Kunstverein Giannozzo

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Der Kunstverein Giannozzo (Giannozzo, Verein zur Förderung der aktuellen plastischen Kunst e. V.[1]) war ein 1987 in Berlin gegründeter Kunstverein, der 2008 liquidiert wurde und erloschen ist. Sein Name bezieht sich auf die Erzählung "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch"[2] von Jean Paul. Der Verein hatte bis 1990 einen festen Ausstellungsraum in der Suarezstraße in Berlin-Charlottenburg.

Er stellte plastische Arbeiten von Künstlern vor, die über den herkömmlichen Begriff von Skulptur hinausgehen. Schwerpunkte im Programm des Kunstvereins bildeten raum- und situationsbezogene künstlerische Arbeiten und solche, welche die Zeitdimension in die eigentliche Bildhauerkunst einbeziehen, wie etwa Klanginstallationen und Performances.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein wurde von den Künstlern Ulrich Eller, Rolf Julius, Rolf Langebartels, Norbert Radermacher u. a. sowie dem Philosophen Hannes Böhringer gegründet. Der Verein führte die Arbeit der Galerie Giannozzo[3] weiter, die Rolf Langebartels von 1978 bis 1986 in Berlin als non-profit-Galerie leitete. Rolf Langebartels war von 1987 bis 2001 als Geschäftsführer der künstlerische Leiter. Anschließend übernahm Christine Hoffmann die Funktion der Geschäftsführerin bis 2006.

Im Raum des Vereins wurden Installationen gezeigt, meist Klanginstallationen wie z. B. Joe Jones Music-Store im Jahr 1990[4]. Ein weiterer Schwerpunkt waren künstlerische Arbeiten an anderen Orten und in anderen Räumen der Stadt, so z. B. im Kulturforum Villa Oppenheim[5] in Berlin-Charlottenburg oder im Keller der Monumentenstraße 24[6] in Berlin-Kreuzberg. Von 1990 bis 1993 veranstaltete der Kunstverein Giannozzo eine Serie von Giannozzo LIVE Festivals[7][8][9] mit Konzerten und Performances. Die Festivals wurden von Ingo Kratisch auf Video-DVDs dokumentiert. 1996 und 1998 folgten ähnliche Festivals in Baitz[10][11], Brandenburg.

Der Kunstverein organisierte eine Reihe von Symposien, die sowohl Vorträge von Wissenschaftlern und Philosophen als auch Werke von Künstlern, Komponisten und Performern präsentierten. Hannes Böhringer leitete die drei Symposien "Discretio.Trennungsstriche und Verbindungslinien zwischen Kunst, Musik und Wissenschaft", Symposium im Juleum, Helmstedt, 1988 [12], "Gefährlich leben, Symposium zum Begriff des Experimentellen in Kunst und Wissenschaft", Einsteinturm auf dem Telegraphenberg, Potsdam, 1991[13] zusammen mit dem Merve Verlag und "Symposium Feedback. Das Phänomen der Rückkopplung in Kunst und Wissenschaft", Kloster Plasy, Böhmen, Tschechien, 1994.

Grund für die Auflösung des Kunstvereins im Jahre 2008 war, dass es nicht gelang, eine kontinuierliche, institutionelle, finanzielle Förderung [14] zu erreichen. Der Verein finanzierte seine Arbeit durch Mitgliedsbeiträge und hauptsächlich durch Projektmittel, wie z. B. der Initiative Neue Musik Berlin, Berlin oder der Stiftung Kunstfonds, Bonn. Die künstlerische Leitung des Kunstvereins Giannozzo war eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ab 2007 konnte dafür keine Person mehr gewonnen werden.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannes Böhringer: Rückblick auf Helmstedt und Potsdam. In: Ute Meta Bauer (Hrsg.): Kunstzeitschrift Meta Nr. 2, – A New Spirit in Curating?, Künstlerhaus Stuttgart, Stuttgart 1992, ISSN 0940-4813, S. 86–95.
  • Frank Hilberg: "Szene Berlin", Initiativen versus Institutionen. In: Neue Zeitschrift für Musik. Nr. 11, 1992, ISSN 0945-6945, S. 25–30.
  • Giannozzo. In: Michael Fehr (Hrsg.): Open Box: künstlerische und wissenschaftliche Reflexionen des Museumsbegriffs. Museum der Museen, Band 5, Wienand Verlag, Köln 1998, ISBN 3-87909-223-0, S. 208–215.
  • Rolf Langebartels: Ereignisse in Raum, Zeit und Situation, Plastische Arbeiten mit Klang bei Giannozzo. In: Christoph Metzger (Hrsg.): Conceptualisms, Zeitgenössische Tendenzen in Musik, Kunst und Film., Akademie der Künste, Berlin 2003, Pfau Verlag, Saarbrücken 2003 ISBN 3-89727-235-0, S. 143–160.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Giannozzo, Verein zur Förderung der aktuellen plastischen Kunst. Amtsgericht Berlin-Charlottenburg, Vereinsregisternummer 8814, von 28. Januar 1987 bis 8. Juli 2008.
  2. Jean Paul: Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. (Erzählung im 2. Anhangsbändchen zu Titan) 1801; Neuausgabe: Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-458-19291-6 (Insel Bücherei 1291).
  3. Angelika Stepken: Ende und Neubeginn. In: tip Magazin. Berlin Nr. 27, 1986.
  4. Holger Weh: Music-Machines von Joe Jones in der DAAD Galerie und im Kunstverein Giannozzo. In: zitty Berlin. Berlin, Nr. 5, Februar 1990.
  5. Volker Wendschuh: Kunstverein Giannozzo feierte postmoderne Geburtstagsparty in der Villa Oppenheim. In: Volksblatt. Berlin vom 12. Dezember 1987.
  6. Wolf-Peter Stiftel: Christina Kubischs "Kraterzonen" im Keller Monumentenstraße 24. In: taz die tageszeitung. Berlin vom 25. November 1988.
  7. Bernward Halbscheffel: Kritik an der Technik. Das Giannozzo Live Festival im R.A.M.M.ZATA-Theater. In: Der Tagesspiegel. Berlin vom 9. September 1990.
  8. Elfi Kreis: Der Talkumstaub und seine tiefere Bedeutung. Intellektuelle Ballaststoffe: Drei Performances des Kunstvereins Giannozzo im Theater 89. In: Der Tagesspiegel. Berlin vom 3. November 1991.
  9. Elfi Kreis: Zum Piepen. Kunst-Klänge: das dritte Giannozzo-"Live Festival". In: Der Tagesspiegel. Berlin vom 27. August 1992.
  10. Susken Rosenthal, Rolf Langebartels: Klang- und Performance-Festival in Baitz. In: Akademie der Künste, Berlin (Hrsg.): Klangkunst. Katalog Sonambiente Festival für Hören und Sehen 1996, S. 180-181, Prestel-Verlag, München 1996, ISBN 3-7913-1699-0 (mit CD).
  11. Jürgen Otten: Direkt, überraschend, spürbar. Das etwas andere brandenburgische Kunstfestival – Baitz mit Klang. In: Märkische Allgemeine Zeitung. Potsdam vom 8. September 1998.
  12. Er.: Hochkarätiges Symposium. Avantgardistisches Konzert im Helmstedter Juleum. In: Braunschweiger Zeitung. vom 8. Dezember 1988.
  13. Sabine Vogel: Von Zufall und Unfall. Eine Tagung in Potsdam über das Experiment in Kunst und Wissenschaft. In: Freitag. Berlin vom 12. Juli 1991. Nr. 29.
  14. Marion Thielebein: Per Luftschiff auf Reisen. Stirbt mit dem Kunstverein Giannozzo ein weiterer Kulturort in Berlin? In: Der Tagesspiegel. Berlin vom 23. November 1994.