Müller-Lyer-Illusion

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Die obere waagerechte Linie erscheint kürzer als die untere

Die Müller-Lyer-Illusion, auch Müller-Lyer-Täuschung, ist eine sehr bekannte geometrisch-optische Täuschung. Sie wurde 1889 von dem deutschen Psychiater und Soziologen Franz Müller-Lyer (1857–1916) entdeckt.[1]

Das Phänomen: Eine Linie zwischen zwei spitzen Winkeln erscheint deutlich kürzer als eine gleich lange Linie, bei der die Pfeilspitzen umgekehrt sind.[2] Für diese Täuschung existiert bis heute keine einhellige Erklärung.

  • Eine mangelhafte Koordinierung zwischen Gehirn und Augen stellt einen weiteren Erklärungsansatz für die Täuschung dar.
  • Eine weitere Erklärung ist, dass die Konstrukte unbewusst als räumliche Objekte interpretiert werden, etwa als ausgebauchtes bzw. eingeschnürtes Gefäß, wobei die Mittellinien unbewusst den Längen der Ober- bzw. Unterkanten angenähert werden.
  • Die Linie wird durch die sie berührenden Pfeile gleichsam gedehnt (oben). Löst man diese Verbindung, wird sie scheinbar kürzer; und noch kürzer, wenn die Pfeilspitzen gegen die Mitte vorrücken.
    Die Täuschung kann auch als Kontexteffekt interpretiert werden, bei dem die wahrgenommene Länge der Linie in Wechselwirkung tritt mit dem subjektiv wahrgenommenen Abstand der Pfeile.[3] Die Pfeile mit den drei Winkeln, die sie einschließen, bilden Quellen erhöhter geometrischer Information, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Allerdings muss der Abstand dieser Informationsschwerpunkte nicht genau mit der Länge der Linie übereinstimmen, selbst wenn die Pfeile direkt an der Linie ansetzen. Wie stark diese Diskrepanz ist, hängt von der Ausführung der Pfeile ab. Da andererseits Linie und Pfeile auch eine Wahrnehmungseinheit bilden, können sie einander beeinflussen. Dieser Einfluss wird deutlich, wenn man diese Einheit auflöst: Im Bild rechts erscheint die Linie mit den unmittelbar anschließenden, nach innen gerichteten Spitzen (oben) länger als wenn Lücken gelassen werden und das Target weitgehend für sich allein betrachtet werden kann (Mitte). Noch kürzer erscheint sie, wenn die Pfeile gegen das Zentrum vorrücken und der Abstand der Informationsschwerpunkte deutlich kleiner wird als die Länge der Linie. Eine Möglichkeit, die eigene Fähigkeit der Linienlängeneinschätzung zu testen, findet sich bei Bach.[4]

Der Evolutionswissenschaftler Joseph Henrich und seine Kollegen zeigten 2010 in einer kulturvergleichenden Studie, dass die Täuschung nur bei Menschen auftritt, in deren Lebensalltag überhaupt gerade Linien vorkommen. Für Menschen des San-Volkes besteht die Täuschung nicht und für viele andere Gruppen über die ganze Welt verteilt ist der Effekt nur minimal. Am stärksten nehmen die Täuschung Menschen des westlichen Kulturkreises wahr.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Franz Müller-Lyer: Optische Urteilstäuschungen. Archiv für Physiologie Suppl. 263–270, 1889.
  2. B. Lingelbach: Die Müller-Lyer-Täuschung. 2013.
  3. W. A. Kreiner: Ingoing versus outgoing wings. The Müller-Lyer and the mirrored triangle illusion. 2012. doi:10.18725/OPARU-2594
  4. M. Bach: Müller-Lyer-Täuschung.
  5. Thomas Widlok, Niclas Burenhult: Sehen, riechen, orientieren. Spektrum der Wissenschaft, Juli 2014, S. 78.