Kunstschutz

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Als Kunstschutz wird im Kriegsfall der Schutz der Kulturgüter, der historischen und Baudenkmäler sowie der Kunstwerke bezeichnet, der laut der Haager Landkriegsordnung (Artikel 46 und 56) zu den Pflichten der Militärverwaltung in besetzten Ländern gehört. In diesen Schutz fallen die Sicherung der Denkmäler vor Zerstörung, Raub beziehungsweise Beschlagnahme sowie die Schaffung von Voraussetzungen für die Restaurierung von beschädigten Werken und die Aufrechterhaltung beziehungsweise Betreuung des Kunstlebens.

Deutscher Kunstschutz im Ersten und Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg hatte der Kunsthistoriker Paul Clemen den deutschen Kunstschutz in Frankreich gegründet, um historisch bedeutsame Bauwerke und Kulturgüter vor der Zerstörung zu schützen.[1]

1935 bereitete ein französisches Gesetz die „passive Verteidigung“ vor. Am 26. August 1939 wurde das Schloss Versailles geschlossen; die Verwaltungen der Schlösser etwa von Chantilly, Compiègne, Fontainebleau, Rambouillet oder Saint-Germain-en-Laye schickten zahlreiche Kunstwerke in den Westen und Südwesten Frankreichs.[2]

Im Mai 1940 wurde erneut ein Kunstschutz in Paris gegründet.[3] Zu seinen Aufgaben gehörte es, Schlösser und Denkmäler vor der Beschädigungen durch die Wehrmacht zu schützen, aber auch die „Überwachung der Bergungsdepots der franz. Museen, Sicherstellung und Überwachung des ausländischen Kunstbesitzes, Vorbereitung der Rückführung des Deutschland geraubten Kunstgutes, Kontrolle und Steuerung des deutschen Kunsthandels in Frankreich.“[4] Er wurde dem Oberkommando des Heeres-Generalquartiermeister zugeordnet.

Organisatorischer Leiter wurde der Kunsthistoriker Franz Graf Wolff-Metternich. Die wissenschaftliche Leitung hatte der Bonner Kunsthistoriker Alfred Stange, zu seinem Arbeitsstab gehörten die Kunsthistoriker Hans Ulrich Wirth, Karl Heinz Esser, Heinrich Jerchel, Gottfried Schlag und Kurt Reißmann.[5] Eine der ersten Amtshandlungen war die Auflistung von über 500 Schlössern und Denkmälern in Frankreich zum Schutz vor der deutschen Armee. Nach dem Rückzug von Metternich wurde Bernhard von Tieschowitz im Juli 1942 neuer Leiter.

Der Kunstschutz stand teils in Widerspruch zu anderen Organisationen des Deutschen Reiches, wie der SS, der Gestapo oder des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR). Hitler hielt nichts von ihm. Der Kunstraub durch deutsche Besatzer konnte nicht verhindert werden; der Kunstschutz entwickelte sich in manchen Bereichen zum Teil des Systems, vor allem des ERR.

Weitere Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kunstschutz wurde danach in allen eroberten und besetzten Gebieten, in denen es eine deutsche Militärverwaltung gab, eingerichtet, also in Belgien, Serbien, ab 1943 auch in Italien und Griechenland.[6] Trotz der Existenz dieser Kunstschutzdienststellen kam es in den besetzten Ländern durch die deutschen Besatzungsbehörden zu umfangreichem Kunstraub.

Die ehemaligen Soldaten Ernst Kirsten und Wilhelm Kraiker verfassten ihre „Griechenlandkunde“ von 1955 auf der Grundlage von Führungsblättern des deutschen Kunstschutzes in Griechenland. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen dieser Länder wurden in den Jahren nach dem Krieg Bestandteil des wissenschaftlichen Forschungsstandes über die Kulturgeschichte dieser Länder.

Keinen Kunstschutz gab es in den Protektoraten Böhmen und Mähren, den Reichskommissariaten Niederlande, Ostland, Ukraine, Norwegen, dem Reichsgau Wartheland, dem Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete und in den annektierten Gebieten Sudetenland, Luxemburg, Lothringen und Elsass.[7]

US-Kunstschutz während und nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe: Monuments, Fine Arts, and Archives Section, Marburg Central Collecting Point, Munich Central Collecting Point, Schloss Neuschwanstein

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dem Kunstschutz mehr Aufmerksamkeit geschenkt, indem die Regeln der Haager Landkriegsordnung von 1907 ausgebaut wurden – so etwa durch die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954.

Gleichwohl kam es am und nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu Kunstraub durch alliierte Kräfte und Besatzungstruppen in Deutschland.

Der Barbarastollen dient seit 1975 als Zentraler Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland zur Lagerung von fotografisch archivierten Dokumenten mit hoher national- oder kulturhistorischer Bedeutung.

Das Internationale Komitee vom Blauen Schild wurde 1996 zur Verbesserung des Schutzes von Kulturgut vor den Auswirkungen von Kriegen und bewaffneten Konflikten sowie von Katastrophen gegründet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (Hrsg.): Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. 7. Auflage. Bundesamt für Zivilschutz, Bonn 2007 (PDF).
  • Paul Clemen: Kunstschutz im Kriege. Berichte über den Zustand der Kunstdenkmäler auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen und über die deutschen und österreichischen Maßnahmen zu ihrer Erhaltung, Rettung, Erforschung. 2 Bände. A. Seemann, Leipzig 1919 (Digitalisate von Band 1 und Band 2 im Internet Archive).
  • Nikola Doll: Die „Rhineland-Gang“. Ein Netzwerk kunsthistorischer Forschung im Kontext des Kunst- und Kulturgutraubes in Westeuropa. In: Ulf Häder: Museen im Zwielicht. Ankaufspolitik 1933–1945. (= Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Band 2). Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Magdeburg 2002, ISBN 3-00-010235-3, S. 53–78.
  • Frank Fechner, Thomas Oppermann, Lyndel V. Prott (Hrsg.): Prinzipien des Kulturgüterschutzes. Ansätze im deutschen, europäischen und internationalen Recht. (= Tübinger Schriften zum internationalen und europäischen Recht, Band 37.) Duncker & Humblot, Berlin 1996, ISBN 3-428-08538-8.
  • Cay Friemuth: Die geraubte Kunst. Der dramatische Wettlauf um die Rettung der Kulturschätze nach dem Zweiten Weltkrieg. (Entführung, Bergung und Restitution europäischen Kulturgutes 1939 – 1948). Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-500060-4.
  • Christian Fuhrmeister, Johannes Griebel, Stephan Klingen, Ralf Peters (Hrsg.): Kunsthistoriker im Krieg. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943–1945 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 29). Böhlau, Köln u. a. 2012, ISBN 978-3-412-20804-2.
  • Günther Haase: Kunstraub und Kunstschutz. Eine Dokumentation. Olms, Hildesheim 1991, ISBN 3-487-09539-4.
  • Lutz Klinkhammer: Die Abteilung „Kunstschutz“ der deutschen Militärverwaltung in Italien 1943–1945. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken. Band 72. Gruyter, Berlin 1992, ISSN 0079-9068, S. 483–549.
  • Ernst Kubin: Raub oder Schutz? Der deutsche militärische Kunstschutz in Italien. Stocker Graz u. a. 2001, ISBN 3-7020-0694-X.
  • Christina Kott: Die deutsche Kunst- und Museumspolitik im besetzten Nordfrankreich im Ersten Weltkrieg. Zwischen Kunstraub, Kunstschutz, Propaganda und Wissenschaft. In: Kritische Berichte. Band 25, Nr. 2. Jonas Verlag, Kromsdorf/Weimar 1997, ISSN 0340-7403, S. 5–24 (PDF).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Clemen: Kunstschutz im Kriege. Berichte über den Zustand der Kunstdenkmäler auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen und über die deutschen und österreichischen Maßnahmen zu ihrer Erhaltung, Rettung, Erforschung. 2 Bände. Leipzig 1919 (Band 1 und 2)
  2. FAZ: Musterknaben und Vandalen (Bericht über das Symposium „Les châteaux-musées franciliens et la guerre: une protection stratégique (1939–1945)“)
  3. Deutsche Frankreichforschung während der Okkupation und nach der Befreiung von Thomas Kirchner, 2018
  4. Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R 61087a
  5. Christina Kott: "Den Schaden in Grenzen halten ..." Deutsche Kunsthistoriker und Denkmalpfleger als Kunstverwalter im besetzten Frankreich, 1940–1944. In: Ruth Heftrig, Olaf Peters, Barbara Schellewald (Hrsg.): Kunstgeschichte im "Dritten Reich". Theorien, Methoden, Praktiken. Akademie Verlag, Berlin 2008. S. 362–393, hier S. 372
  6. Christian Fuhrmeister, Johannes Griebel, Stephan Klingen, Ralf Peters (Hrsg.): Kunsthistoriker im Krieg. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943–1945. (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, 29) Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2012
  7. Andere Ansicht: „Schroeder, Prof. Dr. Hans Friedrich. Lubeck, St. Anne Museum; Lubeck, Schwartauer Allee 7. Reported Director of the Kunstschutz organisation for Russia.“ In: The AAM guide to provenance research. ISBN 978-0-931201-73-8, S. 270.