Kopftransplantation

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Als eine Kopftransplantation bezeichnet man die Transplantation eines Kopfes auf einen anderen Körper. Da Spender und Empfänger für eine medizinische Sinnhaftigkeit solch einer Operation derselben Art angehören sollten, wird die Kopftransplantation zur allogenen Transplantation gezählt. Erste Versuche gab es in den 1950er Jahren bereits an Hunden.[1] Der italienische Chirurg Sergio Canavero hat die weltweit erste Kopftransplantation am Menschen für das Frühjahr 2018 angekündigt.[2][3] Im November 2017 wurde bekannt, dass die von Canavero in China geplante Transplantation von den dortigen Gesundheitsbehörden untersagt werden soll.[4]

Erste Versuche an Tieren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die letzte in der DDR von Wladimir Demichow gezeigte Kopftransplantation am 13. Januar 1959

Der russische Chirurg Wladimir Petrowitsch Demichow erntete in den 1950er Jahren internationale Aufmerksamkeit, indem er einen zweiköpfigen Hund erschuf. Sogar das Time Magazine berichtete 1955 darüber. Demichow verpflanzte in seinem Experiment den vorderen Teil eines Welpen samt Kopf auf den ausgewachsenen Schäferhund Rylschi. Für kurze Zeit schien der Eingriff geglückt: beide Köpfe bewegten sich, bellten und fraßen. Doch nach wenigen Tagen starb der Hund.[1]

Im Jahr 1970 gelang es dem US-amerikanischen Chirurgen Robert J. White, einen Affenkopf auf einen anderen Körper zu verpflanzen. Allerdings konnte das Rückenmark nicht verbunden werden, sodass das Tier gelähmt war. Darüber hinaus musste der Affe künstlich beatmet werden. Trotz der Bemühungen starb das Versuchsobjekt nach neun Tagen, weil eine Immunreaktion zur Abstoßung des Kopfes durch den Körper führte.[5]

Aktuellere Versuche wurden von Ren Xiaoping an Mäusen und Affen durchgeführt. Der chinesische Arzt experimentierte an über 1.000 Mäusen, wobei die maximale Überlebensdauer eines operierten Versuchstiers einen Tag betrug.[2] Auch einen Affenkopf konnte der Chirurg transplantieren. Dabei gelang ihm die Herstellung des Blutkreislaufs, ohne dass der Primat neuronale Schäden davontrug. Die Verbindung des Rückenmarks war auch Xiaoping nicht möglich, sodass der Affe gelähmt war und aus ethischen Gründen nach 20 Stunden eingeschläfert wurde.[6]

Die erste Kopftransplantation am Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2017 plant der italienische Chirurg Sergio Canavero, den Kopf des Russen Waleri Spiridonow auf einen Spenderkörper zu verpflanzen. Wie sich der Eingriff gestalten soll, stellte Canavero im September 2014 auf der Konferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons in Annapolis vor. Spiridonow erfuhr bereits im Juni 2013 von der Vision Canaveros und meldete sich freiwillig. Spiridonow gab allerdings an, sich erst nach einem erfolgreichen Tierversuch bereitzuerklären.[7]

Grund der Transplantation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waleri Spiridonow leidet an der Werdnig-Hoffmann-Störung, einer seltenen Form des Muskelschwunds, die auch als spinale Muskelatrophie bezeichnet wird. Sie führt zum Absterben von Nervenzellen im Rückenmark, sodass die Muskulatur gelähmt wird. Aufgrund der resultierenden Bewegungsarmut bilden sich auch die noch funktionstüchtigen Muskeln zurück. Darüber hinaus führt die mangelnde Bewegung zu einer Verformung des Skeletts.[2]

Ablauf und Schwierigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abstoßung des Kopfes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie bei jeder Organtransplantation besteht das Risiko, dass das transplantierte Gewebe vom Immunsystem abgestoßen wird. Dagegen können Medikamente helfen, die bereits bei anderen Transplantationen erfolgreich eingesetzt werden.[7]

Blutversorgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein größeres Problem stellt die Blutversorgung des Gehirns dar. Um Zeit für den Anschluss des Kopfes an den Blutkreislauf des Spenderkörpers zu gewinnen, soll der Körper des Patienten auf 12 bis 15 °C heruntergekühlt werden. Infolge der Reduzierung der Körpertemperatur benötigen die Zellen weniger Energie und damit auch weniger Sauerstoff. Veit Braun, Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, geht aber davon aus, dass der Patient einen Schlaganfall erleiden wird.[7]

Verbindung von Kopf und Körper[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem der Patient auf die Zieltemperatur gebracht wurde, soll das Halsgewebe entfernt werden. Im nächsten Schritt sind die Hauptgefäße von Kopf und Körper miteinander zu verbinden, um den Blutkreislauf wiederherzustellen.[8] Danach erfolgt die Durchtrennung des Rückenmarks mit einem geraden, scharfen Schnitt, damit die Verletzungen an den Nerven minimiert werden. Allerdings wachsen Nervenfasern nicht von selbst wieder zusammen. Um diesem Problem zu begegnen, soll die Chemikalie Polyethylenglykol (PEG) eingesetzt werden, damit neue Nervenfasern aus dem Gehirn wachsen und die Lücke im Rückenmark schließen können. Funktioniert hat dieses Vorgehen allerdings erst bei einem einzigen Menschen. Der Urheber dieser Methode, Hans Werner Müller vom Molecular Neurobiology Laboratory der Universität Düsseldorf, glaubt allerdings nicht an einen Erfolg des Vorhabens. Sollte die PEG-Methode tatsächlich fehlschlagen, könnten nach Canaveros Ansicht auch künstliche Stromimpulse die Bewegungsfähigkeit erzeugen,[7] da das Rückenmark in begrenztem Maße in der Lage ist, komplexe Bewegungen zu steuern.[9]

Genesungsphase[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um den Heilungsprozess nach der Operation möglichst reibungslos zu gestalten, wird der Patient für etwa vier Wochen in einem künstlichen Koma verharren. So werden ungewollte Bewegungen vermieden, was die Heilungschancen erhöht. Dann soll der Patient bereits wieder den Kopf bewegen können und in der Lage sein, zu sprechen. Bis der Patient wieder gehen kann, wird vermutlich ein Jahr vergehen.[5]

Ethische Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den medizinischen Hürden bestehen auch ethische Bedenken. Maßgeblich für die Vertretbarkeit des Eingriffs kann die Frage nach der Definition des Lebens sein. Unter der Annahme, dass die Persönlichkeit eines Menschen ausschließlich im Gehirn verankert ist, sei Canaveros Vorhaben ethisch zu rechtfertigen, so die Neurologin und Bioethikerin Patricia Scropko vom Salinas Valley Memorial Healthcare System in Kalifornien.[5] Unterdessen erklärte die WHO, es sei unwahrscheinlich, dass sich ein Ethikkomitee für die Operation ausspräche.[2] Nach Ansicht des Präsidenten der amerikanischen Vereinigung der Neurochirurgen, Hunt Batjer, könnte die Operation beim Patienten sogar eine ungeahnte Form des Wahnsinns auslösen.[8]

Unterstellung einer PR-Maßnahme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es kursierten Gerüchte, dass die Operation ein PR-Gag sei. Im fünften Teil der Videospielreihe Metal Gear Solid taucht eine Figur auf, die eine große Ähnlichkeit zu Canavero aufweist. Da dieser allerdings ein anerkannter Neurochirurg ist und rechtliche Schritte gegen den Spielehersteller Konami erwägt, ist nicht von einer PR-Aktion auszugehen.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Medizingeschichte: Ärzte ohne Grenzen. In: SPIEGEL ONLINE. 29. Juli 2009; abgerufen am 10. März 2016.
  2. a b c d Jan Vollmer: Er ist bereit für die erste Kopftransplantation der Menschheit. In: Welt Online. 18. Januar 2016; abgerufen am 10. März 2016.
  3. Markus Keßler: Kopftransplantation soll Menschen unsterblich machen futurezone.at, 5. Juli 2016
  4. orf.at: China will geplante Kopftransplantation verbieten. Artikel vom 25. November 2017, abgerufen am 25. November 2017.
  5. a b c Florian Rötzer: Italienischer Mediziner kündigt Kopftransplantation an. In: Telepolis. 28. Februar 2015; abgerufen am 10. März 2016.
  6. Isabell Beer: Waleri Spiridonow: Er lässt sich nächstes Jahr den Kopf transplantieren! In: Berliner-Kurier.de. 22. Januar 2016; abgerufen am 11. März 2016.
  7. a b c d Irene Berres, Julia Merlot: Angekündigte Kopftransplantation: "Das geht schief". In: SPIEGEL ONLINE. 13. Juni 2015; abgerufen am 11. März 2016.
  8. a b c Die erste Kopftransplantation der Welt. In: bluemind.tv. 27. April 2015; abgerufen am 11. März 2016.
  9. Heike Le Ker: Elektro-Stimulation: Querschnittgelähmte können ihre Beine wieder bewegen. In: SPIEGEL ONLINE. 8. April 2014; abgerufen am 11. März 2016.