiedene, verheiratete Priester ohne Amt), anstelle von unbarmherziger Härte und Strenge.

Unterstützung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die oben genannten Ziele sammelte das „Kirchenvolks-Begehren“ in Österreich vom 3. bis 25. Juni 1995 insgesamt 505.154 Unterschriften von österreichischen KatholikInnen.

In Deutschland sammelten die Initiative Kirche von unten und der Leserinitiative Publik vom 16. September bis 12. November 1995 insgesamt 1.845.141 Unterschriften[1]. Von den Unterzeichnern signierten 1.483.340 als römisch-katholisch für eine grundlegende Erneuerung der Kirche Jesu.

Ähnliche Unterschriftenaktionen fanden in den USA und in Großbritannien statt. Im November 1996 wurde die internationale Plattform „Wir sind Kirche“ gegründet mit Organisationen, die mittlerweile in allen fünf Kontinenten vertreten sind.

Reaktionen in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Aktion führte zu lebhaften Diskussionen nicht nur in Österreich und löste zahlreiche Publikationen aus, die sich mit den Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens beschäftigten.

Der damalige Grazer Bischof Johann Weber lehnte zwar die Methode des Unterschriftensammelns ab, sah darin jedoch einen Anstoß für die Kirche „nicht sitzenzubleiben“. Der burgenländische Bischof Paul Iby meinte, dass er sich verheiratete Priester und eine Zulassung der Frauen zum Diakonat vorstellen könne. Deutliche Ablehnungen kamen hingegen von Weihbischof Andreas Laun und dem St. Pöltner Bischof Kurt Krenn.

Die Bischöfe antworteten im September 1996 mit der „Wallfahrt der Vielfalt“ nach Mariazell unter dem Motto „Streiten und Beten“, zu der 5000 Menschen kamen und bei der zahlreiche Diskussionsveranstaltungen stattfanden.

Im Oktober 1998 fand in Salzburg der „Dialog für Österreich“ statt, bei dem 300 Delegierte verschiedenster katholischer Organisationen mit den Bischöfen diskutierten. Dabei wurde u. a. mit Mehrheit für eine Weihe verheirateter Männer zum Priester und für den Diakonat von Frauen gestimmt. Diese Anliegen wurden von den Bischöfen beim folgenden „Ad-limina-Besuch“ in Rom an Papst Johannes Paul II. übergeben.

Im Jahr 2011 organisierte die Initiative gegen Kirchenprivilegien ein Volksbegehren, das vergleichbare Ziele verfolgt.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Paul Kaspar: Das Schweigen des Kardinals und das Begehren des Kirchenvolks. Kulturverlag, Thaur u. a. 1995, ISBN 3-85400-001-4
  • Barbara Krenn: Kirchenvolksbegehren. Eine Erfolgsgeschichte der Kirchenbasis? In: Das Lexikon für Österreich in 20 Bänden. Band 9. Duden, Mannheim u. a. 2006, ISBN 3-411-17620-2
  • Andreas Laun: Kirche Jesu oder Kirche der Basis? Zum Kirchenvolksbegehren. Adamas, Köln 1996, ISBN 978-3925746734
  • Richard Picker: Heiliger Spagat. Ein Handbuch für das die Kirche begehrende Volk. Va Bene, Wien u. Klosterneuburg 2001, ISBN 3-85167-108-2
  • Mari Plankensteiner-Spiegel (Schriftleiterin): Liebe, Eros, Sexualität. „Herdenbrief“ und Begleittexte. Thaur, Wien u. a. 1996, ISBN 3-85400-024-3
  • Thomas Plankensteiner: Gottes entlaufene Kinder. Zur Theologie des Kirchenvolks-Begehrens. Thaur, Wien u. a. 1996, ISBN 3-85400-033-2
  • Norbert Scholl: Frohbotschaft statt Drohbotschaft. Die biblischen Grundlagen des Kirchenvolks-Begehrens. Styria, Graz u. a. 1997, ISBN 3-222-12491-4
  • Donato Squicciarini: Beitrag für einen Dialog über die Themen des Kirchenvolks-Begehrens im Licht des II. Vatikanischen Konzils und der nachkonziliaren Dokumente. Apostol. Nuntiatur, Wien 1995

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Chronik der wichtigsten Aktivitäten der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche Deutschland
  2. http://derstandard.at/1297819060557/Volksbegehren-will-Privilegien-von-Kirchen-abschaffen