Selbstwirksamkeitserwartung

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Selbstwirksamkeitserwartung, kurz SWE, bezeichnet die Erwartung einer Person, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen erfolgreich selbst ausführen zu können. Ein Mensch, der daran glaubt, selbst etwas bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können, hat demnach eine hohe SWE. Die Begrifflichkeit wurde in den 1970er-Jahren von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura entwickelt.[1]

Eine Komponente der SWE ist die Annahme, man könne als Person gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen, statt äußere Umstände, andere Personen, Zufall, Glück und andere unkontrollierbare Faktoren als ursächlich anzusehen (siehe auch Kontrollüberzeugung).

Manche Psychologen meinen, dass Selbstwirksamkeitserwartung ein natürliches Bedürfnis des Menschen ist. In der psychologischen Forschung wird zudem unterschieden zwischen den generalisierten und den verschiedenen handlungsspezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen (etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder vor einer Menschenmenge frei sprechen zu können).

Untersuchungen zeigen, dass Personen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz größere Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben, eine niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen und mehr Anerkennung in Ausbildung und Berufsleben haben.

SWE und Handlungsergebnisse wirken oft zirkulär: Eine hohe SWE führt zu hohen Ansprüchen an die eigene Person, weshalb man eher anspruchsvolle, schwierige Herausforderungen sucht. Die Bewältigung dieser Herausforderungen führt dann wieder zur Bestätigung bzw. Erhöhung der eigenen SWE. Diesen zirkulären Effekt griffen Locke und Latham (1990, 1991) auf und überführten ihn in den sogenannten „high performance cycle“. Die Autoren untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen Zielsetzung oder Zielfestlegung und der realisierten Leistung gibt.

Quellen der Selbstwirksamkeitserwartung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bandura nennt vier verschiedene Quellen, die die Selbstwirksamkeitserwartung einer Person beeinflussen können.[2]

Eigene Erfolgserlebnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erfolg bei der Bewältigung einer schwierigen Situation stärkt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten – man traut sich auch in Zukunft das Beherrschen solcher Situationen zu –, während Misserfolge dazu führen können, an der eigenen Kompetenz zu zweifeln und in Zukunft vergleichbare Situationen eher zu meiden. Damit es zu einer solchen Beeinflussung der eigenen Selbstwirksamkeitserwartung durch Erfolgserlebnisse oder Misserfolgserlebnisse kommt, muss die Person jedoch diese Erlebnisse ihren eigenen Fähigkeiten zuschreiben (d. h. internal und stabil attribuieren). Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung zeigten trotz einzelner Rückschläge eine höhere Frustrationstoleranz.

Stellvertretende Erfahrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meisterten andere Menschen mit Fähigkeiten, die den eigenen gleichen, eine Aufgabe, traue man sie sich selbst auch eher zu. Andererseits demotiviere ein Misserfolg solcher Personen. Dabei gelte: Je größer die Ähnlichkeit zur beobachteten Person, desto stärker die Beeinflussung durch das Vorbild.

Verbale Ermutigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen, denen gut zugeredet wird und denen von anderen zugetraut werde, eine bestimmte Situation zu meistern, strengten sich eher an. Sie glaubten mehr an sich, als wenn andere an ihren Fähigkeiten zweifelten. Zugleich sei es wichtig, jemanden nicht unrealistisch zu fordern. Das würde bei wiederholtem Misserfolg eher demotivieren.

Emotionale Erregung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die eigenen physiologischen Reaktionen auf eine neue Anforderungssituation sind oft Grundlage eigener Situations- und Selbstwirksamkeitsbewertung. Beispielsweise gehen Herzklopfen, Schweißausbrüche, Händezittern, Frösteln, Übelkeit oft mit emotionalen Reaktionen wie Anspannung oder Angst einher. Diese Anzeichen lassen sich leicht als Schwäche interpretieren und Selbstzweifel aufkommen. Ein Abbau von Stressreaktionen kann Menschen helfen, entspannter an Herausforderungen heranzugehen und sie so besser zu meistern.

Entwicklungsphasen bzw. -kontexte der SWE[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbstwirksamkeit entwickelt sich in verschiedenen Lebensstadien bei jedem Individuum unterschiedlich, je nach den Lebensumständen und den unterschiedlichen Einflüssen der oben genannten Quellen.

Neugeborene sind sich noch nicht selbst als eigenständige Person bewusst. Sie lernen erst nach und nach, wie ihre Handlungen bestimmte Folgen und Reaktionen hervorrufen (z. B. produziert das Schütteln einer Rassel Geräusche, Schreien ruft Erwachsene herbei), und dass sie eine von anderen abgegrenzte Person sind.

Die Familie, in der Kinder größtenteils ihre physischen, kognitiven, sozialen und linguistischen Fähigkeiten erlernen und ausbauen, die häusliche Umgebung, auch Lernmaterialien und Geschwisterkonstellationen sind äußerst wichtig. Kinder vergleichen sich in diesem Umfeld zum ersten Mal mit anderen Menschen, d. h. mit Eltern und Geschwistern. Ein nächster Schritt ist, Peers zu begegnen: Erstmals kann man im Vergleich mit Gleichaltrigen die eigenen Fähigkeiten bewerten. Schon hier haben Kinder mit einer niedrigen Selbstwirksamkeitserwartung Probleme, sich anderen Kindern anzuschließen. In der Schule erweitern sie ihre kognitiven Kompetenzen und erwerben Wissen und Problemlösungsfertigkeiten. Später konfrontiert die Entwicklung Jugendliche mit Veränderungen wie Pubertät und Berufswahl. Wie leicht oder schwer man das nimmt, hängt von der vorher aufgebauten Selbstwirksamkeit ab. Führt diese Phase zur positiven Wahrnehmung der nunmehr erweiterten Kontrollmöglichkeiten in immer neuen Situationen, steigert dies die SWE. Finden die Jugendlichen jedoch keine Selbstbestätigung oder erleben sie sich sogar als machtlos, verhindert das den Aufbau einer positiven SWE.[3]

Das Erwachsenenalter bringt neue Anforderungen wie das Berufsleben und das Eingehen längerfristiger Beziehungen bis zur Ehe und Elternschaft mit sich. Menschen mit Selbstzweifeln haben tendenziell stärkeren Stress und neigen eher zu Depressionen, können sich schlechter motivieren und weniger gut negative Emotionen kontrollieren. Auch die Erfahrung, in großen Bürokratien keinen Einfluss entfalten zu können, kann diese Neigung verstärken. Im Alter sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit und jeder muss mit neuen Veränderungen wie Rente oder Verlust von Freunden, Partnern und/oder körperlicher Leistungsfähigkeit bzw. Unversehrtheit zurechtkommen. Auch beim Bewältigen dieser Veränderungen spielt die individuelle Selbstwirksamkeitserwartung eine entscheidende Rolle.

Selbstwirksamkeitserwartung und Berufswahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Selbstwirksamkeitserwartung hat einen entscheidenden Einfluss auf die Berufswahl von Menschen.[4] Es zeigt sich, dass sich die niedrige Repräsentation von Frauen in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbstwirksamkeitserwartung zurückführen lässt.[4]

Insbesondere zeigen Studien, dass die Selbstwirksamkeitserwartung in Mathematik ein stärkerer Prädiktor für das Interesse an Mathematik, die Wahl von Veranstaltungen mit Mathematikbezug sowie die Wahl eines Abschlusses in Mathematik ist, als bisherige Leistungen in Mathematik oder das erwartete Ergebnis in den entsprechenden Kursen.[5] Im Bereich der Programmierausbildung wurde gezeigt, dass die Selbstwirksamkeitserwartung einen größeren Einfluss auf erreichte Leistung hat als beispielsweise das Geschlecht der Kursteilnehmer.[6]

Zusammenfassend lässt sich die Selbstwirksamkeitserwartung als eine zentrale Variable bei der Karriereentwicklung im MINT-Bereich beschreiben.[5]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albert Bandura: Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. In: Psychological Review. Band 84, Nr. 2, 1977, S. 191–215 (englisch).
  • Albert Bandura: Perceived Self-Efficacy in Cognitive Development and Functioning. In: Educational Psychologist. Band 28, Nr. 2, 1993, S. 117–148 (englisch).
  • A. Bandura: Self-efficacy. In: V. S. Ramachandran (Hrsg.): Encyclopedia of human behavior. Band 4. Academic Press, San Diego 1994, S. 71–81 (englisch).
  • A. Bandura: Self-efficacy: The exercise of control. Freeman, New York 1997 (englisch).
  • H.-G. Ridder: Personalwirtschaftslehre. 1999, S. 439–440 (englisch).
  • E. A. Locke, G. P. Latham: A Theory of Goal Setting and Task Performance. Englewood Cliffs 1990 (englisch).
  • R. Schwarzer, M. Jerusalem: Das Konzept der Selbstwirksamkeit. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 44, Beiheft: Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. 2002, S. 28–53.
  • L. Satow, R. Schwarzer: Entwicklung schulischer und sozialer Selbstwirksamkeitserwartung: Eine Analyse individueller Wachstumskurven. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. Band 50, Nr. 2, 2003, S. 168–181.
  • A. Luszczynska, B. Gutiérrez-Doña, R. Schwarzer: General self-efficacy in various domains of human functioning: Evidence from five countries. In: International Journal of Psychology. Band 40, Nr. 2, 2005, S. 80–89 (englisch).
  • A. Luszczynska, U. Scholz, R. Schwarzer: The general self-efficacy scale: Multicultural validation studies. In: The Journal of Psychology. Band 139, Nr. 5, 2005, S. 439–457 (englisch).
  • R. Schwarzer, S. Boehmer, A. Luszczynska, N. E. Mohamed, N. Knoll: Dispositional self-efficacy as a personal resource factor in coping after surgery. In: Personality and Individual Differences. Band 39, 2005, S. 807–818 (englisch).
  • R. Schwarzer, A. Luszczynska: Self-Efficacy. In: M. Gerrard, K. D. McCaul (Hrsg.): Health Behavior Constructs: Theory, Measurement, and Research. National Cancer Institute, 2007 (englisch; online auf cancercontrol.cancer.gov).
  • E. L. Usher, F. Pajares: Sources of academic and self-regulatory efficacy beliefs of entering middle school students. In: Contemporary Educational Psychology. Band 31, 2006, S. 125–141 (englisch).
  • Hannelore Weber, Thomas Rammsayer: Differentielle Psychologie: Persönlichkeitsforschung. Hogrefe, Göttingen u. a. 2012, ISBN 978-3-8017-2172-5, S. 97–99.
  • B. J. Zimmerman, A. Kisantas: Homework practices and academic achievement: The mediating role of self-efficacy and perceived responsibility beliefs. In: Contemporary Educational Psychology. Band 30, 2005, S. 397–417 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Carina Fuchs: Selbstwirksam Lernen im schulischen Kontext: Kennzeichen – Bedingungen – Umsetzungsbeispiele. Julius Klinkhardt, Pößneck 2005, ISBN 3-7815-1394-7, S. 20 (Seitenvorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Albert Bandura: Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. In: Psychological Review. Band 84, Nr. 2, 1977, S. 191–215 (englisch).
  3. Edward T. Hall: Beyond Culture. Anchor Books, 1989, S. 6 (englisch).
  4. a b Nancy E. Betz, Gail Hackett: Applications of Self-Efficacy Theory to Understanding Career Choice Behavior. In: Journal of Social and Clinical Psychology. Band 4, Nr. 3, September 1986, S. 279–289 (englisch).
  5. a b Frank Pajares: Self-Efficacy Beliefs in Academic Settings. In: Review of Educational Research. 1996 (englisch).
  6. P. Brauner, T. Leonhardt, M. Ziefle, U. Schroeder: The effect of tangible artifacts, gender and subjective technical competence on teaching programming to seventh graders. In: Proceedings of the 4th International Conference on Informatics in Secondary Schools (ISSEP 2010), LNCS 5941. 2010, S. 61–71 (englisch).