Medicane

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Tief Qendresa (I), 7. Nov. 2014 12:10 (NASA/GSFC) mit kurzzeitiger Augenbildung; gut erkennbar jeweils wolkenfrei der Scirocco an der Vorderseite (Südosten), und die polare Kaltluft an der Rückseite (Nordwesten).
16. Januar 1995 (NOAA)

Medicane ist ein Kofferwort für ein tropensturmähnliches Sturmtief im Mittelmeerraum. Der Ausdruck setzt sich aus mediterran[ean] und Hurricane zusammen und wurde im Zusammenhang mit der genaueren Beobachtung von sturm- und vor allem niederschlagsreichen Wetterereignissen im Mittelmeerraum gebildet. Entstanden ist der Begriff in den 1980er Jahren, nachdem Mittelmeertiefs mit Phasen von spiralförmigen Wolkenstrukturen und wolkenfreien Zonen im Zentrum (Auge) auf Satellitenbildern entdeckt wurden. Diese troposphärischen Tiefdruckgebiete weisen sowohl außertropische als auch tropische Eigenschaften auf.

Entstehung und Prozesse[Bearbeiten]

Medicanes entstehen insbesondere im Herbst, indem Kaltluft aus den gemäßigten Breiten in Richtung Äquator strömt und in den höheren Luftschichten ein Cut-Off-Tief ausgebildet wird („außertropischer Prozess“). Bei den noch warmen Wassertemperaturen des Mittelmeers kondensiert die durch Verdunstung feuchte meernahe Luftmasse und bildet den Wolkenwirbel im Zuge der vom Höhentief verursachten Konvektion. Das Auge entsteht ähnlich wie in den Tropen durch die Abwärtsbewegung mit Wolkenauflösung im sich dabei erwärmenden Tiefzentrum. Jedoch werden im Wirbel nur selten Windgeschwindigkeiten eines Orkanes erreicht, sondern zumeist nur eines Sturms bis 120 km/h.[1]

Zentraler Unterschied zwischen einem echten tropischen Hurricane oder Zyklon und diesen Ereignissen ist, dass sie kein sich selbst stabilisierendes oder gar selbstnährendes Wettersystem aufbauen. Das Einzugsgebiet im Mittelmeerraum ist insbesondere zu klein. Die augenbildenden Wirbel werden primär von außen angetrieben, und zerfallen in ihrer hurrikanartigen Struktur meist innert Stunden wieder zu regulären Tiefdruckwirbeln. Auch ihre Gesamtlebensdauer liegt mit um die zwei Tagen weit unter denen der Großwirbel der Ozeane.[2] Weitere Unterschiede sind, dass der warme Kern nur in der unteren Troposphäre ausgeprägt ist, aber meist vom kalten Höhenkern überlagert bleibt,[2] und dass die maximalen Windgeschwindigkeiten nicht am Auge, sondern wie bei normalen Sturmtiefs in den spiralförmigen Fronten (Okklusionen) erreicht werden.[2] Damit stellen sich die Medicanes primär als in der Satellitenbeobachtung einem tropischen Hurrikan und Zyklon ähnlich dar, nicht aber in ihren atmosphärenphysikalischen Prozessen. Gelegentlich bilden sich ähnliche Tiefdruckgebiete im subtropischen Nordatlantik im Bereich der Bermudas, Azoren und Kanaren.[1]

Zumindest sind die medicane-artigen Tiefs aber durchwegs besonders intensiv, was Wind und Niederschlag betrifft. Inzwischen hat sich auch eine an die Saffir-Simpson-Skala für tropische Wirbelstürme angelehnte Klassifikation nach der mittleren Spitzenwindgeschwindigkeit etabliert:[2]

  • Mediterranean Tropical Depression unter 63 km/h
  • Mediterranean Tropical Storm mit 64 bis 111 km/h
  • Medicane oder mediterraner Hurrikan ab 112 km/h

Ob die Mittelmeertiefs als subtropisch aber tatsächlich als tropisch oder als außertropisch einzustufen seien, drüber herrschen geteilte Meinungen: Typischerweise markieren sie die Grenze dieser Zonen, ihre Südostflanke (Vorderseite) wird von Heißluftmassen der Sahara angetrieben (dem Scirocco), ihre Westflanke (Rückseite) von atlantischen oder polaren Kaltluftmassen. Die Zugrichtung jedenfalls ist von der Westwinddrift gesteuert, geht also nach Osten.

Liste von Medicanes[Bearbeiten]

Eine Reihe von Medicanes wurden in den letzten Jahrzehnten dokumentiert und untersucht; genannt ist jeweils das Datum, an dem der Sturm sich bildete:

  • 23. September 1969 (traf vor allem auf Tunesien und Algerien, mindestens 600 Menschen und mehrere tausend Kamele kamen um)
  • 23. Januar 1982
  • 27. September 1983
  • 13. Januar 1995 (gilt als bisher am besten dokumentierter Medicane)
  • 12. September 1996 (im westlichen Mittelmeer)
  • 4. Oktober 1996
  • 8. Oktober 1996
  • 25. September 2006
  • 4. November 2011 (Rolf traf auf die Côte d’Azur, Korsika und Ligurien)
  • 7. November 2014 (Qendresa, Föhnsturm und Starkregen im Alpenraum)

Drei Studien, die 2007 und 2013 erschienen, nennen weitere Beispiele für Medicanes.

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Hurrikan Vince 2005 – grenztropischer ostatlantischer Sturm mit ähnlicher Charakteristik[3]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Medicane DWD: Wetterlexikon, abgerufen am 26. Januar 2011.
  2. a b c d Anna Wieczorek: Medicanes - die Hurrikane des Mittelmeeres? DWD: Thema des Tages, 1. September 2015.
  3. Tropenstürme auch in Europa? Mittelmeer bietet Subtropenklima. wetteronline: Wetterthemen im Fokus, o.D. (abgerufen 9. September 2015) – der andere dort diskutierte Sturm ist der Zyklon Catarina 2004.