Kuttel Daddeldu

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Deckblatt der Ausgabe von 1920

Kuttel Daddeldu ist eine Kunstfigur des Lyrikers Joachim Ringelnatz, der einst zeitweise Seemann war.

Der Ringelnatzsche Kuttel Daddeldu[Bearbeiten]

Ringelnatz erfindet als Kabarettist den knurrigen Seemann Kuttel Daddeldu: Er taucht erstmals in Ringelnatz’ Gedicht Vom Seemann Kuttel Daddeldu auf und ist die Hauptfigur in dessen Gedichtband Kuttel Daddeldu oder Das schlüpfrige Leid aus dem Jahr 1920. In diesem Werk erscheint der Seebär Kuttel Daddeldu in teilweise schwarzhumorigen Balladen und Moritaten, mit denen Ringelnatz in den 1920ern und 1930ern auf der Kabarettbühne auftrat.

Ringelnatz schreibt in den 1920er-Jahren weitere Texte über ihn – und spielt ihn gleich selbst. Kuttel Daddeldu wird beliebt, er und Ringelnatz kommen zu Ruhm. Doch das ändert sich mit dem Nazi-Auftrittsverbot, das Ringelnatz schwer trifft. Er stirbt krank und verarmt 1934 in Berlin - und damit auch dessen Kuttel Daddeldu. - Daddeldu ist ein Seemanns-Wort für Feierabend und Nachtruhe.

Der DDR-Kuddeldaddeldu[Bearbeiten]

1963 erweckt Hans Krause, Kabarett-Autor in Berlin und Chef des Kabaretts Distel, den Seemann zu neuem Leben und holt ihn zwei Jahre später in die DDR-Gegenwart. Der erste sozialistische Kuddeldaddeldu hat 1965 Premiere in der SED-Tageszeitung „Neues Deutschland“. Auf der Bühne hat ihn der Distel-Kabarettist Heinz Draehn (1921-2010) zeitlebens dargestellt. Die Schreibweise Kuddel statt Kuttel war ursprünglich ein Druckfehler im Distel-Programmheft – sie wird kurzerhand beibehalten.

Krause schreibt fast 400 Texte für den „Agitations-Matrosen mit Narrenkappe“, wie ihn Staats- und Parteichef Erich Honecker nannte. Kuddel hat ab 1971 Auftritte in Radio und Fernsehen, so in „Klock acht – achtern Strom“ und „Ein Kessel Buntes“. Er wird zur bekanntesten DDR-Kabarett-Figur. - Jedoch hat Krauses Kuddel zwei Gesichter: frecher Seebär und lobhudelnder Grüß-Onkel. Letzterer ist gern gesehen zu Parteitagen, Republikgeburtstagen, Volkskammerwahlen und gar zum 70. Geburtstag vom Chefideologen Kurt Hager. Der Kurswechsel kommt es 1987: Krause Kuddel lernt kritisieren.[1]

Varia[Bearbeiten]

  • Das Gedicht wurde unter anderem von Evelyn Künneke vertont; Achim Reichel hat die literarische Figur als Kuddel Daddel Du auf seiner LP Melancholie und Sturmflut wiederbelebt.
  • Der Gedichtband wurde in einer bis heute nachgedruckten Ausgabe 1923 von Karl Arnold illustriert.
  • Im niederdeutschen Sprachraum wird Kuttel (oder Kuddl) Daddeldu auch heute noch verwendet, wenn man über eine etwas windige Person spricht.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Kuttel-Daddeldu – Quellen und Volltexte

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürgen Klammer: Beim Barte des Proleten. Geschichten aus dem Kabarett-Theater Distel in den Zeiten von Walter Ulbricht, Erich Honecker und Helmut Kohl. Leipzig 2013, ISBN 978-3-00-043382-5 - darin auf S. 173-180: Der sozialistische Kuddeldaddeldu.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Holger Zürch: Mit knarzendem Kutter zum knurrigen Kuddeldaddeldu. Ringelnatzsommer 2015: Autor Jürgen Klammer stellt beliebteste DDR-Kabarettfigur vor. In: Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Muldental, 10. August 2015, S. 25