Nationale Dodenherdenking

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das Nationalmonument auf dem Dam in Amsterdam, wo die jährliche Hauptfeier des Trauertages stattfindet.
Der Amsterdamer Bürgermeister Gijs van Hall bei der Kranzniederlegung auf dem Dam 1967
Gedenkveranstaltung abends vor dem Dom in Utrecht, 4. Mai 2013

Nationale Dodenherdenking (nationaler Toten-Gedenktag, Volkstrauertag) ist ein niederländischer Feiertag, der jährlich am 4. Mai begangen wird.

Der erste Dodenherdenking wurde am 9. Mai 1945 gehalten. Damals fand eine Schweigeminute statt, um der Toten zu gedenken. Gedacht wurde bis 1961 der niederländischen Opfer des Zweiten Weltkriegs. Seither werden alle Bürger und Soldaten des Königreichs miteinbezogen, die in militärischen Konflikten umgekommen sind.

Das Amsterdamer Nationalmonument steht jährlich im Mittelpunkt des 4. Mai, wenn der niederländische König einen Kranz niederlegt und abends um 20 Uhr zwei Schweigeminuten im ganzen Land eingehalten werden. In dieser Zeit halten auch Züge und Busse, ebenso wie der Autoverkehr zum Erliegen kommt. Seit 1994 wird um 18:00 Uhr die Nationalhymne (Wilhelmus) gespielt und vom Setzen der Flaggen auf halbmast bis 21:10 Uhr begleitet. Am Folgetag, dem 5. Mai, wird der Bevrijdingsdag anlässlich der Befreiung von der deutschen Besatzung (1940 bis 1945) gefeiert.

Waalsdorpervlakte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Waalsdorpervlakte (Waalsdorper Senke) ist eine Senke in der Nähe von Den Haag. Während des Zweiten Weltkriegs wurden hier von den Nazis niederländische Widerstandskämpfer hingerichtet. Mehr als 250 Widerstandskämpfer – die genaue Zahl ist nicht bekannt – wurden hier exekutiert. Die meisten von ihnen saßen im Gefängnis „Oranjehotel“, das sich im Scheveningen befand. Nach dem Krieg wurden hier wichtige niederländische Kollaborateure erschossen, sowie Anton Mussert, der Führer der NSB. Diese Hinrichtungen sind die letzte Vollstreckungen der Todesstrafe in den Niederlanden.

Es gibt eine Menge Menschen, die am Gedenken teilnehmen wollen. Die Prozession besteht aus zwei Teilen: der erste Teil besteht aus die Menschen, deren Verwandte hier im Zweiten Weltkrieg hingerichtet worden sind, der zweite Teil sind die Interessierte. Die Prozession erreicht die Waalsdorpervlakte um etwa 19.40 Uhr. Bis 19.59 läutet die Bourdonglocke. Danach klingt das Signal „taptoe“ und gibt es zwei Minuten kompletter Stille. Anschließend wird das Wilhelmus, die niederländische Nationalhymne, gespielt. Nach dieser Zeremonie läuft die Prozession den Denkmal entlang. Man bekommt dabei die Möglichkeit, einen Kranz niederzulegen. Weil jeder als Privatperson hier ist, werden keine Reden gehalten und gibt es keine bestimmte Reihenfolge der Kranzniederlegung. Die Zeremonie dauert bis zum Kranzniederlegung der letzten Besucher, das heißt bis zur etwa 22.00 Uhr.

Eine sehr wichtige Rolle beim Gedenken spielt die Bourdonglocke. Schon seit einigen Jahren nach der Befreiung wird an der Waalsdorpervlakte ein Gedächtnis gehalten. Dies fand in Stille statt, bis im Jahr 1959 Geld gesammelt wurde, um eine Glocke hinzufügen zu können. Seitdem wird die Glocke von 19.45 bis 19.59 geläutet. Nach dem Zapfenstreich und den Schweigeminuten läutet sie wieder bis zu der letzte Besucher das Denkmal passiert hat. 2015 änderte sich dies plötzlich, als ein Teil der Glocke abbrach. Dies passierte um 21.00 Uhr, also während die Prozession den Gedenkmal entlang lief. Plötzlich war es wieder wie in den fünfziger Jahren, als es noch ein Schweigemarsch war. In den Monaten danach wurde Geld für die Reparation der Glocke gesammelt, sodass die Bourdonglocke 2016 wieder geläutet werden kann.

Unterschiede zwischen Waalsdorpervlakte und De Dam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl das Protokoll in Amsterdam als das an der Waalsdorpervlakte werden live ausgestrahlt. Die NOS, ein öffentlich-rechtlicher Sender, strahlt den Gedenktag in Amsterdam aus und RTL den Gedenktag in Den Haag. Aber es gibt mehr Unterschiede zwischen den beiden Gedenkfeierlichkeiten. Der König und die Königin besuchen jedes Jahr De Dam. Sie legen kurz vor den Schweigeminuten einen Kranz nieder. Nach den Schweigeminuten werden von Überlebenden fünf Kränze niedergelegt, für jede Gruppe von Menschen, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind: der erste Kranz für die Juden, Roma und Sinti. Der zweite Kranz für die Widerstandskämpfer, der dritte für die übrigen europäischen Bürger. Der vierte Kranz ist für die Bürger außerhalb Europas und der fünfte Kranz ist für die niederländischen Militär. Nach dieser Zeremonie gibt es eine Rede, nachdem unter anderem der Premierminister und der Bürgermeister von Amsterdam beide einen Kranz niederlegen. Der letzte Kranz wird von Schulkinder niedergelegt. Die Zeremonie an der Waalsdorpervlakte beinhaltet keine Reden oder offizielle Kranzniederlegungen; weil jeder als Privatperson da ist, gibt es auch keine bestimmte Reihenfolge. Nur die Prozession ist bewusst geteilt: die Verwandter der Opfer auf der einen Seite und die Interessierten auf der anderen Seite. Jeder darf einen Kranz oder einige Blumen niederlegen. Beide Gedenkfeiern haben einen nationalen Charakter; das heißt also, dass es keine ausländische Gäste gibt. Dies ist am nächsten Tag, dem Befreiungstag, wohl der Fall.

Stören der Stille 2010[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Schweigeminuten der zentralen Dodenherdenking 2010 in Amsterdam wurde durch einen polizeibekannten Straftäter eine Massenpanik mit 63 Verletzten ausgelöst. Durch lautes Schreien versuchte der Straftäter, später in den Medien de Damschreeuwer genannt, die Zeremonie zu stören. Als daraufhin die Absperrgitter wie Dominosteine umfielen, hörte es sich an, als ob geschossen würde. Ein anderer Mann ließ versehentlich einen Koffer fallen, weswegen von einigen Passanten gerufen wurde, im Koffer sei eine Bombe. Die königliche Familie wurde sofort in Sicherheit gebracht und kehrte erleichtert zur Fortsetzung der Zeremonie zurück, nachdem der Sachverhalt geklärt war.

Diskussion um deutsche Soldaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Niederlanden gibt es schon lange Zeit eine Diskussion darüber, ob man auch deutscher Opfer und niederländischer Kollaborateure gedenken muss. Das 4. Und 5. Mai Komitee ist für alle Gedenken am 4. Mai und für alle Feierlichkeiten am 5. Mai verantwortlich. Dieses Komitee ist der Meinung, dass Gedenken und Versöhnung zwei verschiedene Dinge seien. Am 4. Mai werden der niederländischen Opfer gedacht und am 5. Mai ist es Zeit für Versöhnung mit Deutschland. Man solle dies nicht am selben Tag machen, so das Komitee. Deshalb möchte es beim nationalen Totengedenktag keinen deutschen Opfer gedenken. Das Komitee kann es aber nicht verbieten, weil es viele kleine Vereinigungen gibt, die örtliche ‚Dodenherdenkingen‘ organisieren und darüber die inhaltlichen Entscheidungen treffen.

Im gelderländischen Vorden (Gemeinde Bronckhorst) haben Bürgermeister Henk Aalderink und das örtliche Organisationskomitee auch deutsche gefallene Soldaten in das Gedenken aufgenommen. Darauf hin kam es zu scharfer Kritik des Simon Wiesenthal Centrums Los Angeles, das eine Verwischung der Grenze zwischen Opfer und Besatzer sah.

Das umstrittene Federatief Joods Nederland hat mit einer einstweiligen Verfügung versucht, das Gedenken in Vorden zu verhindern, da es verletzend für die Lebenden und beleidigend für die Toten sei. Der Richter in Zutphen hat das Gedenken erlaubt, aber unter der Bedingung, dass Vertreter der Gemeinde die Gräber von deutschen Soldaten vermeidet.[1]

Jedes Jahr schreibt das 4. und 5. Mai Komitee einen Gedichtwettbewerb für Schüler aus. 2012 gewann das Gedicht eines Jugendlichen über seinen Großonkel, der sich während des Zweiten Weltkriegs der Waffen-SS angeschlossen hatte. Das Gedicht sollte am 4. Mai 2012 beim Gedenkung in Amsterdam vorgetragen werden. Es gab viele Kontroverse, weil der Protagonist, der Großonkel, mitverantwortlich war für Kriegsverbrechen wie zum Beispiel die Exekution osteuropäischer Juden. Das Gedicht behandelte also ein sensibles Thema. Die Dodenherdenking ist schon ein emotioneller Tag und dieses umstrittene Gedicht löste heftige Diskussionen aus. Einerseits wurde gesagt, am 4. Mai solle nur den Opfern Aufmerksamkeit geschenkt werden. Andererseits gab es die Meinung, dass auf diese Art und Weise die Schwierigkeit, eine Seite zu wählen – vor allem in Kriegszeiten – gut thematisiert wird. Auch dies sei ein wichtiger Teil der Gedächtnis, so der Gedichtschreiber. Das Komitee hat sich wegen dieser Kontroverse entschlossen, das Gedicht aus dem Programm zu entfernen. In der abgegebenen Erklärung heißt es, dass der Gedenktages zu wichtig sei, um durch das Gedicht in den Schatten gestellt zu werden. Trotzdem habe das Komitee Respekt für den Inhalt des Gedichtes, so die Erklärung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peters, B., 'Herdenken en vieren. Debatten in de Tweede Kamer over de betekenis van 4 en 5 mei', in: C. C. van Baalen (red.) e.a., Jaarboek Parlementaire Geschiedenis 2007. De moeizame worsteling met de nationale identiteit (Amsterdam 2007) p. 97-106.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nationale Dodenherdenking – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Trouw: Gedenken Duitse soldaten in Vorden valt slecht bij Wiesenthal Centrum, Abruf am 4. Mai 2012.

http://nos.nl/artikel/2033978-klepel-valt-van-klok-waalsdorpervlakte.html http://www.nu.nl/binnenland/3404852/nog-vroeg-duitse-herdenking-4-mei.html http://www.nrc.nl/nieuws/2012/04/25/ophef-over-voordracht-gedicht-tijdens-dodenherdenking-op-de-dam/ http://www.nrc.nl/nieuws/2012/04/26/maker-omstreden-gedicht-ik-heb-niemand-willen-kwetsen/ http://www.nrc.nl/nieuws/2012/04/26/comite-4-en-5-mei-trekt-omstreden-gedicht-dodenherdenking-terug/