Lucius Calpurnius Piso (Konsul 27)

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Lucius Calpurnius Piso (bis 20 n. Chr. Gnaeus Calpurnius Piso) war ein römischer Politiker und Senator des 1. Jahrhunderts n. Chr. aus dem Geschlecht der Calpurnier.

Pisos Vater war Gnaeus Calpurnius Piso, Konsul des Jahres 7 v. Chr., seine Mutter Munatia Plancina. Sein jüngerer Bruder war Marcus Calpurnius Piso. Das Geburtsjahr muss wohl vor dem Jahr 16 v. Chr., da Piso mit dem Konsulat 27 n. Chr. ein Amt bekleidete, für das ein Mindestalter von 43 Jahren galt.

Der Vater wurde im Jahr 20 n. Chr. des Hochverrates angeklagt, da Germanicus, mit dem er heftige Differenzen gehabt hatte, eines ungeklärten Todes gestorben war. Vor einer Verurteilung nahm er sich das Leben, bat jedoch Kaiser Tiberius darum, seine Söhne zu schonen, unter anderem mit der Begründung, Gnaeus habe sich während der gesamten fraglichen Zeit in Rom aufgehalten. Der folgende Prozess verlief eher zu Ungunsten der Calpurnii; so schlug der Konsul M. Aurelius Cotta Maximus Messalinus vor, die Hälfte des Erbes in die Staatskasse einzuziehen, die andere Hälfte an den Sohn Gnaeus auszubezahlen und Marcus zu verbannen.[1] Dieser Vorschlag wurde in verschiedenen Punkten vom Kaiser abgemildert;[2] dem folgenden Senatsbeschluss, dem Senatus consultum de Gnaeo Pisone patre zufolge musste der ältere Sohn jedoch seinen Namen in Lucius ändern. Offiziell war dies nur eine Empfehlung des Senats, damit er sich von seinem Vater abgrenze, jedoch wurde Gnaeus insofern zur Annahme gedrängt, als man ihn bereits im Senatsbeschluss konsequent als „Lucius“ bezeichnete.[3]

Pisos Karriere tat die Verurteilung seines Vaters jedoch keinen Abbruch: 18 n. Chr. war er Quaestor des Kaisers, was wohl auch die Erklärung dafür bietet, dass er seinen Vater nicht nach Syrien begleitete und damit nicht direkt an den Wirren um den Tod des Germanicus beteiligt war. Im Jahr 27 gelangte er zum ordentlichen Konsulat. Von spätestens 36 bis 38/39 war er schließlich Stadtpräfekt.[4] Höchstwahrscheinlich 39/40 war er Proconsul von Africa. Die Übernahme dieses Amtes ließ Kaiser Caligula befürchten, Piso könne eine zu mächtige Position einnehmen und gegen ihn revoltieren.[5] Daher unternahm er eine Verwaltungsreform, die einer faktischen Teilung der Provinz gleichkam: Der Oberbefehl über die Legio III Augusta wurde dem Proconsul entzogen und einem kaiserlichen Legaten übertragen, der in dem von seinen Truppen besetzten Gebiet auch zivile Verwaltungsaufgaben übernahm und von Piso und seinen Nachfolgern unabhängig war.[6] Im Anschluss an die Amtszeit in Africa wurde Piso Statthalter von Dalmatien.

Piso war verheiratet mit Licinia, der Schwester seines Amtskollegen als Konsul von 27, Marcus Licinius Crassus Frugi, und Tochter des Konsuls von 14 v. Chr. gleichen Namens. Sohn von Piso und Licinia war Lucius Calpurnius Piso, Konsul im Jahr 57. Aus dem Senatsbeschluss, der sich an den Prozess gegen seinen Vater Piso den Älteren anschloss, ist außerdem eine Calpurnia Cn. Pisonis filia (Calpurnia, Tochter des Gnaeus Piso) bekannt, von der nicht sicher ist, ob sie Tochter des älteren oder des jüngeren Namensträgers ist, ob sie also als Schwester oder als Tochter des Konsuls von 27 n. Chr. zu sehen ist. Während Eck, Caballos und Fernández für zweitere Variante plädierten,[7] widerlegte sie Platschek 2009 in einem Aufsatz.[8]

Quellen[Bearbeiten]

Eine Schilderung der Ereignisse des Jahres 20 n. Chr. findet sich in den Annalen des Historikers Publius Cornelius Tacitus.[9] Außerdem taucht Piso in einigen Inschriften auf.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tacitus, Annalen, 3,17,4.
  2. Robin Seager: Tiberius (Blackwell Ancient Lives). 2. Ausgabe, Blackwell Publishing 2005, S. 98 f.
  3. Johannes Platschek: Römisches Recht in Bronze. Der Senatsbeschluss de Cn. Pisone patre als Quelle des römischen Familien- und Erbrechts. In: forum historiae iuris. 2009, ISSN 1860-5605, Abs. 9 f. (PDF).
  4. Belegt in Flavius Josephus, Jüdische Altertümer IX,169.
  5. Cassius Dio, Römische Geschichte LIX,20,7.
  6. Hans-Georg Kolbe: Die Statthalter Numidiens von Gallien<sic!> bis Konstantin (= Vestigia. Beiträge zur alten Geschichte, Bd. 4). C. H. Beck, München 1962, S. 1.
  7.  Werner Eck, Antonio Caballos, Fernando Fernández: Das Senatus consultum de Cn. Pisone patre (= Vestigia. Bd. 48). Beck, München 1996, ISBN 3-406-41400-1.
  8. Johannes Platschek: Römisches Recht in Bronze. Der Senatsbeschluss de Cn. Pisone patre als Quelle des römischen Familien- und Erbrechts. In: forum historiae iuris. 2009, ISSN 1860-5605, Abs. 4–8 (PDF).
  9. Tacitus, Annalen 3,16 f. Außerdem wird Lucius Calpurnius Piso genannt in ebd. 4,62, wo sein Konsulat jedoch nur zur Datierung eines Ereignisses erwähnt wird.
  10. CIL 2, 2633; CIL 5, 4919; CIL 6, 251; CIL 5, 4920