Mer losse d’r Dom en Kölle

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Mer losse d’r Dom en Kölle (Wir lassen den Dom in Köln) ist der Titel eines von Hans Knipp 1973 in kölscher Mundart geschriebenen Karnevalslieds, das erstmals als A-Seite der dritten Single der Gruppe Bläck Fööss veröffentlicht wurde.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist keine Hommage an die Heimatstadt, sondern stellt eine Kritik an der Stadtsanierungspolitik dar („wat nötz die janze Stadtsanierung schon“ - was nutzt die ganze Stadtsanierung). Ausgangspunkt des Textes war die vom Rat der Stadt Köln für das Severinsviertel geplante Sanierung. Der Stadtrat hatte am 10. Mai 1973 einen Großteil des Geländes zwischen Severinsbrücke-Ulrichgasse—Bahnring-Rhein zum Sanierungsgebiet erklärt, was einen Tag später publik wurde.[1] Aufgrund der Förderrichtlinien des Landes zur Modernisierung wurden viele Häuser als nicht mehr erhaltungswürdig eingestuft. Dadurch und durch die geplante umfassende Entkernung von Gebäudeblöcken schien mehr als die Hälfte der Haushalte im Sanierungsgebiet von Umzügen betroffen zu sein.[2] Die Studenten und weitere Sanierungsgegner formierten sich, um die vorgesehene Sanierung zu verhindern. Die Furcht vor Verlust von erschwinglichem Wohnraum, Bauspekulationen und vor Identifikationsverlust des Veedels führten zur Beunruhigung der Bevölkerung der Kölner Südstadt. Bei einem Gespräch zu dem Thema zwischen Knipp und Hartmut Pries, dem damaligen Bassisten der Bläck Fööss, kam die Frage auf, wie die Redewendung die Kirche im Dorf lassen am besten auf die Kölner Verhältnisse zu übertragen wäre. Das Ergebnis war Mer losse d’r Dom en Kölle.[3]

Texter Hans Knipp griff diese Aktualität auf und erwähnt satirisch übertreibend die möglichen Veränderungen des Stadtbildes. Der Hörer wird dazu angehalten, sich berühmte Gebäude in Köln vorzustellen. So beginnt die erste Strophe mit „Stell d’r vür, d’r Kreml stünd o’m Ebertplatz, stell d’r vür, d’r Louvre stünd am Rhing[4] (Stell' Dir vor, der Kreml stände am Ebertplatz, der Louvre am Rhein). „D'r Mont Klamott dä heiss op eimol Zuckerhot, do köm dat Panorama schwer en Brass“ (der Mont Klamott heißt plötzlich Zuckerhut, dann käme das Stadtpanorama in Schwierigkeiten). Anders als bei den Bläck Fööss sonst üblich, beginnt das Lied nicht mit der ersten Strophe, sondern mit dem auf Mitsingen angelegten Refrain. Die Melodie des Liedes beginnt mit einer Dreiklangsbrechung[5] – Fanfarentöne, als würden die wehrhaften Kölner bereit sein, wenn man ihnen den Dom wegnehmen sollte. Auch das vokale Intro besteht aus einer alarmierenden Dreiklangsbrechung auf der Dominante. Mit diesen satirischen Mitteln wurde auch die Vermessenheit der Kölner Stadtplanung kritisiert, gleich ein ganzes gewachsenes Viertel umbauen zu wollen.[3]

Veröffentlichung und Erfolg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die dritte Single der Bläck Föös, produziert von Werner Dies, erschien im November 1973 als Mer losse d’r Dom en Kölle / En uns’rem Veedel (Cornet 11887). Das Lied wurde zum ersten Hit für die Gruppe, denn in den deutschen Charts erreichte es den Rang 95.[6] Es war eines der ersten Lieder, das Knipp für die Bläck Fööss schrieb, bis heute sind es ungefähr 100 Titel.[7]

Das Lied entwickelte sich zu einer der „größten Karnevalshymnen überhaupt“.[7] Die Karnevalssession 1973/1974 wurde von zwei Liedern beherrscht,[8] nämlich der A- und B-Seite dieser Single. Die Bläck Fööss nutzen es jahrelang als Erkennungslied beim Einzug in eine Karnevalssitzung. Es wurde auf mehreren LPs und CDs der Band veröffentlicht, etwa auf Op Bläcke Fööss noh Kölle (1973) oder Et es 20 Johr jenau jetz her (1990).

Coverversionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lied erschien 1995 in einer Coverversion des Kölner Schlagersängers Wolfgang Petry.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kölnische Rundschau vom 11. Mai 1973, Stadt macht einen Anfang mit Sanierung im Severinsviertel, Slums und Spekulationen verhindern, S. 18
  2. Stadt Köln, Die Sanierung des Severinsviertels, 1998, S. 12
  3. a b Astrid Reimers: Zwei bekannte Kölner Karnevalslieder
  4. Helga Resch, Der Karnevalsknigge: Feiern wie die echten Kölschen, 2010, o. S.
  5. die Auflösung eines Dreiklangs, bei der die Töne nun nacheinander gespielt werden
  6. Mer losse d’r Dom en Kölle von den Bläck Fööss bei hitparade.ch
  7. a b Hans-Peter Ecker: Ausgerechnet die Jecken wollen die Kirche im Dorf lassen: “Mer losse d’r Dom en Kölle” von den Bläck Fööss
  8. Thomas Weibel, Das Kölner Karnevalslied in Vergangenheit und Gegenwart, 1996, S. 66
  9. Mer losse d’r Dom en Kölle von Wolfgang Petry bei hitparade.ch