M-87 Orkan

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Museumsexponat des M-87 Orkan in Vukovar, Kroatien

Das M-87 Orkan ist ein in den 1980er-Jahren von den Streitkräften Jugoslawiens im Vojno Tehnički Institut (VTI) entwickeltes und vom Irak finanziertes halbautomatisches großkalibriges Mehrfachraketenwerfer-System, das trotz nur weniger produzierter Exemplare während der Kriege in Jugoslawien und im Irak zum Einsatz kam. Mit der Nutzung von Cluster-Munition war er zur Bekämpfung von größeren Truppenkonzentrationen sowie Flächenzielen konzipiert.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die Jugoslawische Volksarmee 1977 mit dem M-77 Oganj einen aus dem sowjetischen Grad-System technisch weiterentwickelten Mehrfachraketenwerfer bekommen hatte, entstanden 1980 Pläne für einen Raketenwerfer, der Ziele auf Entfernungen von 50 km bekämpfen konnte. Die Aufgabe wurde wiederum an Obrad Vučurović, der lange Jahre der Leiter des Raketensektors des Militärtechnischen Institutes (VTI) in Belgrad und Professor der Fakultät für Maschinenbau in Belgrad sowie der Militärakademie war, übertragen.[1] Die jugoslawischen Entwickler fanden im Irak einen Interessenten, der die Entwicklungskosten tragen konnte, jedoch auch am brasilianischen ASTROS II Interesse zeigte. Beide Systeme wurden daher bei Testläufen 1987 im Irak miteinander verglichen. Der Irak entschied sich für beide Systeme, die später als Ababil-50 und Sajil-60 in lizenzierten Versionen im Land selbst hergestellt werden sollten. Neben der finanziellen Ausstattung stellte der Irak auch die Erprobungsgelände für die Hauptphase der Waffensystemprüfung, die neben den jugoslawischen Testgeländen in Nikinci, Platamuni (Halbinsel Prevlaka) und insbesondere Krivolak hauptsächlich in Wüstengebieten des Golfstaates durchgeführt wurden. Daneben beteiligte sich der Irak auch mit personellem Einsatz an der Entwicklung. So weilten Anfang der 1980er-Jahre wesentliche Persönlichkeiten des irakischen Raketenprogramms unter Saddam Hussein in Jugoslawien.[2] Als prominentester war darunter Amir Hamudi Hasan al-Sadi, ein späterer Militärberater von Saddam Hussein sowie der Sohn des einflussreichen Generals Hossam Mohammed Amin, dem Direktor der Militärindustrie des Irak. Der Irak hatte in einer ersten Tranche vier Batterien zu jeweils vier Werfern sowie 4000 Raketen bestellt. Der erste Prototyp war 1985 bereit.[3] Das System wurde erstmals 1987 vorgestellt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Golfkrieges wurden nur wenige Einheiten produziert, eine erste Lieferung von einer Batterie erreichte den Irak 1989, zehn Systeme standen jedoch 1990 in der Produktionsstätte in Novi Travnik, als die UNO ein Embargo über den Irak verhängte.

Als weiterer Käufer des Systems hatten sich die Streitkräfte Kuweits nach Vergleichen mit amerikanischen, deutschen, russischen und chinesischen Systemen für das neu von Jugoslawien produzierte Orkan-System entschieden und die Verträge für 24 Batterien mit jeweils vier Werfern und pro Batterie 1000 Raketen noch 1990 unterzeichnet.[4] Der Kuwait-Krieg sowie das Auseinanderbrechen Jugoslawiens im Jahr 1991 brachten ein Ende der Produktion. Die ehemaligen jugoslawischen Volksrepubliken konnten das Orkan-System nur bedingt im Jugoslawienkrieg zum Einsatz bringen, da zwar die Endproduktion in Maschinenbauwerk „Bratstvo“ Novi Travnik in Bosnien stattfand, die Raketen jedoch nur bei „Pretis“ im Stadtteil Vogošča in Sarajewo sowie die tempierten Zündmechanismen für die Splittergefechtsköpfe bei „Krušik“ in Valjevo produziert wurden. Während Bratstvo von den kroatischen und später muslimischen Truppen kontrolliert wurde, war Pretis in der Hand der bosnischen Serben.[5] So befand sich auch nur ein vollständiges System im Jugoslawienkrieg bei den Krajina-Serben im Einsatz, das aus dem in der Artillerieschule der JNA in Zadar stationierten Prototyp bestand.[6] Dieses Orkan-System fand später Eingang in die Rechtsprechung der ICTY, da die Krajina-Serben es während der Rückeroberung der Ost-Krajina durch die kroatische Armee im Mai 1995 zu einem zweitägigen Beschuss Zagrebs einsetzten, der als Kriegsverbrechen geahndet wurde.[7]

Anfangs der 2000er-Jahre wurde die Entwicklung in Serbien bei Yugoimport-SDPR wieder aufgenommen, jedoch nur insoweit, als die im Technischen Prüfzentrum in Belgrad (TOC) gelagerten Rohre auf den obsoleten FROG-7-Fahrzeugen anstatt der eigentlichen FROG-Raketen montiert wurden.[3] Damit war nur noch die Armee der Bundesrepublik Jugoslawien mit einsatzbereiten Orkan-Systemen (als Orkan 2 bezeichnet) ausgestattet.[8]

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

M-87 Orkan II
  • M-87 Orkan: Initialversion mit zwölf Werferrohren auf einem Lkw FAP-2832[9]
  • M-87 Orkan II (M1996): Ad-hoc-Version aus Serbien mit vier Werferrohren auf einem Lkw ZIL-135 (9P113M2)[10]

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Orkan-Mehrfachraketentenwerfersystem ist ein hoch automatisiertes System, das bei seiner Indienststellung als eines der leistungsstärksten ungelenkten ballistischen Boden-Boden-Systeme galt, das mit 288 aus 1000 m Höhe an Fallschirmen herabfallenden Anti-Personen-Splittersprengköpfen oder 24 Anti-Panzer-Minen einen großflächigen Wirkkreis erreichte.[11] Das Besondere an dem System war eine für damalige Verhältnisse für eine ungelenkte Rakte mit einer Reichweite von 50 km erreichte geringe Abweichung. Sie wurde durch die hohe Anfangsgeschwindigkeit bei der Zündung eines Boosters in den Rohren, der die Rakete in 0,2 s auf 130 m/s beschleunigte sowie eine kamerakorrigierte Flugbahn erreicht. Das innovative System zeichnete sich zudem durch eine hohe Automatisierung mit einer zentral gesteuerten Pneumatik des Reifendrucks sowie die mittels Kran zugeführten Raketen aus. Die ersten drei Flugbahnen wurden durch die Aufnahme einer zwischen den Rohren angebrachten CCD-Kamera analysiert. Alle weiteren Raketen einer Salve wurden mit den gewonnenen Korrekturen abgefeuert. Da bei einem Anstellwinkel des Werferarms von 45° die höchste Präzision zu erreichen war, wurden die Raketen bei Einsätzen unterhalb der Maximalreichweite durch Bremsen gesteuert, jedoch immer aus der optimalen Schussposition abgefeuert. Diese Bremsen öffneten automatisch, wenn die Reichweiten weniger als 50 km betrugen. Eine hohe Komplexität haben auch die Zündmechanismen der Splitterbomben, die nur aktiviert werden, wenn die Rakete eine bestimmte Beschleunigung erreicht. In den Startrohren waren diese dadurch inaktiv. Ein Unfall mit einer Rakete wurde bisher nicht bekannt.

Das Werferfahrzeug der Initialversion ist ein Lastkraftwagen vom Typ FAP-2832. Auf dem Fahrzeug ist über der Hinterachse ein horizontal und vertikal schwenkbarer Werferarm installiert. Auf diesem sind in drei Lagen zwölf Werferrohre für die Raketen des Kalibers 262 mm angebracht. Die Raketen werden in Intervallen von je 5 Sekunden abgefeuert. Das manuelle Nachladen eines leeren Werfers mit einem Kran dauert rund 30 Minuten. Eine Batterie besteht aus vier Werferfahrzeugen, vier Nachladefahrzeugen mit je 28 Raketen, einem Befehlsstand mit Teldix-Navigationssystem, zwei Aufklärungsfahrzeugen, einem meteorologischem Beobachtungsfahrzeug sowie zwei Vermessungsfahrzeugen. Das Herstellen der Feuerbereitschaft dauert rund drei Minuten. Der Stellungsabbruch dauert rund eine Minute.[12] Ein Bataillon mit 16 Werferfahrzeugen deckt mit 192 Raketen eine Zielfläche von 3 bis 4 km² ein.[3] Ein Feuerleitrechnersystem konnte in Zusammenspiel mit der automatisierten zentralen Nivellierung der Raketenplattform aus der Kabine heraus und den Daten des meteorologischen sowie topographischen Wagens hohe Präzision garantieren. Eine Kamera lieferte aus den Abweichungen der ersten drei Raketen die Korrekturdaten für die Nivellierung des Werfers. Ein digitales Rechnersystem im Orkan (SUV – Sistem Upravljana Vatrom) war das erste das die Landstreitkräfte Jugoslawiens entwickelt hatten. Die Schulung der irakischen Artilleristen an dem Feuerleit-Rechnersystem des Orkan wurden in der Artillerieschule der JNA in Zadar durchgeführt.

Die 288 Splitterbomben mit einem Kaliber von 40 mm tragen jeweils 1000 Stahlkugeln. Sie werden an einem Fallschirm über dem Zielgebiet abgeworfen. Jede der Stahlkugeln hat einen letalen Radius von 10 m. Die 24 Anti-Panzer-Minen haben ein Kaliber von 105 mm mit einer Masse von jeweils 1,8 kg.

Allgemein hatte das jugoslawische System größtere Innovationen als vergleichbare Systeme der Großmächte im Kalten Krieg, da diese mehr in gelenkte Raketen investierten. Die jugoslawischen Ingenieure hatten aufgrund der technologischen Unterlegenheit bei gelenkten Raketen die verfügbaren militärtechnischen Ressourcen auf die Entwicklung von ungelenkten Systemen fokussiert. Als Doyen dieser Raketentechnik gilt Obrad Vučurović (Oganj-77, Orkan-87). Eine Weiterentwicklung der Orkan-Raketen ist die erstmals auf der „IDEX-2017“ in Abu Dhabi 2017 vorgestellte Jerina-Rakete mit 400 mm Durchmesser und 285 km Reichweite.[13] Ein Werferfahrzeug mit vier oder acht Rohren wurde zudem im Juni 2017 auf der „Partner-2017“ in Belgrad erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.[14] Das Raketenwerfersystem Šumadija wird auch die weiterentwickelten M-87-Raketen des Orkan-Systems von 267 mm Durchmesser und 70 km Reichweite nutzen.

Raketen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jugoslawische KB-1 ist Submunition von insgesamt 288 Bomblets des Orkan M-87

Die Raketen sind drall- und flügelstabilisiert und verfügen über ein Faltleitwerk am Raketenheck. Die Raketen haben ein Kaliber von 262 mm, sind je nach Typ 4,65 bis 4,90 m lang und wiegen 380 bis 404 kg.[15] Angetrieben werden sie von einem zweistufigen Feststoff-Raketentriebwerk. Dieses hat eine Brenndauer von 5 Sekunden und beschleunigt die Raketen auf eine Geschwindigkeit von rund 1.200 m/s. Nach dem Start beschreibt die Flugbahn der Raketen eine ballistische Kurve mit einem maximalen Apogäum von 22 km. Die maximale Schussdistanz von 50 km wird in 110 Sekunden zurückgelegt. Die minimale Schussdistanz beträgt 12 km.[12] Die maximale Streuung einer Raketensalve liegt bei 220 m in Flugrichtung und bei 175 m im Azimut.[3]

Die Bestände an Splittergefechtsköpfen KB-1 – den einzigen für das Orkan-System produzierten – wurden auf dem Territorium Bosniens und der Herzegowina mit dem Beitritt des Landes zur Anti-Kluster-Munition-Konvention am 7. September 2010 zerstört.[16] 500 M-87-Raketen wurden 2006 von Bosnien zur weiteren Zerstörung nach Georgien geliefert.[17] Die SFOR hatte im Rahmen des Programms zur Reduzierung der Waffenbestände in Bosnien und der Herzegowina zudem zahlreiche M-87-Raketen recycelt.[18] 27 in Kroatien verbliebene M-87-Raketen des Orkan sind aufgrund der ebenfalls erfolgten Unterzeichnung zur Vernichtung von Cluster-Munition bis 2018 zu entsorgen.[19] Ebenso wurden die verbliebenen Bestände im Irak durch das US Army Engineering and Support Centre unschädlich gemacht.[20] Unter den früheren jugoslawischen Republiken, die M-87-Orkan-Systeme besitzen oder besaßen, hat nur Serbien das Protokoll zur Zerstörung von Cluster-Munition nicht unterzeichnet.

Folgende Raketentypen sind bekannt:

Chemische Gefechtsköpfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orkan-Raketen wurden nach Angaben der ICG (International Crisis Group) von 2002 auf Wunsch des Irak auch in einer Variante mit chemischen Gefechtsköpfen weiterentwickelt.[21]

Nutzerstaaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erhaltene Exemplare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die IFOR 1996 die verbliebenen Orkan-Systeme aus der Bestellung des Irak im Bratstvoer Maschinenbauwerk beschlagnahmt hatte, die 1997 durch die SFOR auf dem Truppenübungsgelände von Glamoč zerstört wurden, verblieben nur noch wenige funktionierende Exemplare des Raketenwerfers. Die kroatischen Streitkräfte verfügten über zwei Exemplare, von denen einer heute als Ausstellungsstück in Vukovar im Museum zum Domovinski rat besichtigt werden kann. Alle weiteren original produzierten Orkan-Systeme sind heute ausgemustert.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vucurovic.com, Zugriff: 26. März 2013 (englisch)
  2. Interview mit Obrad Vučurović in der Odbrana, 69, 1. August 2008: 8–12 Istina o Orkanu
  3. a b c d rbase.new-factoria.ru, Zugriff: 26. März 2013 (russisch)
  4. ibid Odbrana, 69, Hier S. 9
  5. ibid Odbrana, 69, Hier S. 9
  6. ibid Odbrana, 69, Hier S. 9
  7. Transkript des ICTY Martic Case
  8. ibid Odbrana, 69, Hier S. 10
  9. Military-today.com, Zugriff: 26. März 2013 (englisch)
  10. Website serbischen Streitkräfte, Zugriff: 26. März 2013 (serbisch)
  11. ibid. Odbrana, 69 8–13
  12. a b Army-Guide.com, Zugriff: 26. März 2013 (englisch)
  13. Janes, 22. Februar 2017 IDEX 2017: Yugoimport unveils 'giant Grad' rocket
  14. RTS, 27. Juni 2017 "Партнер 2017" у знаку нових ракета и артиљерије
  15. Military-today.com, Zugriff: 26. März 2013 (englisch)
  16. Landmine and Cluster Munition Monitor, 31. Juli 2015 Bosnia and Herzegovina
  17. UN-Report on Export of Missiles Bosnia and Herzegovina
  18. Erwin Kauer: Weapons Collection and Destruction Programmes in Bosnia and Herzegovina. (PDF)
  19. Cluster Munition Ban Policy – Croatia.
  20. US Army Corps of Engineers: CAPTURED ENEMY AMMUNITION AND COALITION MUNITIONS CLEARANCE MISSION, 2003–2008 (PDF)
  21. ICG Balkans Report N°136, 3 December 2002 – Arming Saddam: the Yugoslav Connection Yugoslav connection
  22. Vojska Srbije, Kopnena Vojska naoruzanje – Orkan II [1]