Kontrollüberzeugung

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Kontrollüberzeugung ist ein im Zusammenhang mit behavioristischen Verstärkerplänen entstandener Begriff aus der Psychologie, der von Rotter 1966 auf Basis seiner sozialen Lerntheorie eingeführt wurde. Das Konstrukt bezieht sich auf das Ausmaß, mit dem ein Subjekt glaubt, dass das Auftreten eines Ereignisses abhängig vom eigenen Verhalten ist, ob also der Ort der Kontrolle innerhalb oder außerhalb des Individuums liegt (englisch: internal vs. external locus of control). Der Begriff der „internalen versus externalen Kontrolle der Verstärkung“ hat sich inzwischen im deutschsprachigen Raum zur Terminologie „Kontrollüberzeugung“ verkürzt.

Internale und externale Kontrolle[Bearbeiten]

Eine internale Kontrollüberzeugung liegt dann vor, wenn ein Individuum ein positives oder negatives Ereignis als Konsequenz des eigenen Verhaltens wahrnimmt, während eine externale Kontrollüberzeugung vorliegt, wenn dieses Ereignis vom eigenen Verhalten als unabhängig wahrgenommen wird, d. h. als der eigenen Kontrolle entzogen. Die Wahrnehmung spielt hierbei eine große Rolle: Es ist innerhalb dieses Konstrukts unerheblich, ob ein Ereignis tatsächlich der eigenen Kontrolle unterliegt oder nicht, sondern allein, ob das Individuum dies glaubt. Rotter (1975) weist darauf hin, dass dieser Glaube nicht als dichotom zu begreifen ist, sondern als ein Kontinuum. In engem Zusammenhang mit dem Konstrukt der Kontrollüberzeugung hängt das der Kausalattribuierung.

Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit[Bearbeiten]

Häufig kommt es im Zusammenhang mit „Kontrollüberzeugung“ zu einer Gleichsetzung mit dem Begriff „Selbstwirksamkeit“. Das ist in einem kognitiven Paradigma falsch, denn es existiert ein Unterschied zwischen der Überzeugung, ein Ereignis sei in irgendeiner Weise zu kontrollieren/herbeizuführen (Kontrollüberzeugung) und der Annahme, dass man selbst das Subjekt ist, das das Ereignis herbeiführen kann (Selbstwirksamkeit).

Es ist demnach möglich, dass ein Subjekt zwar eine Kontrollüberzeugung hat, aber keine Selbstwirksamkeit. Der umgekehrte Fall ist undenkbar: Ein Subjekt, das überzeugt ist, ein bestimmtes Ereignis nicht irgendwie kontrollieren zu können, wird auch nicht annehmen, dass es selbst Kontrolle darüber hat.

Ein Beispiel
  • Person A glaubt, dass es unmöglich sei, eine bestimmte Tür zu passieren, da das Schloss defekt sei (keine Kontrollüberzeugung, da niemand in der Lage sei, das Schloss zu öffnen).
  • Person B glaubt, die Tür sei sehr wohl zu öffnen, nur sie selbst besitzt nicht den passenden Schlüssel (Kontrollüberzeugung „Tür kann geöffnet werden!“, aber keine Selbstwirksamkeit).
  • Person C glaubt, die Tür sei zu öffnen und sie selbst besitzt auch den passenden Schlüssel (Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeit vorhanden).
  • Person D glaubt auch, dass ihr Schlüssel passe, denkt aber, dass das Schloss defekt sei (keine Selbstwirksamkeit und damit auch keine Kontrollüberzeugung).

Lediglich Person C wird direkt handeln, da sie sowohl über Kontrollüberzeugung als auch über Selbstwirksamkeit verfügt. Person B könnte versuchen, jemand anderes zum Handeln zu bewegen. Person A und D werden keinen Versuch unternehmen, die Tür zu passieren, da ihnen die Kontrollüberzeugung fehlt.

Es sei vor allem darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um interne/mentale Vorgänge handelt, die mit der Realität in keiner Weise übereinstimmen müssen, aber dennoch das Handeln der Individuen lenken. Wer davon ausgeht, dass eine bestimmte Tür defekt ist, wird sie nicht benutzen, selbst wenn der Hausmeister schon lange das Schloss ausgetauscht hat.

Ein typischer Gedanke, der eine nicht vorhandene Kontrollüberzeugung thematisiert, wäre: „Das bringt nichts. Das ist sinnlos. Da kann man nichts machen.“ Mangelnde Selbstwirksamkeit: „Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie es geht. Ich werde es nicht schaffen (andere evtl. aber schon)“.

Kontrollüberzeugung und Gesundheit[Bearbeiten]

Die Kontrollüberzeugung steht in Zusammenhang mit Gesunderhaltung, Gesundung nach (auch schweren) Erkrankungen (wie z. B. einer Rückenmarksverletzung)[1], Stresserleben und Mortalität, wobei internale Kontrollüberzeugungen mit positiven Entwicklungen korrelieren.[2][3][4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rotter, J. B.: Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs, 1966, 33(1), 300-303.
  • Rotter, J. B.: Some problems and misconceptions related to the construct of internal versus external control of reinforcement. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1975, 43, 56-67.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vocaturo, L (2009). Psychological Adjustment to Spinal Cord Injury, In: Sisto, Sue Ann; Druin, Erica; Sliwinski, Martha Macht (Hg.): Spinal cord injuries. Management and rehabilitation. St. Louis, Mo, London: Mosby. ISBN 978-0-323-00699-6, S. 110.
  2. J. R. Averill (1973). Personal control over aversive stimuli and its relationship to stress. Psychological Bulletin, 80, S. 286-303
  3. J. M. Burger (1992). Desire for control: Personality, social, and clinical perspectives. New York: Plenum
  4. J. Rodin (1986). Aging and health: Effects of the sense of control. Science, 233, S. 1271-1276