Kleanthes

Kleanthes (altgriechisch Κλεάνθης Kleánthēs, * ca. 331 v. Chr. oder später in Assos in der Troas, heute Westtürkei; † ca. 232 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph der Stoa, die er nach Zenon von Kitions Tod im Jahr 262 v. Chr. leitete.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kleanthes war ursprünglich Faustkämpfer. Als er bei Zenon in die Lehre ging, verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Nachtarbeit. Bei einem Gärtner bewässerte er den Garten durch Wasserschöpfen. Bei einer Mehlverkäuferin knetete er den Brotteig. Er hob den Vorteil seiner Lebensweise vor den Reichen hervor, indem er nach Diogenes Laertios sagte: „Während jene Ball spielen, bearbeite ich grabend den harten und unfruchtbaren Boden.“ Der Ältestenrat von Athen bewilligte ihm als Anerkennung 10 Minen, die Zenon ihm anzunehmen verbot.
Kleanthes soll einem Bericht von Plutarch[1] zufolge den Astronomen Aristarchos von Samos wegen seiner Gottlosigkeit belangt haben, weil dieser eine astronomische Erklärung für die Himmelserscheinungen suchte. Für den Stoiker war der Versuch, das geozentrische Weltbild durch das heliozentrische zu ersetzen und den „heiligen Herd des Kosmos zu verrücken“, ein Gottesfrevel, der vor Gericht geklärt werden müsse.[2]
Die Einschränkung des Naturwissens durch die als Vorstellung empfundene Naturgesetzlichkeit bedeutete die Beibehaltung der gewohnten Vorstellungen. Obwohl das Weltgeschehen als Schickung betrachtet wurde, entschloss sich Kleanthes, der Vorsehung nachzuhelfen, als er das gewohnte Weltbild scheitern sah. Unter seinen Schriften befanden sich Arbeiten über Heraklit, eine Schrift gegen Demokrit und eine andere gegen Aristarch.
In den Ansichten über Götter lehrte er Auffassungen, die voneinander abwichen. Nach Meinungen, die sich mit dem Kultus vertrugen, erklärte er nichts so für göttlich als die Vernunft. In Ciceros De natura deorum bemerkt Velleius deshalb, „dass diese Gottheit, die wir mit dem Verstande erkennen, und von deren Dasein wir in dem Innersten unserer Seele die Ideen aufsuchen wollen, nirgends zu finden ist.“[3]
Cicero schreibt dazu: „Kleanthes ... nannte bald die Welt selbst Gott (ipsum mundum deum dicit), bald eignete er diesen Namen der Weltseele an, bald hält er das äußerste und höchste Feuer, welches alles umfließt und die äußersten Regionen der Welt umgibt, auch Äther heißt, einzig und allein für die Gottheit, und in seinen Büchern, die er wider die Wollust geschrieben hat, gleichsam als litte er am Verstande, dichtete er einmal gewisse Bilder und Gestalten der Götter, ein andermal schreibt er das ganze göttliche Wesen den Gestirnen zu.“[4]
Kleanthes gilt als einer der bedeutendsten Philosophen der älteren Stoa. Nach ihm ist tugendhaftes Handeln nur durch Erkenntnis der Wirklichkeit möglich. Sittliches Wissen ist mit Geistes- und Charakterstärke untrennbar verbunden. Neben Tapferkeit, Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit ist daher die Beharrlichkeit für Kleanthes die wesentlichste Tugend des Menschen. Er dichtete einen Zeushymnus, in dem er Zeus als Weltseele und Weltvernunft verherrlichte und so die stoische Theologie begründete. Von seinen Prosaschriften sind nur Fragmente bekannt.
Auch als Leiter der Stoa verdiente Kleanthes seinen Lebensunterhalt weiterhin mit der Arbeit seiner eigenen Hände. Zu seinen Schülern zählten sein Nachfolger Chrysippos und Antigonos von Karystos, von dem er 3000 Minen annahm. Er starb im Alter von 99 Jahren, um 230 v. Chr.[5] Es wird berichtet, dass ihn ein gefährliches Geschwür dazu gezwungen hatte, eine Zeit lang zu fasten. In der Folge setzte er seine Enthaltsamkeit fort und sagte, da er bereits auf halbem Weg zum Tod sei, werde er sich nicht die Mühe machen, den gleichen Weg noch einmal zurückzugehen.[6]
Der spätantike Philosoph Simplikios erwähnt, dass in Assos eine vom römischen Senat errichtete Statue des Kleanthes zu sehen war.[7]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine fiktionalisierte Version von Kleanthes taucht als einer der drei Hauptgesprächspartner in David Humes Dialoge über die natürliche Religion auf, wo er die Ansicht vertritt, dass uns A-posteriori-Erkenntnis über die Existenz und das Wesen Gottes möglich ist.[8]
Cleanthes taucht auch in José Enrique Rodós Essay Ariel auf, in dem er dargestellt wird, wie er über die Lehren Zenons nachsinnt, während er die ganze Nacht hindurch Wasser trägt.
Ausgabe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Johan C. Thom (Hrsg.): Cleanthes’ „Hymn to Zeus“. Text, translation, and commentary. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148660-9
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christian Guérard, François Queyrel: Cléanthe d’Assos. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 2, CNRS Éditions, Paris 1994, ISBN 2-271-05195-9, S. 406–415
- Peter Steinmetz: Kleanthes aus Assos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 4: Die hellenistische Philosophie. Halbband 2, Schwabe, Basel 1994, ISBN 3-7965-0930-4, S. 566–579
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Plutarch: De facie in orbe lunae. S. c.6 (Latein).
- ↑ Hans Blumenberg: Die Genesis der kopernikanischen Wende. Suhrkamp, 1981, ISBN 978-3-518-27952-6, S. 24–26, 209.
- ↑ Cicero, De natura deorum 1,14.
- ↑ Cicero, De natura deorum 1,14.
- ↑ Nach Apollodoros, wie von Philodemus zitiert, wurde Kleanthes während der Archontschaft von Aristophanes (331/0 v. Chr.) geboren und starb während der Archontschaft von Jason (230/29 v. Chr.). Pseudo-Lucian, Valerius Maximus und Censorinus geben an, dass Kleanthes 99 Jahre alt wurde (während Diogenes Laertios angibt, er sei im Alter von 80 Jahren gestorben.) Dorandi tendiert zu einem Alter von 101 Jahren. Weitere Informationen finden sich bei Dorandi 1999, S. 38.
- ↑ Diogenes Laertios: Zenon, Kleanthes und Chrysippos. In: Über Leben und Lehren berühmter Philosophen. Band 7, S. § 168–176.
- ↑ Simplicius, Epiktet-Kommentar.
- ↑ David Hume: Dialogues Concerning Natural Religion. Penguin Books, London 1779 (englisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kleanthes |
| KURZBESCHREIBUNG | griechischer Philosoph der Stoa |
| GEBURTSDATUM | um 331 v. Chr. |
| GEBURTSORT | Assos |
| STERBEDATUM | um 232 v. Chr. |