Leo Africanus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Leo Africanus, Geburtsname: arabisch الحسن بن محمد الوزان الفاسي, DMG al-Ḥasan b. Muḥammed al-Wazzān al-Fāsī, christlich getauft auf den lateinischen Namen Johannes Leo, italienisch Giovanni Leone (* um 1490 in Granada; † unbekannt, möglicherweise nach 1540 in Tunis) war ein Diplomat, Rechtsgelehrter, Übersetzer und Autor von Reise und Geographieberichten über Nordafrika, von berberischen Abstammung.[1][2]

Angebliches Porträt von Leo Africanus (Sebastiano del Piombo, um 1520)

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bild des Innenhofs der Qarawiyin Universität in Fes, einer der wohl ältesten noch bestehenden Bildungseinrichtungen der Welt. Hier Studierte Leo Africanus islamisches Recht.

Leo Africanus wurde um 1490 in Granada geboren, aber seine Familie siedelte schon bald, gezwungen durch die Reconquista, nach seiner Geburt nach Fez um. Dort studierte an der Qarawiyin-Universität und begleitete seinen Onkel auf dessen diplomatischen Reisen in Nordafrika, wobei er unter anderem Timbuktu, Gao, Agades und Kairo sowie vielzählige Nomadenstämme sowie Berberdynastien besuchte.[3]

Reisebeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er bereiste von Marokko aus die Sahara und den Sudan und veröffentlichte seine Erkenntnisse in seinem Werk La descrittione dell’Africa (deutsch: „Die Beschreibung Afrikas“), das über Jahrhunderte ein sehr einflussreiches Werk über die Geographie und Kultur von Nordafrika im europäischen Raum war. Das Werk schildert vor allem den Reichtum und Prunk des Songhai-Reiches und beschreibt den Wohlstand der Karawanenmetropole Timbuktu, so dass es die Phantasien der Europäer bis ins frühe 19. Jahrhundert entfachte. Noch zweieinhalb Jahrhunderte nach seiner Erstveröffentlichung motivierte die 'Beschreibund Afrikas' das Interesse der nach Afrika exportierenden Staaten an und setzte somit auch indirekt die wissenschaftliche Afrikaforschung (seit etwa 1790) in Gang. Das Werk wurde als geographische Quelle durch die Erkundungen europäischer Forschungsreisender wie Mungo Park, René Caillié und Heinrich Barth obsolet. Barth, der selbst weite Teile der von Leo Africanus beschriebenen Länder persönlich besucht hatte, sollte für die renommierte Hakluyt Society eine kommentierte Übersetzung herausgeben, wurde aber durch seinen plötzlichen Tod im Jahre 1865 an der Fertigstellung gehindert.Die Ausgaben, die Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Hakluyt-Society und Mitte des 20. Jahrhunderts von französischen Wissenschaftlern publiziert wurden, stützten sich auf die gedruckten Editionen des 16. Jahrhunderts, die aber vom Herausgeber Ramusio gegenüber dem handschriftlichen Original stark überarbeitet worden waren. Viele der Mythen vom unermesslichen Reichtum Timbuktus gingen auf die Falschübersetzung durch den italienischen Herausgeber zurück, wie Dietrich Rauchenberger beim Studium der Originalhandschriften feststellen konnte.

Portrait von Leo X. dem Papst welcher Leo Africanus getauft hat. Das Bild wurde von Rafael gemalt.
Titelseite der englischen Ausgabe von Leo Africanus’ Cosmographie. London 1600

Aufenthalt in Italien: 1518 – ca. 1530[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leo Africanus wurde 1518 von Pedro de Cabrera y Bobadilla, einem christlichen Korsar vornehmer Herkunft, auf See gefangen genommen und nach Rom gebracht. Er lebte danach in Rom eingesperrt in der Engelsburg unter der Obhut von Papst Leo X., bis er zum Christentum konvertierte. Daraufhin wurde er freigelassen und fing an als Gelehrter und Übersetzer arabische Literatur zu bearbeiten; unter anderem arbeitete er an der Lateinübersetzung des Korans mit, lernte die italienische und lateinische Sprache und verfasste in italienischer Sprache die Beschreibung Afrikas sowie weitere Werke.[4]

Letzte Jahre in Nordafrika: ca. 1530 bis ca. 1537[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Möglicherweise kehrte Leo um 1530 nach Tunis zurück und wandte sich wieder dem Islam zu. Dieses Datum beruht auf Spekulationen und hängt mit dem Erscheinen der ersten gedruckten Fassung seines Reisewerkes in diesem Jahr zusammen. Der deutsche Orientalist Dietrich Rauchenberger nimmt an, dass Leo bereits um 1530 Rom verließ, denn danach gibt es keine Hinweise mehr auf seine Anwesenheit in Italien. Möglicherweise verstarb der Gelehrte noch auf italienischem Boden an einer der Seuchen, die im Gefolge der auf der Halbinsel tobenden Kriege ausbrachen. In Nordafrika jedenfalls finden sich keine Dokumente mehr, die seine Anwesenheit in Tunis oder einer der anderen Städte an der nordafrikanischen Mittelmeerküste belegen. Einige Autoren vermuten jedoch, dass Leo die letzten Jahre seines Lebens in Fez verbrachte, wo er 1537 starb.[5] Eine Rückkehr nach Fes oder allgemein in die islamische Welt wäre jedoch mit grossen Schwierigkeiten verbunden gewesen, da Africanus konvertierte und seine christlichen Herausgeber seine Bücher islamfeindlich überarbeiteten bevor sie diese veröffentlichten, Leo Africanus möglicherweise in Rom eine Christin heiratete und vielleicht mit dieser Kinder hatte, sowie half den Koran auf Latein zu übersetzten.[6]

Nathalie Zemon Davis ist der Überzeugung, dass sie einen Eintrag für eine Wohnung in Rom im Januar des Jahres 1527 auf den Namen Johannes Leo gefunden habe; es soll sich nach ihrer Auffassung dabei um Leo Africanus handeln.[7] Für die Zeit nach dem Sacco di Roma ist nicht bekannt, ob Leo Africanus weiterhin in Rom lebte. Möglicherweise ist er in den Maghreb zurückgekehrt. Ein Zeugnis seines Taufpatens und Gönners Egidio da Viterbo gegenüber Johann Albrecht Widmannstetter aus dem Jahr 1532 spricht dafür, dass Leo Africanus zu jener Zeit in Tunis wohnhaft war. Widmannstetter, der Arabisch lernen wollte, versuchte daraufhin, Leo zu besuchen, wurde jedoch von Stürmen auf dem Mittelmeer daran gehindert.[8]

Vermutlich erste Abbildung eines Targi (Tuareg-Krieger) mit dem typischen Gesichtsschleier (Ausgabe: Lyon 1556)

Legenden um die Person des Leo Africanus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gestalt des Leo Africanus ist umstritten, in manchen Theorien wird seine Existenz sogar ganz in Frage gestellt. So wird u. a. behauptet, sein Werk sei von einem venezianischen Ghostwriter verfasst worden, da venezianische Kaufleute seit dem 12. Jahrhundert Handel mit Nordafrika betrieben und auf diese Weise zahlreiche Informationen gesammelt haben müssen. Dem widersprechen allerdings detaillierte autobiographische Kommentare in der Descrittione dell’Africa. Sowie zahlreiche Unterschriften und Bemerkungen die Africanus in Schriften der vatikanischen Bibliothek verfasst hatte. Allgemein gilt Leo Africanus als reale historische Person, es ist allerdings plausibel, dass auf Grund seines Ruhmes und seiner Jahrhunderte währenden Monopolstellung in afrikanischer Geographie zahlreiche Mythen und Legenden um seine Person entstanden sind. Relativ bekannt wurde Leo als Person durch den in viele Sprachen übersetzten Roman, '' Leo Africanus. Der Sklave des Papstes '' vom Libanesen Amin Maalouf.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werkausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • La descrittione dell’Africa. In: Giovan Battista Ramusio (Hrsg.): Primo volume, et Seconda editione delle Navigationi et Viaggi. Venedig 1550.
  • Historiale description de l’Afrique, tierce partie du monde, contenant ses royaumes, regions, viles, cités, peuples, escrite de nôtre tems par Jean Leon, Africain, premièrement en langue arabesque, puis en toscane, & à présent mise en françois. Lyon 1556. (Eine französische Reisesammlung von Jean Temporal mit weiteren Autoren wie zum Beispiel Amerigo Vespucci)
  • Georg Wilhelm Lorsbach (Hrsg.): Johann Leo’s des Africaners Beschreibung von Africa. Herborn 1805. (Erste deutschsprachige Ausgabe des Werkes)
  • Robert Brown (Hrsg.): The history and description of Africa and of the notable things therein contained, Written by Al-Hassan ibn-Mohammed Al-Wegaz Al-Fazi, a moor, bapticed as Giovanne Leone, but better known as Leo Africanus. Done into English in the year 1600 by John Pory. The Hakluyt Society, London 1896, 3 Bände. (Lange Zeit die maßgebliche wissenschaftliche Ausgabe)
  • R. Épaulard, H. Lhote, Th. Monod (Hrsg.): Description de l’Afrique. Paris 1958, 2 Bände.
  • Karl Schubarth-Engelschall (Hrsg.): Beschreibung Afrikas. Leipzig 1984. (Unvollständige Volksausgabe, aber von einem der besten Kenner der islamischen Afrikaforschung herausgegeben)
  • Dietrich Rauchenberger (Hrsg.): Johannes Leo der Afrikaner. Seine Beschreibung des Raumes zwischen Nil und Niger nach dem Urtext. (Orientalia biblica et christiana, 13). Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04172-2.)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alioune Benachenhou: Hassan ben Mohamed el Ouzzane, dit «Leon l’Africain». L’Algerie en 1515. Algier 1969.
  • Natalie Zemon Davis: Trickster travels: A sixteenth-century Muslim between worlds. New York 2006, ISBN 0-8090-9434-7.
  • Pekka Masonen: The Negroland Revisited. The Finnish Academy of Science and Letters, Helsinki 2000, ISBN 951-41-0886-8.
  • Dietrich Rauchenberger (Hrsg.): Johannes Leo der Afrikaner. Seine Beschreibung des Raumes zwischen Nil und Niger nach dem Urtext. (Orientalia biblica et christiana, 13). Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04172-2.
  • Oumelbanine Zhiri: L’Afrique au miroir de l’Europe: Fortunes de Jean Léon l’Africain à la Renaissance. (Travaux d’Humanisme et Renaissance, 247). Libr. Droz, Genf 1991, OCLC 28291357.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dietrich Rauchenberger: Johannes Leo der Afrikaner. Seine Beschreibung des Raumes zwischen Nil und Niger nach dem Urtext. Harrassowitz Verlag, 1999, S. 27–28.
  2. Davis, Nathalie Zemon: Leo Africanus; Ein Reiswender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 19. - 30.
  3. Davis, Nathalie Zemon: Leo Africanus; Ein Reisender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 33. - 40.
  4. Davis, Nathalie Zemon: Leo Africanus; Ein Reisender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 57. - 63.
  5. Masonen, Pekka: The Negroland Revisited. The Finnish Academy of Science and Letters, Helsinki 2000, ISBN 951-41-0886-8, S. 174. - 175.
  6. Davis, Natalie Zemon: Leo Africanus : ein Reisender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 247- 263.
  7. Davis, Nathalie Zemon: Leo Africanus; Ein Reisender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 213.
  8. Davis, Natalie Zemon: Leo Africanus : ein Reisender zwischen Orient und Okzident. Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978-3-8031-3627-5, S. 252.