Kommission für Glauben und Kirchenverfassung

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Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung (engl. Faith & Order) ist einer der zentralen Arbeitsbereiche des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Sie leistet theologische Grundlagenarbeit, indem sie sich mit den Ursachen der Trennung christlicher Kirchen beschäftigt und auf die "sichtbare Einheit der Kirche" hinarbeiten. Dabei ist das Konzept der "versöhnten Verschiedenheit" von zentraler Bedeutung.

Die Kommission, die sich als "umfassendstes theologisches Forum der christlichen Welt" versteht, hat 120 Mitglieder, Geistliche, Laien, Akademiker und kirchliche Verantwortliche, die von ihren jeweiligen Kirchen ernannt werden. Die römisch-katholische Kirche, die dem ÖRK nicht angehört, ist seit 1968 Vollmitglied der Kommission. Wichtigste Arbeitsmethode von Glauben und Kirchenverfassung ist Erarbeitung von Studien in breit angelegten Konsultations-Prozessen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammen mit der Bewegung für Praktisches Christentum und dem Internationalen Missionsrat hat die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung zwischen 1910 und 1948 den ersten Abschnitt der modernen ökumenischen Bewegung geprägt und gehört in die direkte Vorgeschichte der Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen.

Im Gefolge der ersten Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh rief Bischof Charles Brent von der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten zu einer Initiative für die Überwindung der Differenzen zwischen den christlichen Kirchen auf. Eine Kommission mit Bischof Charles Palmerston Anderson als Präsident und Robert Hallowell Gardiner als Sekretär bemühte sich in den nächsten Jahren, Kontakte zu vielen anderen Kirchen aufzubauen und die Gründung von Unterstützungskomitees in anderen Kirchen, vor allem in den USA, Kanada und Großbritannien zu erreichen. Im Mai 1913 fand eine erste interkonfessionelle Konferenz in New York City statt. Der Schwerpunkt der Beteiligung lag in der protestantischen Welt, aber auch orthodoxe und altkatholische Kirchen sagten ihre Unterstützung zu. Selbst eine erste Antwort von Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri vom Dezember 1914 war freundlich.[1] Dann aber unterbrach der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die hoffnungsvollen Anfänge und erschwerte die internationale Zusammenarbeit. Im Januar 1916 wurden jedoch bei einer Konferenz verschiedener amerikanischer Kirchen in Garden City (Long Island) schon erste inhaltliche Festlegungen für die geplante Weltkonferenz getroffen. Nachdem 1920 unter anderem die Lambeth-Konferenz und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel in Aufrufen an alle Christen die Bestrebungen für die Einheit der Christen unterstützt hatten, wurde für den 12.–20. August 1920 nach Genf zu einer Vorbereitungskonferenz eingeladen. 133 Delegierte aus über 80 Kirchen in 40 Ländern kamen zusammen und wählten einen Ausschuss, der die Weltkonferenz vorbereiten sollte. Brent wurde zum Vorsitzenden, Gardiner zum Sekretär gewählt. Am Rande der Weltkonferenz für praktisches Christentum 1925 in Stockholm fand ein weiteres Vorbereitungstreffen statt, bei dem Lausanne als Ort der ersten Weltkonferenz über Glauben und Kirchenverfassung festgelegt wurde. Dort versammelten sich im August 1927 über 400 Vertreter von 127 orthodoxen, anglikanischen, lutherischen, reformierten und Freikirchen. Sie verabschiedeten verschiedene Erklärungen und verabredeten, dass ein Fortsetzungsausschuss die weitere Arbeit koordinieren sollte. Nachfolger der 1929 gestorbenen Bischofs Brent als Präsident der Bewegung wurde Erzbischof William Temple. Das Amt des Sekretärs hatte schon zuvor H. N. Bate und später Leonard Hodgson (1889–1969) übernommen.

Auch auf der zweiten Weltkonferenz 1937 in Edinburgh ging es um eine Klärung diverser Vorstellungen von kirchlicher Einheit. Hier fiel auch der grundsätzliche Beschluss, die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung mit der Bewegung für Praktisches Christentum zusammenzuführen, was 1948 in Amsterdam zur Gründung des ÖRK führte. Seitdem werden die Ziele der Bewegung innerhalb des ÖRK durch die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung weiterverfolgt.

1952, auf der dritten Weltkonferenz in Lund (Schweden) gab man die vergleichende Methodik zugunsten eines theologischen Dialogverfahrens auf, das strittige Fragen von gemeinsamen biblischen und christologischen Voraussetzungen aus aufnimmt. 1963 wurde in Montréal (Kanada) die vierte Weltkonferenz und nach genau 30 Jahren die fünfte Weltkonferenz 1993 in Santiago de Compostela (Spanien) abgehalten. In die Zeit dazwischen fällt der Konsultationsprozess, der zur Lima-Erklärung (1982) führte.

Themen und Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1910 haben sich die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung und später die Kommission mit einem weit gefächerten Bereich theologischer Themen befasst: Bedeutung und Praxis der Taufe; Eucharistie und Ordination; Kirche und Auffassungen von ihrer Einheit; interkonfessionelle Gemeinschaft; Heilige Schrift und Tradition; Rolle und Bedeutung der Bekenntnisse und Konfessionen; Frauenordination; der Einfluss politischer, sozialer und kultureller Faktoren auf die Bemühungen um die Einheit der Kirche.

Parallel zu diesen kontroversen Fragen hat Glauben und Kirchenverfassung zunehmend Themen aufgegriffen, die entweder alle Kirchen betreffen oder aber von grundlegender Bedeutung für den Ausdruck ihrer schon verwirklichten Gemeinschaft sind: Andacht und Spiritualität (z. B. bereitet die Kommission gemeinsam mit dem Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen das Material für die Gebetswoche für die Einheit der Christen vor); christliche Hoffnung heute; die Wechselwirkung zwischen bilateralen und multilateralen Gesprächen zwischen den Kirchen.

Dank der beispiellos breiten und intensiven Diskussion um die 1982 veröffentlichte Schrift Taufe, Eucharistie und Amt (Lima-Erklärung) und ihrer Rezeption ist Glaube und Kirchenverfassung einer breiteren kirchlichen Öffentlichkeit bekannt geworden. Im Laufe dieses Prozesses wurde immer deutlicher, dass die Hauptfrage hinter den Spaltungen zwischen den Christen die unterschiedliche Auffassung davon ist, was es heißt, Kirche zu sein oder die Kirche zu sein. Die Kommission hat daher seit den 1990er Jahren an einer größeren Studie zum Thema Ekklesiologie gearbeitet, die 2013 in der dritten Version als Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision veröffentlicht wurde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reinhard Frieling: Die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung 1910–1937; unter besonderer Berücksichtigung des Beitrages der deutschen evangelischen Theologie und der evangelischen Kirchen in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1970.
  • Günther Gassmann: Konzeptionen der Einheit in der Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung 1910-1937. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1979.
  • Günther Gassmann (Hrsg.): Documentary History of Faith and Order 1963-1993. WCC, Genf 1993.
  • Tobias Brandner: Einheit gegeben, verloren, erstrebt. Denkbewegungen von Glauben und Kirchenverfassung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Ruth Rouse, Stephen Charles Neill: Geschichte der ökumenischen Bewegung 1517–1948. Bd. 2. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1958, S. 12.