Agadez

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Stadtgemeinde Agadez
Stadtgemeinde Agadez (Niger)
Stadtgemeinde Agadez
Stadtgemeinde Agadez
Koordinaten 16° 58′ N, 7° 59′ OKoordinaten: 16° 58′ N, 7° 59′ O
Basisdaten
Staat Niger

Region

Agadez
Departement Tchirozérine
Höhe 502 m
Einwohner 118.240 (2012)
Politik
Bürgermeister Rhissa Feltou

Agadez [aɡaˈdɛs] (auch Agadès) ist die Hauptstadt der gleichnamigen Region Agadez in Niger. Sie ist mit rund 118.000 Einwohnern die bevölkerungsmäßig größte Stadt im Norden des Landes. Die historische Altstadt von Agadez zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage und Gliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick auf die Stadt (1997)

Agadez liegt in der nördlichen Sahelzone und ist vollständig vom Gemeindegebiet von Dabaga umgeben.

Das Gemeindegebiet ist in 17 Stadtviertel, sieben ländliche Dörfer mit eigenen Ortsvorstehern und acht ländliche Weiler gegliedert.

  • Die Stadtviertel sind: Abalan, Agargari Saka, Akanfaya, Amarouett, Amdit, Angoual Bayi, Camp Militaire, Camp Militaire Kourou, Dagamanet I, Dagamanet II, Dagamanet III, Founemey, Gendarmerie, Hougbéry, Katanka, Misrata, Nassarawa, Nassarawa Indoudou, Obitara, Oumourdan Magass, Oumaourdan Nafala, Pays Bas, Sabon Gari, Tadalanfaye, Tadallanfaye, Tawayen Sarki und Toudou.
  • Die ländlichen Dörfer mit Ortsvorstehern sind: Alarcess Toudou Bila, Dari, Inbakatane, Inebizguin, Mai Addoua, Ourèye und Tchibnitane.
  • Die ländlichen Weiler sind: Alarcess Aladab, Alarcess Alkinkin, Alarcess Azamala (Takaya), Alarcess Tchiguefan, Ikirkiwi, Tajajaratt, Tassakantalam und Timiiao.[1]

Klima[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agadez
Klimadiagramm
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Temperatur in °CNiederschlag in mm
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Agadez
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) 29,2 32,0 35,9 39,6 41,4 41,6 39,2 36,9 38,6 37,7 33,5 29,7 Ø 36,3
Min. Temperatur (°C) 10,9 13,1 17,3 21,8 24,4 24,8 23,8 23,0 22,8 20,3 15,4 12,0 Ø 19,2
Niederschlag (mm) 0 0 0 2 6 12 35 49 7 0 0 0 Σ 111
Sonnenstunden (h/d) 9,6 9,8 9,5 9,3 9,5 9,1 9,3 9,2 9,3 9,9 9,9 9,4 Ø 9,5
Regentage (d) 0 0 0 0 0 2 6 6 2 0 0 0 Σ 16
Luftfeuchtigkeit (%) 22 18 15 14 18 24 39 45 29 20 22 23 Ø 24,1
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Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt wurde der Überlieferung nach 1449 von Berberstämmen gegründet. 1515 wurde die Stadt vom Songhaireich unter Mohamed Askia erobert.[2] Als dieses 1591 von Marokko erobert wurde, übernahmen die Tuareg die Kontrolle über die Stadt und ihr Umland. Sie war in dieser Zeit Hauptstadt des unabhängigen Sultanats Aïr, welches offiziell bis heute fortbesteht. Der Sultan nimmt allerdings nur repräsentative und beratende Aufgaben wahr.

Agadez wurde offenbar erstmals um 1711 von Europäern besucht, nämlich von zwei Franziskanermissionaren, über deren weiteres Schicksal aber wenig bekannt ist. Die erste wissenschaftliche Beschreibung der Stadt, der Umgebung und der Geschichte von Agadez stammt von dem deutschen Afrikaforscher Heinrich Barth, der Agadez 1850 erreichte. Die Stadt geriet im Zuge des Kolonialismus gegen 1900 unter die Kontrolle Frankreichs. Sie war ein wichtiges Zentrum des Karawanenhandels.

Agadez erhielt 1988 zugleich mit neun weiteren nigrischen Orten den Status einer eigenständigen Gemeinde. Bis dahin hatte es landesweit zwölf Gemeinden gegeben.[3] 2009 wurde die Stadt von Überschwemmungen heimgesucht, bei denen über 41.000 Einwohner materielle Schäden erlitten.[4]

Während des Bürgerkriegs in Libyen musste die Stadt große Flüchtlingsströme aus dem Nachbarland aufnehmen. Bei den Personen handelte es sich zumeist um Menschen, die Jahre zuvor von Staaten Subsahara-Afrikas nach Libyen immigriert waren.[5]

In der Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 wurde Agadez auch zu einer Drehscheibe für den Menschenschmuggel in Richtung Europa.[6]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agadez hatte bei der Volkszählung 2012 118.240 Einwohner, die in 19.226 Haushalten lebten. Davon wohnten 110.497 Personen im Stadtzentrum und 7743 Personen in den umliegenden ländlichen Dörfern und Weilern.[1]

Nach der Unabhängigkeit Nigers im Jahr 1960 beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum wegen Zuwanderung deutlich. Die Gründung der Bergbaustadt Arlit im Jahr 1969 führte kurzzeitig zu einer rückläufigen Einwohnerzahl in Agadez, da Arlit sowohl die Migranten aus dem Süden des Landes als auch junge Bewohner von Agadez anzog. Die durch die Hungersnot in der Sahelzone Anfang der 1970er Jahre bedingte Zuwanderung kompensierte diesen Rückgang bereits wieder.[7]

Bevölkerungsentwicklung nach Jahren
1926 1936 1947 1956 1964 1970 1977 1988 2001 2012
2.436 3.193 3.977 4.737 7.190 6.125 20.475 49.424[7] 79.228[8] 118.240[1]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Große Moschee von Agadez (1997)

Die historische Altstadt von Agadez wurde am 23. Juni 2013 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.[9] Am Flughafen befindet sich eine Kopie der Felsgravuren der Dabous-Giraffen. Besonders sehenswert ist der Markt von Agadez im November, wenn die Salzkarawanen aus Bilma eintreffen.

Die Stadt bewahrt zum Teil noch die typische sudanische Lehmarchitektur. Die Freitagsmoschee von Agadez liegt am Westrand des alten Ortskerns, unweit des Palastbezirks. Die Gesamtanlage umfasst eine Fläche von 1500 Quadratmetern. Erbaut ist sie im mittelnigrischen Stil einer Hof-Moschee, wobei der Innenhof sehr klein gehalten ist. Nach mündlicher Überlieferung soll sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter Abu Zakarya, einem Marabout aus dem Fessan, möglicherweise aus Gao, erbaut worden sein.[10][11] Die Moschee befindet sich in einem guten Zustand (Stand: 1986), wobei Erosionen im Bereich der Wasserspeier zu attestieren sind. Sämtliche Zugänge haben mittlerweile Zementrahmen.[11] Die Qiblawand der Freitagsmoschee gilt, in Abweichung der sonst üblichen Schwankungsbreite von ± 15 °, als geographisch exakt ausgerichtet.[12] Die Moscheeanlage hat mehrere Beträume. An allen Seiten der Beträume gibt es teils mit Gräbern eingefriedete Areale. Nach Heinrich Barth stammt das Minarett aus dem Jahr 1844.[13] Selbiges ist in Lehmbauweise hergestellt, spitz zulaufend und 27 Meter hoch. Damit ist das Minarett der höchste Lehmturm südlich der Sahara und von weitem sichtbar. Es wird vermutet, dass sein Vorbild in den Oasen M'zabs in Algerien zu finden ist, denn die Ähnlichkeit zu den Türmen von Ghardaia und Beni Isguen sind frappierend.[11] Lediglich ein Minarett zur Moschee zu bauen, war bei allem Vorbildcharakter, in der Vergangenheit keinesfalls stilbildend.[11]

Südöstlich der Freitagsmoschee, im Viertel Hasna, liegt die Hassina-Moschee, ebenfalls eine Hof-Moschee. Deren Gründung wird laut örtlicher imamischer Auskünfte im Jahr 1538, jedenfalls in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts, vermutet.[11] Ihr Zustand ist vergleichbar gut zur Freitagsmoschee. Mit 149 Quadratmetern Gesamtfläche ist sie eher klein, verfügt aber über ein 9 Meter hohes Minarett und eine Madrasa, die in einem Annexgebäude untergebracht ist. Weitere architekturhistorisch interessante Moscheen sind die Osam-da-Fodio-Moschee (mit ebenfalls nur einem Minarett) und in der Ortsmitte am Hougoubéré-Platz eine Moschee, die die Besonderheit aufweist, dass an der Qibla-Fassade ein Adhān-Podest errichtetwurde.[11]

Zu Beginn des islamischen Monats Muharram wird bis zum Aschura-Tag in Agadez das zehntägige Neujahrsfest der Tuareg, Bianou, gefeiert. Dabei werden Tänze und Straßenprozessionen von der großen Kesseltrommel Tobol begleitet. Die Veranstaltung ähnelt dem in Djanet (Südalgerien) veranstalteten Sebiba-Tanzfest.

In den 1960er Jahren etablierte sich eine römisch-katholische Mission. Seit 1980 gibt es in Agadez die eigenständige Pfarre St. Augustin, die zum Bistum Maradi gehört.[14]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Markt in Agadez (1976)
Tuareg in Agadez (1991)

Neben dem traditionellen Handel ist noch heute die Viehzucht (Dromedare, Ziegen und Schafe) in der Umgebung wichtig. Der Afrikaforschungsreisende Heinrich Barth erwähnt in seinen Reiseberichten,[15] dass im Tal vor Agadez Gartenanlagen gesehen worden seien, die auf entsprechende Gartenwirtschaft hindeutet. Er selbst beobachtete das in Iferouane. Das Wasser wurde über einen Hebelarm aus dem Brunnen geschöpft. Später wurden Ochsen als Zugtiere eingesetzt. Das über lederne Schöpfgefäße gehobene Wasser wird bis heute über ein Kanalsystem den Beeten zugeführt.[16]

Ein Hauptwirtschaftszweig ist der Transport von Flüchtlingen aus Westafrika nach Libyen und weiter zur Mittelmeerküste. Agadez ist zu einer Drehscheibe der Migration nach Europa geworden. Die Flüchtlinge zahlen – in der Summe – hohe Beträge an die Schleuser, an „Gebühren“ an die örtliche Polizei, an die Fahrer der Busse und Lastwagen, die in Agadez zur Durchquerung der Sahara starten, sowie für Dienstleistungen während der Wartezeit bis zur Abfahrt.[17]

Agadez liegt an der Nationalstraße 11, die die Stadt mit der Oase Ingall im Norden und der Staatsgrenze zu Nigeria im Süden verbindet, und an der bis zur nigrischen Hauptstadt Niamey führenden Nationalstraße 25. In Agadez befindet sich ein ziviler Flughafen, der Mano-Dayak-Flughafen Agadez (IATA-Code: AJY, ICAO-Code: DRZA).[18]

In Agadez gibt es 56 Grundschulen, davon sind sieben Privatschulen. Auf einen Grundschullehrer kommen durchschnittlich 38 Schüler (landesweit 39).[19] Agadez ist der Sitz eines Tribunal de Grande Instance, eines der landesweit zehn Zivilgerichte der ersten Instanz.[20]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Barth: 1857–1858: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849–1855. 5 Bände, Gotha 1855–1858 (Nachdruck Saarbrücken 2005: hier: Bd. 1 ISBN 3-927688-24-X)
  • Gerd Spittler: Dürren, Krieg und Hungerkrisen bei den Kel Ewey (1900–1985). Franz Steiner, Stuttgart 1989 (Monographie).
  • Karl Rolf Seufert: Die Karawane der weißen Männer. Freiburg 1961.
  • Aboubacar Adamou: Agadez et sa région. Contribution à l’étude du Sahel et du Sahara nigériens (= Études Nigériennes. Nr. 44). IFAN, Paris 1979.
  • Dorothee Gruner: Die Lehmmoschee am Niger. Dokumentation eines traditionellen Bautyps. Franz Steiner, Stuttgart 1990, ISBN 3-515-05357-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Agadez – Sammlung von Bildern
 Wiktionary: Agadez – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Répertoire National des Localités (ReNaLoc). Institut National de la Statistique, République du Niger, Juli 2014, abgerufen am 7. August 2015 (RAR, französisch).
  2. Edmond Séré de Rivières: Histoire du Niger. Berger-Levrault, Paris 1965, S. 70.
  3. Historique de la décentralisation au Niger (PDF; 93 kB). Website des Programme nigéro-allemand de lutte contre la pauvreté dans les zones de Tillabéri et Tahoua-Nord, veröffentlicht im Mai 2008, abgerufen am 21. Januar 2012.
  4. Situation des besoins des populations victimes d’inondations (2009). Website des Centre d’Information et de Communication, veröffentlicht am 22. September 2009, abgerufen am 31. März 2012.
  5. SPIEGEL ONLINE: Die Gestrandeten von Agadez, abgerufen am 23. Januar 2013.
  6. Jens Borchers: "Das Geschäft mit afrikanischen Migranten" deutschlandfunk.de vom 23. Januar 2016
  7. a b Aboubacar Adamou: Entre l’Afrique au nord et au sud du Sahara. La ville d’Agadez entre hier et aujourd’hui. In: Nadir Marouf (Hrsg.): Les identités régionales et la dialectique Sud-Sud en question. CODESRIA, Dakar 2007, ISBN 2-86978-195-4, S. 18.
  8. Répertoire National des Communes (RENACOM). Institut National de la Statistique, République du Niger, abgerufen am 8. November 2010 (RAR, französisch).
  9. unesco.org Mitteilung der 37. Session des World Heritage Committee (englisch), abgerufen am 24. Juni 2013
  10. Aboubacar Adamou, Agadez et sa région, S. 60 f. (s. Lit.)
  11. a b c d e f Dorothee Gruner, Die Lehmmoschee am Niger, S. 364 ff. (s. Lit.)
  12. Dorothee Gruner, Die Lehmmoschee am Niger, S. 60 (s. Lit.)
  13. Heinrich Barth, Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849–1855, Band 1, S. 493 (s. Lit.)
  14. Saint Augustin Agadez. Eglise Catholique au Niger, abgerufen am 1. Juli 2015 (französisch).
  15. Heinrich Barth, Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849–1855, Band 1, S. 351, 425 und 580 (s. Lit.)
  16. Gerd Spittler, Dürren, Krieg und Hungerkrisen, S. 7 ff. (s. Lit.)
  17. Jochen Stahnke: Fernschmerz. Die Flucht durch die Staaten Afrikas bis hin nach Europa ist vor allem eins: ein ausgeklügeltes Geschäft, mit dem viele am Leid der Flüchtenden verdienen. Eine Spurensuche in Niger. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Mai 2015, S. 3.
  18. Airports in Niger. Website Aircraft Charter World, abgerufen am 23. Januar 2012.
  19. Statistiques de l’éducation de base. Annuaire 2009–2010 (PDF; 19,1 MB). Website des nigrischen Unterrichtsministeriums, veröffentlicht im September 2010, abgerufen am 14. Februar 2012.
  20. Bachir Talfi: Note sur l’organisation judiciaire. Website des nigrischen Justizministeriums, abgerufen am 24. September 2012.