Loss Given Default

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Loss Given Default (LGD; deutsch: Verlustquote bei Kreditausfall) ist im Bankwesen ein bankenaufsichtsrechtlicher Risikoparameter zur Messung der Kreditrisiken.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem LGD gibt es als Risikoparameter noch die Ausfallwahrscheinlichkeit (PD) und die Kredithöhe zum Zeitpunkt des Ausfalls (Forderungshöhe bei Ausfall sämtlicher Risikopositionen für einen Schuldner; EaD). Diese Parameter wurden erstmals im Januar 2007 in allen EU-Mitgliedstaaten eingeführt, in Deutschland durch die Solvabilitätsverordnung. Deren aufsichtsrechtliche Funktion hat seit Januar 2014 die ebenfalls in allen EU-Mitgliedstaaten geltende Capital Requirement Regulation (CRR) (Richtlinie 2013/575/EU) übernommen. Sie sieht für diese Parameter Legaldefinitionen vor. Danach handelt es sich beim LGD um „die Höhe des Verlusts an fälligen Risikopositionen bei Ausfall der Gegenpartei, gemessen am Betrag der zum Zeitpunkt des Ausfalls ausstehenden Risikopositionen“ (Art. 4 Abs. 1 Nr. 55 CRR). Alle drei sind hypothetische Größen, die auf stochastischen Wahrscheinlichkeiten beruhen.

Umfang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter „Verlust“ ist nach Art. 5 Abs. 2 CRR der wirtschaftliche Verlust einschließlich „wesentlicher Diskontierungseffekte sowie wesentlicher direkter und indirekter Kosten der Beitreibung“ zu verstehen. Zum „wirtschaftlichen Verlust“ gehören:

Dieser Verlust ist im Zeitpunkt der Ermittlung des LGD noch nicht eingetreten, es geht mithin um einen in der Zukunft liegenden und deshalb zu prognostizierenden Forderungsverlust. Beim LGD sind weder die Verlusthöhe noch der Zeitpunkt des Kreditausfalls zum Berechnungszeitpunkt bekannt. Der Ausfall wird nach Art. 178 CRR als gegeben angesehen, wenn es unwahrscheinlich ist, dass der Schuldner seine Verbindlichkeiten in voller Höhe begleichen wird oder eine wesentliche Verbindlichkeit des Schuldners mehr als 90 Tage überfällig ist.

Zwischen dem LGD und der Rückzahlungsquote (Recovery Rate; ) besteht ein Komplementärverhältnis:

Je geringer mithin der LGD ist, umso höher ist die Rückzahlungsquote. Da in der Rückzahlungsquote die Verwertungserlöse etwaiger Kreditsicherheiten berücksichtigt sind, sagt der LGD letztlich aus, welchen Kreditausfall ein Kreditinstitut nach Verwertung der Kreditsicherheiten voraussichtlich erzielen wird. Um keinen Kreditausfall hinnehmen zu müssen, ist das Wertschwankungsrisiko von Kreditsicherheiten durch eine vorsichtige Sicherheitenbewertung zu eliminieren.

Berechnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der LGD wird anhand eigener historischer, vergleichbarer Verlustdaten pro Ratingstufe berechnet. Die Schätzung des LGD muss auf derselben Definition des Ausfallereignisses beruhen wie die Prognose der PD.[1] Die unterschiedlichen LGDs werden sodann den einzelnen Ratingstufen zugeordnet (kalibriert). Das beste Rating weist deshalb einen LGD von 0 % auf, das schlechteste entsprechend den höchsten LGD-Wert von 100 %. Anstelle eigener Verlustdaten können im Rahmen der Market-LGD auch die Daten ausgefallener Anleihen oder anderer marktfähiger Kredite herangezogen werden.[2] Dann errechnet sich der LGD als Quotient aus dem Expected Loss und dem EaD:

Hierin gelten:
ist der Loss Given Default
ist der Expected Loss und
ist das Exposure at Default

Der LGD ist damit der prozentuale Anteil des EaD, der bei Kreditausfall nicht an die Bank zurückfließt.[3] Ein LGD gibt den Teil des EaD an, der uneinbringlich ist. Nach Art. 181 CRR ist im LGD ein Konjunkturabschwung, eine wesentliche positive Korrelation zwischen dem Kreditrisiko des Schuldners und einer Kreditsicherheit und eine Währungsinkongruenz zwischen Kredit und Kreditsicherheit zu berücksichtigen.

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kreditinstitute, die beim Rating den Kreditrisiko-Standardansatz oder den IRB-Basisansatz wählen, bekommen den LGD von der Bankenaufsicht als Standardwert - wie auch die Kredithöhe zum Zeitpunkt des Ausfalls (EaD) - vorgegeben.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zur Ausfallwahrscheinlichkeit kann der LGD für mehrere Kredite gegenüber demselben Kreditnehmer unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob sie unbesichert oder besichert sind. Kredite gegen Kreditsicherheiten mindern den LGD-Wert, weil sie das Kreditrisiko des Kreditgebers reduzieren.[4] Deshalb gibt es für Kreditnehmer keinen einheitlichen LGD, sobald mehrere voneinander unterscheidbare Kredite gewährt werden. Die Kreditlaufzeit wird im IRB-Basisansatz einheitlich mit 2,5 Jahren vorgegeben (Art. 162 Abs. 1 CRR).

Blankokredite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Blankokredite gegenüber demselben Kreditnehmer können zu unterschiedlichen LGDs führen, wenn sie verschiedene Rangstellen aufweisen. Vorrangige Blankokredite („senior debt“) erhalten einen LGD von 45 % (Art. 161 Abs. 1a CRR), nachrangige Blankokredite im Rahmen der Mezzanine-Finanzierung („junior debt“) 75 % (Art. 161 Abs. 1b CRR).

Kreditsicherheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im IRB-Basisansatz werden Kreditsicherheiten über eine Reduzierung des LGD angerechnet. Bei anerkannten finanziellen Sicherheiten wird der LGD für den abgesicherten Kreditteil auf 0 % verringert. Für die übrigen Sicherheiten gibt es eine Absenkung des LGD bis 35 % (Forderungsabtretungen und Realkredite) oder 40 % (sonstige Sicherheiten), wobei eine Übersicherung von 125 % (Forderungsabtretungen) bzw. 140 % des Kreditbetrags (Realkredite und sonstige Sicherheiten) erforderlich ist. Bei Bürgschaften/Garantien und Kreditderivaten (als Sicherungsnehmer) wird dem besicherten Kredit das niedrigere Risiko des Sicherungsgebers zugeordnet (Substitutionsprinzip, Bürgensubstitution).[5]

Kredite, bei denen das Verhältnis vom Wert (= Beleihungswert) der Sicherheiten zum Nominalbetrag des Kredits unter die Schwelle von 30 % (= reziproker Beleihungsauslauf ) fällt, wird der LGD für unbesicherte Kredite bzw. bei nicht-anerkennungsfähigen Sicherheiten in Höhe von 50 % zugeordnet, weil die Verwertungskosten die Verwertungserlöse übersteigen könnten. Kredite, bei denen das Verhältnis vom Wert der Sicherheiten zum Nominalbetrag des Kredits zwischen 30 % und 140 % liegt, wird ein LGD von ebenfalls 50 % zugeordnet. Kredite, bei denen das Verhältnis vom Wert der Sicherheiten zum Nominalbetrag des Kredits 140 % übersteigt, erhalten einen LGD in Höhe von 40 %.[6] Es gilt

Je höher der Beleihungswert einer Kreditsicherheit ist, umso geringer ist der reziproke Beleihungsauslauf und damit der LGD.

Für Gewerbe- und Wohnimmobilien gelten abweichende Regelungen. Wohnimmobilien im Mengengeschäft sind mit einem LGD von 10 % und Gewerbeimmobilien von 15 % angesetzt (Art. 164 Abs. 4 CRR).

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Parameter LGD erhält zunehmende regulatorische Aufmerksamkeit, da er speziell bei Immobilienfinanzierungen von großer Bedeutung ist. So genannte Erlösquotenschätzer gelten als Best Practice für die Berechnung der LGD-Parameter für die unterschiedlichen Segmente (Standardisiertes Privatkundengeschäft, Hypothekendarlehen und Unternehmensfinanzierungen). Die Erlösquotenschätzer bestimmen Erlöse und Verluste etwa für Immobilienfinanzierungen aus Einflussgrößen wie der wirtschaftlichen Kraft nahegelegener Agglomerationen, der Infrastruktur und Erreichbarkeit (öffentlicher Nahverkehr, Anbindung), der Quadratmeterzahl, dem Standard, dem regionalen Freizeitwert usw.

Zeitabhängige Erlöse und Kosten werden dann in Relation zum EAD gesetzt. Zunehmendes Gewicht wird speziell auf die Zeitabhängigkeit von LGD-Schätzungen gelegt, was insbesondere im Licht von IFRS 9 relevant ist (laufzeitabhängige PD- und LGD-Werte). Mit dem sich ändernden Beleihungswert in der Mobilien- und Immobilien-Finanzierung ändert sich auch der LGD und damit die für die Bank zu hinterlegenden Eigenmittel.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Til Schuermann, What Do We Know About Loss Given Default?, in: David Shimko, Credit Models and Management, 2004, S. 254
  2. Til Schuermann, a.a.O., S. 249 ff.
  3. Michael K Ong, Internal Credit Risk Models: Capital Allocation and Performance Measurement, 2000, S. 63
  4. Jochen Kienbaum/Christoph J. Börner, Neue Finanzierungswege für den Mittelstand, 2003, S. 125
  5. Deutsche Bundesbank, Neue Eigenkapitalanforderungen für Kreditinstitute, Monatsbericht September 2004, S. 84
  6. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, Die neue Basler Eigenkapitalvereinbarung, Januar 2001, Absatz 209-212, S. 45