Mūsā al-Kāzim

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Musa al-Kazim)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mūsā ibn Dschaʿfar al-Kāzim (arabisch ‏موسى بن جعفر الكاظم‎, DMG Mūsā ibn Ǧaʿfar al-Kāẓim; * 8. November 745 in al-Abwā' zwischen Mekka und Medina; † 1. September 799 in Bagdad) war der ein Nachfahre des Propheten Mohammed und der siebte Imam der Imamiten. Die Zeit seines Imamats betrug 35 Jahre.

Leben[Bearbeiten]

Mūsā al-Kāzim wurde während der Machtkämpfe zwischen den Umayyaden und Abbasiden geboren. Seine Mutter hieß Hamīda und war eine berberische Sklavin.[1] Er war erst vier Jahre alt, als Abu l-Abbas as-Saffah als erster Abbasidenkalif den Thron bestieg. Nach der Ermordung seines Vaters Dschaʿfar as-Sādiq unter der Herrschaft des Kalifen al-Mansur ging das Imamat zunächst auf ʿAbdallāh, den ältesten Sohn Dschaʿfars, über. Mūsā hatte zu dieser Zeit bereits einen eigenen Kreis von Anhängern unter den Getreuen seines Vaters aufgebaut, stellte aber das Imamat seines Bruders nicht in Frage. Als ʿAbdallāh nach nur 60 Tagen ohne Sohn starb, schlossen sich auch dessen Anhänger Mūsā an.[2] Während einige meinten, dass ʿAbdallāh angesichts seines frühen Todes nicht der wahre Imam gewesen sein könne, meinten andere, dass ʿAbdallāh vor seinem Tod das Imamat ordnungsgemäß auf seinen Bruder übertragen hatte. Diese zweite Gruppe, die Hasans älteren Bruder ʿAbdallāh al-Aftah in die Kette der Imame einschloss, wurde Futhīya bzw. Fathīya genannt.[3] Andere Schiiten, die sogenannten Ismailiten, sahen jedoch in seinem Bruder Ismail ibn Dschafar den rechtmäßigen Nachfolger und siebten Imam, was eine Spaltung der Gruppe zur Folge hatte.

Der Kalif Hārūn ar-Raschīd ließ Mūsā 795/6 von Medina nach Bagdad bringen, wo er bis zu seinem Tode im Haus von as-Sindī ibn Schāhik unter haftähnlichen Bedingungen lebte.[4] Einige seiner Anhänger hegten die Erwartung, dass er als Qā'im einen Aufstand anführen würde. Als er im Jahre 799 starb, hinterließ er insgesamt 18 Söhne und 15 Töchter, die er allesamt mit Sklavinnen gezeugt hatte.[5]

Spekulationen nach seinem Tod[Bearbeiten]

Der Tod von Mūsā al-Kāzim, dem keiner seiner Anhänger beigewohnt hatte, stürzte die imamitische Gemeinde in eine erneute Nachfolgekrise. Eine große Anzahl seiner Anhänger und Vertreter in den verschiedenen Regionen war der Auffassung, dass er nicht gestorben sei, sondern sich nur verborgen habe, um bald als Qā'im in die Welt zurückzukehren.[6] Ein Klient der Banū Asad namens Muhammad ibn Baschīr trat mit dem Anspruch hervor, Mūsās Stellvertreter und Bevollmächtigter zu sein.[7] Der imamitische Doxograph al-Qummī, der vor 905 sein "Buch der Lehren und Sekten" (Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq) verfasste, berichtet darin, dass Muhammad ibn Baschīr über Taschenspielertricks und Gaukeleien verfügte und behauptete, Mūsā al-Kāzim sei Gott. Er sei zunächst sichtbar unter den Menschen gewesen, dann habe er sich aber den Blicken der Mensch entzogen, obwohl er immer noch unter ihnen weile.[8]

Einige von Mūsās Anhängern erkannten nach seinem Tod seinen Sohn ʿAlī ar-Ridā als Nachfolger an. Die Anhänger Muhammad ibn Baschīrs bestritten jedoch sein Imamat und bezeichneten seinen Anspruch darauf als Lüge.[9] Sie meinten vielmehr, dass Mūsā während seiner Abwesenheit Muhammad ibn Baschīr als seinen Stellvertreter eingesetzt und mit allen Vollmachten ausgestattet habe, er sei der wahre Imam nach ihm.[10] Imamitische Autoren haben versucht, eine ökonomische Erklärung für diese Spaltung ihrer Gemeinschaft zu finden. Sie meinten, dass zur Zeit des Todes von Mūsā al-Kāzim seine Vertreter in den verschiedenen Städten große Mengen Geldes akkumuliert hatten, das sie wegen der Gefangenschaft ihres Imam nicht an diesen weiterführen konnten. Um diese Beträge für sich behalten zu können, leugneten sie seinen Tod und behaupteten, dass er irgendwann zurückkehren werde.[11]

Im Laufe der Zeit akzeptierten aber die meisten Imamiten ʿAlī ar-Ridā als den wahren Imam. Sie wurden von den anderen Schiiten als Qaṭʿīya genannt, angeblich deswegen, weil sie mit Bestimmtheit (qaṭʿan) annahmen, dass Mūsā al-Kāzim gestorben sei.[12]

Sein Grab[Bearbeiten]

Mūsā al-Kāzim ist mit seinem Enkel, dem späteren Imam Muhammad at-Taqi, in al-Kazimiyya, einem nach ihm benannten Vorort im Nordosten von Bagdad, begraben.

Literatur[Bearbeiten]

Arabische Quellen
  • Saʿd ibn ʿAbdallāh al-Ašʿarī al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. Ed. Muḥammad Ǧawād Maškūr. Maṭbaʿat-i Ḥaidarī, Teheran, 1963. S. 91-95.
Sekundärliteratur
  • Heinz Halm: Die islamische Gnosis. Die extreme Schia und die Alawiten. Artemis, Zürich/München, 1982. S. 233-239.
  • E. Kohlberg: "Mūsā al-Kāẓim" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 645b-648b.
  • Hossein Modarressi: Crisis and Consolidation in the formative period of Shiʿite Islam. Abū Jaʿfar ibn Qiba al-Rāzī and his contribution to Imāmite Shīʿite thought. Darwin Press, Princeton, New Jersey, 1993. S. 59-62.

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Kohlberg: "Mūsā al-Kāẓim", S. 645b.
  2. Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 59.
  3. Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 60.
  4. Vgl. al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. 1963. S. 93.
  5. Vgl. al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. 1963. S. 95.
  6. Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 60.
  7. Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 234.
  8. Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 236.
  9. Vgl. Halm: Die islamische Gnosis. 1982, S. 236.
  10. Vgl. al-Qummī: Kitāb al-Maqālāt wa-l-firaq. 1963. S. 91.
  11. Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 62.
  12. Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 62.