Lučina (Nemanice)

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Lučina
Lučina führt kein Wappen
Lučina (Nemanice) (Tschechien)
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Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Plzeňský kraj
Bezirk: Domažlice
Gemeinde: Nemanice
Fläche: 1437,6198[1] ha
Geographische Lage: 49° 26′ N, 12° 41′ OKoordinaten: 49° 26′ 0″ N, 12° 40′ 51″ O
Höhe: 650 m n.m.
Einwohner: 0 (1. September 2016)
Postleitzahl: 345 36

Lučina (deutsch: Grafenried) ist eine Wüstung in der Gemeinde Nemanice im westböhmischen Okres Domažlice in Tschechien.

Infotafel bei Untergrafenried

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lučina befand sich nahe der deutschen Grenze westlich von Nemanice.[2] Westlich von Lučina erhebt sich der 677 Meter hohe Křížový vrch, östlich der 720 Meter hohe Nad zámečkem und nördlich der 689 Meter hohe Skalka (deutsch Steinfels). Südlich von Lučina entspringt der Mühlbach, der nach Süden fließt, ab Untergrafenried Föhrenbach heißt und bei Bablsäge in die Schwarzach mündet.[3] Vom deutschen Ort Untergrafenried führt ein Wanderweg direkt zu der nahe gelegenen Wüstung.[4][5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

13. bis 16. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grafenried (auch: Grauenrieth, Grauenreith) wurde 1282 im Urbarium von Niederbayern erstmals erwähnt.[6] Seine Gründung geht auf die Zeit um 950 zurück. Es gehörte zum Pflegamt Waldmünchen.[6]

Grafenried lag auf der Grenze zwischen Böhmen und Bayern und hatte seit seiner Gründung unter den Kämpfen um diese Grenze zu leiden. Es wurde mehrfach zerstört und wieder aufgebaut.[6]

Aus dem Jahr 1567 gibt es einen Bericht des Grafenrieder Pflegers Hans von Lampach, der von 60 Herdstätten und großer Armut spricht.[6]

17. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pfleger Wolf Pelkhofer berichtete 1631 über einen Georg Thomas von Schönlündt, der 1541 nach Grafenried kam, um eine Glashütte aufzubauen.[6] Die Kinder dieses Georg Thomas von Schönlündt verkauften die Grafenrieder Glashütte 1580 an Georg Pelkhofer von Mooswang.[6] Er vergrößerte den Besitz und übergab einen Teil davon 1613 seinem Sohn Wolf Eytl Pelkhofer für 5000 Gulden.[6] Zwei Glashütten und mehrere Wiesen und Felder behielt er für sich.[6]

Infolge der Gegenreformation musste der kalvinische Wolf Eytl Pelkhofer von Mooswang seinen Besitz verlassen. Als er 1634 mit den Schweden zurückkehrte, plünderten diese Grafenried total aus.[6]

Nach seinem Tod im Jahr 1635 wurde seine Witwe Anna Margaretha Pelkhofer, geb. Stuißin von Görnitz Besitzerin von Grafenried. Diese verkaufte 1637 Grafenried an den Glashüttenmeister von St. Katharina in Böhmen Georg Gerl.[6]

Grafenried Brauerei

Georg Gerl siedelte 1656 Untertanen in Grafenried an und baute das Brauhaus wieder auf. Seine Tochter Maria und ihr Mann Georg Werner, Glashüttenmeister von Schönau, übernahmen 1667 den Besitz. Nach dem Tod ihres Mannes 1677 übergab Maria den Besitz 1680 ihrem dritten Sohn Hanuß Thomas Werner.[6]

1688 gab es in Grafenried eine Kapelle.[6]

Für 400 Gulden kaufte Werner 1697 für sich und alle zukünftigen Besitzer von Grafenried die Landsassenfreiheit.[6]

18. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1708 kam Grafenried auf Grund einer veränderten Grenzziehung zu Böhmen. Da zu Grafenried sowohl Besitzungen in der Oberpfalz als auch in Böhmen gehörten, waren seine Besitzer sowohl königlich böhmische als auch kurfürstlich oberpfälzische Landsassen.[6]

Franz Xaver Werner, Sohn von Hanuß Thomas Werner, übernahm 1713 den Besitz von Grafenried. Kaiser Karl VI. verlieh 1718 der Familie Werner den Reichsfreiherrnstand.[6]

Ab 1740 wurde in Grafenried auf Initiative der Familie Werner Schulunterricht erteilt. Ab 1750 bezahlte die Familie Werner einen Schlosskaplan, der ab 1753 an Sonn- und Feiertagen in der Grafenrieder Kirche die hl. Messe feiern durfte.[6]

Franz Xaver Werner war verheiratet mit Barbara Rebekka Voith von Voithenberg. Deren Tochter Anna Katharina war verheiratet mit Otto Heinrich Müller von Altammerthal und Fronhofen. Sie verwaltete das Gut von 1764 bis zu ihrem Tod 1796.[6]

Grafenried Georgskirche

1786 ließ Anna Katharina eine neue Kirche erbauen. In dieser Kirche befand sich das Bild der Schönen Maria von Grafenried.[6]

1789 hatte Grafenried 24 Häuser.[6]

19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josef Freiherr Voith von Voithenberg auf Herzogau heiratete 1801 die älteste Tochter der Anna Katharina. Er übernahm Grafenried von Christof Freiherr von Wiedersperg, der das Gut als Vormund der Töchter der Anna Katharina zwischenzeitlich verwaltet hatte.

1808 wurde Grafenried Pfarrei.[6]

1839 hatte Grafenried 31 Häuser und 305 Einwohner.[6]

Josef Reichsfreiherr Voith von Voithenberg, Sohn von Josef Freiherr Voith von Voithenberg, übernahm Grafenried 1842 und verkaufte es 1872 an den tschechischen Grafen Belcredi, Gutsbesitzer in Mcel, für 205000 Gulden.[6]

1874 gab es in Grafenried 78 Bauern und Häusler. Sie bildeten eine Genossenschaft. Diese Genossenschaft der Grafenrieder Bauern und Häusler kaufte 1874 Grafenried für 146000 Gulden. Sie erwarben das Schloss, um es als Schule zu nutzen. In diese Schule gingen außer den Grafenrieder Kindern auch die Kinder von Anger, Dietlhof, Seeg und den umliegenden Einöden. 1876 teilten die Mitglieder der Genossenschaft das Gut unter sich auf.[6]

Eine Gendarmeriestation gab es in Grafenried ab 1880. 1883 wurde die Grafenrieder Freiwillige Feuerwehr gegründet.[6]

Grafenried Ortsplan

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1913 hatte Grafenried 38 Häuser und 289 Einwohner. Die Freiwillige Feuerwehr hatte 84 Mitglieder, der Land- und Forstwirtschaftliche Verein 28 Mitglieder und der Gesangsverein 25 Mitglieder.[6]

Im Rahmen der Sudetenkrise wurde Grafenried 1938 wieder nach Bayern eingegliedert.[6]

1930 hatte Grafenried 41 Bauernhöfe. Seine Einwohner waren: 231 Deutsche, 14 Tschechen und 2 Ausländer. Es gab in Grafenried eine Kirche, ein Schloss, eine Brauerei und einen Friedhof.[5]

1939 hatte Grafenried zusammen mit Anger, Seeg und Haselberg 147 Häuser und 800 Einwohner.[6]

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte es zur Tschechoslowakei.[6] 1950 mussten die Bewohner von Grafenried das Dorf verlassen. Es wurde in den Bau von Grenzbefestigungsanlagen einbezogen und seine Häuser wurden zerstört.[7] Die Kirche zum Hl. Georg blieb noch bis 1970 erhalten. Sie stand unter tschechischem Denkmalschutz. Trotzdem wurde sie 1970 abgerissen.[8]

Grafenried Ausgrabungen

21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2011 begannen interessierte tschechische und deutsche Heimatforscher und Hobby-Archäologen damit, Grafenried auszugraben und Informationstafeln aufzustellen. Diese Tätigkeit hält bis heute (2017) an. Inzwischen haben sich die Ausgrabungen von Grafenried zu einer Touristenattraktion entwickelt. Das Tourismusbüro von Waldmünchen bietet geführte Wanderungen durch das Ausgrabungsgelände an.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Liebl, Franz u. a. (Hrsg.): Unser Heimatkreis Bischofteinitz mit den deutschen Siedlungen im Bezirk Taus. Furth im Wald 1967.
  • Zdeněk Procházka: Auf den Spuren der verschwundenen Dörfer des Böhmischen Waldes - Tauser Teil. Übersetzung ins Deutsche: A. Vondrušová, Verlag Nakladatelství Ceského lesa Domažlice.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Lučina (Nemanice) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.uir.cz/katastralni-uzemi/702889/Lucina-u-Nemanic
  2. http://www.bayerischer-wald-ganz-oben.de/de/kultur-und-brauchtum/ausfluege-cz/die-verschwundenen-doerfer-im-boehmerwald.html
  3. Lučina - Grafenried
  4. http://www.waldmuenchen.de/de/poi/detail/100006016
  5. a b Zdeněk Procházka: Auf den Spuren der verschwundenen Dörfer des Böhmischen Waldes - Tauser Teil. Übersetzung ins Deutsche: A. Vondrušová, Verlag Nakladatelství Ceského lesa Domažlice.
  6. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z aa ab Josef Bernklau nach Josef Vogl: Grafenried. In: Franz Liebl, Heimatkreis Bischofteinitz (Hrsg.): Unser Heimatkreis Bischofteinitz. Brönner & Daentler, Eichstätt 1967, S. 242–245.
  7. http://www.zanikleobce.cz/index.php?detail=1439591
  8. a b http://www.ostbayern-tourismus.de/Media/Attraktionen/Verschwundene-Doerfer-im-Boehmerwald