Morbus Osgood-Schlatter

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Klassifikation nach ICD-10
M92.5 Juvenile Osteochondrose der Tibia und der Fibula
- Tuberositas tibiae (Osgood-Schlatter-Krankheit)
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Morbus Osgood-Schlatter (en: Osgood Schlatter disease, rugby knee) ist eine schmerzhafte Reizung der Insertion (Ansatz) der Patellasehne (Kniescheibensehne) am vorderen Schienbein. Dabei können sich Knochenstücke aus dem Schienbein lösen und absterben (Nekrose). Die Erkrankung wird deshalb zu den aseptischen (d. h. nicht infektionsbedingten) Osteonekrosen gerechnet.

Der amerikanische Chirurg Robert Bayley Osgood (1873–1956) und der Schweizer Chirurg Carl Schlatter (1864–1934) veröffentlichten Fallberichte über die Erkrankung unabhängig voneinander, beide im Jahr 1903.[1][2][3] Eine bei Haushunden auftretende ähnliche Erkrankung ist aufgrund einiger Unterschiede besser als Tuberositas-tibiae-Avulsion zu bezeichnen.[4]

Vorkommen und Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man nimmt an, dass trainingsbedingte Überlastung die Ursache ist. Morbus Osgood-Schlatter tritt bei 20 Prozent der sportlich-tätigen Jugendlichen auf, aber nur bei fünf Prozent der Nicht-Sportler.[5] Die Krankheit verläuft assymetrisch, tritt aber bei 25-50 Prozent auf beiden Knien auf.[6][7][8] Das typische Alter der Patienten beträgt zwischen neun bis vierzehn Jahre,[9] bei Mädchen tritt die Krankheit - wie auch der pubertäre Wachstumschub - ein bis zwei Jahre früher auf.[10] Männliche Jugendliche sind häufiger betroffen, da sportliche Aktivität unter weiblichen Jugendlichen in den letzten Jahren zunimmt, tritt die Krankheit auch bei Mädchen öfter auf.[11]

Seitliche Kernspintomografie. Beachte das abgelöste Knochenstück (Pfeil) am Schienbein
Röntgenaufnahme mit dem Befund eines Morbus Osgood-Schlatter

Die anterioren Knieschmerzen treten unter Belastung, beim Anspannen der Oberschenkelmuskulatur und bei manuellem Druck auf den Schienbeinrand unterhalb der Kniescheibe, etwa beim Niederknien, auf.[12]

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den typischen klinischen Symptomen wie ventraler Knieschmerz über der Tuberositas tibiae nach Sport oder Belastung, eventuell auch tastbarer Schwellung ist keine weitere Diagnostik erforderlich. Um andere Verletzungen auszuschließen, werden jedoch bildgebende Verfahren zur Diagnose empfohlen.[13]

Eine Bildgebung kommt bei atypischer Symptomatik in Betracht, dann je nach Fragestellung und Differentialdiagnose Sonographie des Sehnenansatzes (DD:Bursitis, Abszess), eine Röntgenaufnahme seitlich oder selten eine Kernspintomographie. Diagnostische Kriterien sind dann Fragmentation der Tuberositas, Auftreibung der ansetzenden Sehne, Weichteilödem sowie im MRT angrenzende Ödeme in der Tibia.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung ist symptomorientiert (Schonung, Kühlung, Schmerzmittel, entzündungshemmende Präparate, Krankengymnastik); die Prognose ist bei frühzeitiger Behandlung gut. Der Verlauf kann sich mehrere Monate und länger hinziehen. Bei über 90 % der Patienten tritt durch non-operative Behandlungsmethoden eine Besserung ein.[13] Als Endstadium nach Abschluss des Wachstums und damit auch nach dem Verschluss der Wachstumsfugen können sich in dem erkrankten Areal Knochenkörperchen innerhalb der Sehne bilden (Ossikel). Bei Beschwerden sollten diese operativ entfernt werden.[13]

Trotz des langen Krankheitsverlaufs ist die Heilungsprognose gut, abgesehen von Schmerzen beim Hinknien und in wenigen Fällen anderen Aktivitätseinschränkungen.[13] Bei früher Diagnose und konsequenter Therapie sind die Chancen auf vollständige Heilung relativ hoch.[14]

Auftreten bei prominenten Sportlern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige britische Radprofi Michael Bennett startete seine Karriere aufgrund der Diagnose Morbus Osgood-Schlatter.[15] Beim französischen Tennisspieler Gaël Monfils ebenso wie beim englischen Fußballspieler Jordan Henderson zeigt sich die Krankheit auch im Erwachsenenalter.[16][17]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Hefti: Kinderorthopädie in der Praxis. Berlin u. a., Springer 1998, ISBN 3-540-61480-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert B. Osgood: Lesions of the Tibial Tubercle Occurring during Adolescence. In: Boston Medical and Surgical Journal. Bd. 148, 1903, S. 114–117, doi:10.1056/NEJM190301291480502.
  2. Carl Schlatter: Verletzungen des schnabelförmigen Fortsatzes der oberen Tibiaepiphyse. In: Beiträge zur klinischen Chirurgie. Bd. 38, 1903, ZDB-ID 125341-4, S. 874–887.
  3. Robert J. Nowinski, Charles T. Mehlman: Hyphenated history: Osgood-Schlatter disease. In: The American Journal of Orthopedics.Bd. 27, Nr. 8, 1998, S. 584–585, PMID 9732084.
  4. Dirsko J. F. von Pfeil, Charles E. DeCamp, Kelly L. Diegel, Purushottam A. Gholve, Curtis W. Probst, Loic M. Déjardin: Does Osgood-Schlatter Diesease exist in the dogs? Review of human and canine literature and proposed classification system for tibial tuberosity avulsions in the immature dog. In: Veterinary and Comparative Orthopaedics and Traumatology. Bd. 22, Nr. 4, 2009, S. 257–263, doi:10.3415/VCOT-08-09-0094.
  5. U. M. Kujala, M. Kvist, O. Heinonen: Osgood-Schlatter's disease in adolescent athletes. Retrospective study of incidence and duration. In: The American Journal of Sports Medicine. Band 13, Nr. 4, 1. August 1985, ISSN 0363-5465, S. 236–241, PMID 4025675 (nih.gov [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  6. U. M. Kujala, M. Kvist, O. Heinonen: Osgood-Schlatter's disease in adolescent athletes. Retrospective study of incidence and duration. In: The American Journal of Sports Medicine. Band 13, Nr. 4, 1. August 1985, ISSN 0363-5465, S. 236–241, PMID 4025675 (nih.gov [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  7. B. L. Krause, J. P. Williams, A. Catterall: Natural history of Osgood-Schlatter disease. In: Journal of Pediatric Orthopedics. Band 10, Nr. 1, 1. Februar 1990, ISSN 0271-6798, S. 65–68, PMID 2298897 (nih.gov [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  8. C. L. Stanitski: Knee overuse disorders in the pediatric and adolescent athlete. In: Instructional Course Lectures. Band 42, 1. Januar 1993, ISSN 0065-6895, S. 483–495, PMID 8463698 (nih.gov [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  9. U. M. Kujala, M. Kvist, O. Heinonen: Osgood-Schlatter's disease in adolescent athletes. Retrospective study of incidence and duration. In: The American Journal of Sports Medicine. Band 13, Nr. 4, 1. August 1986, ISSN 0363-5465, S. 236–241, PMID 4025675.
  10. Andrew J Kienstra, Charles G Macias: Osgood-Schlatter disease (tibial tuberosity avulsion). In: www.uptodate.com. UpToDate, 4. August 2014, abgerufen am 11. Januar 2017 (englisch): „Osgood-Schlatter typically occurs one to two years earlier in girls than in boys, corresponding to the different timing of the pubertal growth spurt.“
  11. Zaid A. A. Duri, Dipak V. Patel, Paul M. Aichroth: The immature athlete. In: Clinics in Sports Medicine. Band 21, Nr. 3, 1. Juli 2002, ISSN 0278-5919, S. 461–482, ix, PMID 12365238.
  12. Alfred Atanda, Suken A. Shah, Kathleen O'Brien: Osteochondrosis: common causes of pain in growing bones. In: American Family Physician. Band 83, Nr. 3, 1. Februar 2011, ISSN 1532-0650, S. 285–291, PMID 21302869.
  13. a b c d Purushottam A Gholve, David M Scher, Saurabh Khakharia, Roger F Widmann, Daniel W Green: Osgood Schlatter syndrome : Current Opinion in Pediatrics. In: LWW. Band 19, Februar 2007, S. 49, doi:10.1097/MOP.0b013e328013dbea (researchgate.net [PDF; abgerufen am 11. Januar 2017]).
  14. med-library.com (Hrsg.): Morbus-Osgood-Schlatter Knie – Ursache, Therapie & Folgen. 5. März 2013 (med-library.com [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  15. Famous Last Words: Mick Bennett. In: Cycling Weekly. 7. März 2014 (cyclingweekly.co.uk [abgerufen am 11. Januar 2017]).
  16. Gael could miss French Open. 21. April 2009, abgerufen am 11. Januar 2017 (englisch).
  17. Jordan Henderson: Sunderland's bright light to Liverpool's brilliant leader - Goal.com. In: Goal.com. 26. November 2016 (goal.com [abgerufen am 11. Januar 2017]).
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