Nehden

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Nehden
Stadt Brilon
Wappen der ehemaligen Gemeinde Nehden (bis 1975)
Koordinaten: 51° 26′ 9″ N, 8° 38′ 14″ O
Höhe: 413 m
Fläche: 4,38 km²
Einwohner: 486 (31. Dez. 2015)
Bevölkerungsdichte: 111 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1975
Postleitzahl: 59929
Vorwahl: 02964
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Lage der Ortschaft Nehden innerhalb des Stadtgebiets von Brilon

Nehden ist mit etwa 500[1] Einwohnern eine der kleineren Ortschaften in der Stadt Brilon im Hochsauerlandkreis (Nordrhein-Westfalen). Hier liegt eine Ausgrabungsstätte der Dinosaurier. 1978 wurden in einem Steinbruch Knochen des Iguanodon (Leguanzahn) gefunden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in einem Marmorbruch an der Straße nach Alme Marmor abgebaut. Es wurde nicht gesprengt, sondern mit Hacken und Schüppen abgebaut, um die Qualität des Marmors nicht zu schmälern. Die Firma Dassel aus Allagen vertrieb den Marmor unter dem Namen Goldader. Ein Gedenkstein am Kräuterhagen erinnert an den Marmorabbau.[2]

Ab Mitte 1943 wurden wegen Luftangriffen evakuierte Kinder in Nehden untergebracht.[3] Anfang 1945 gingen in Nehden 80 Kinder zur Schule; davon waren etwa die Hälfte evakuierte Kinder aus Großstädten im Ruhrgebiet und im Rheinland. Zu dieser Zeit kam es immer wieder zu Angriffen von Tieffliegern auf die nahe dem Dorf liegende Almetalbahn. Fast täglich mussten nun wegen Fliegeralarm die Luftschutzkeller aufgesucht werden. Im März wurde eine Polizeikompanie aus dem bereits von den Alliierten besetzten Viersen ins Dorf verlegt. Am Nachmittag des 29. März durchfuhren einige deutsche Wehrmacht-LKWs das Dorf in Richtung Alme und meldeten die Ankunft der US-Army vor Brilon. Eine im Dorf einquartierte Feldposteinheit der Wehrmacht floh nun ebenfalls. Wenig später rollten die ersten US-Panzer mit weiteren Fahrzeugen durchs Dorf und fuhren sofort in Richtung Wünnenberg weiter. Gegen Abend erreichten größere Verbände mit über 100 Panzern das Dorf und nahmen die Polizeikompanie gefangen. Zwei deutsche Flugzeuge, die über dem Dorf erschienen, wurden von den US-Soldaten beschossen. Die ganze Nacht und den folgenden Tag durchzogen motorisierte US-Verbände das Dorf in Richtung Wünnenberg. Von Ende April bis Anfang war eine US-Batterie mit vier Geschützen auf Selbstfahrlafette im Dorf stationiert. Die ehemaligen Gefangenen aus Polen und der Sowjetunion im Dorf quartierten sich nun im Saal der Wirtschaft Henke und in der Schule ein. Darunter waren 96 Gefangene aus der Sowjetunion. Nach Abtransport der ehemaligen Gefangenen aus der Sowjetunion lebten später Italiener in der Schule.

Im Zweiten Weltkrieg fielen 25 Nehdener als Soldaten, davon 21 an der Ostfront.[4]

Am 1. Januar 1975 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Nehden in die Stadt Brilon eingegliedert.[5]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen der ehemaligen Gemeinde Nehden

Blasonierung:

Auf Rot drei goldene Lilien.

Beschreibung:

Die Farben stammen aus dem Wappen des Stiftes Corvey, das hier ursprünglich Herrschaftsrechte besaß. Das Wappenbild entspricht dem der adligen Familie von Nehden. Die amtliche Genehmigung erfolgte am 12. November 1953.[6]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

War der Ort bis zum Ende des 20. Jahrhunderts noch hauptsächlich durch die Landwirtschaft geprägt, so hat er mit 20.000 Übernachtungen bis 2006 einen wirtschaftlichen Strukturwechsel hin zum Tourismus vollzogen.

  • Sehenswert ist die denkmalgeschützte Johanneskapelle.
  • Das Dorf verfügt über zwei Gasthöfe: „Gasthof zur Dränke“ und „Megges“.
  • Der Dinosaurierbruch kann besichtigt werden und er verfügt über eine Infotafel.
  • In der Schützenhalle von 1926 findet jedes Jahr das Schützenfest statt.

Dinosaurierfunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebiet des Ortes befand sich in der Urkreidezeit in der Nähe der Küste eines Flachmeeres. Die flachhügelige Landschaft war von Seen und Fließgewässern durchzogen, an deren Ufern Sumpfzypressen, riesige Baumfarne, Mammutbäume und Farne wuchsen. Die trockenen höhergelegenen Standorte waren von Kiefern, Ginkgobäumen und Araukarien besiedelt. Vermutlich herrschte ein feuchtwarmes Klima vor; einige der gefundenen Pflanzen sind heute noch in den Tropen zu finden.[7] Diese sehr gut erhaltenen Pflanzenfunde erlaubten Rückschlüsse auf die klimatischen Verhältnisse; teilweise waren sie verkohlt, was auf Waldbrände schließen lässt. Die Zugehörigkeit von Zapfen, Pollen, Nadeln und Sporen diverser Pflanzen wurde mit rasterelektronenmikroskopischen Aufnahmen bestimmt. In einem nahegelegenen Steinbruch auf der Briloner Hochfläche wurden in den 1980er Jahren fossile Wirbeltierknochen entdeckt. Wegen ihrer Einmaligkeit galten sie in wissenschaftlichen Kreisen als Sensation.[8] Bei Abbau von Massenkalk und Ton legten Arbeiter eine tonige Spaltenfüllung frei. Die Funde wurden zuerst als fossile Hölzer gedeutet; später stellte sich heraus, dass es sich um ein Knochenfragment handelt. Nach weiteren Funden erfolgte die eindeutige Bestimmung als Knochen eines Dinosauriers. Bei darauf folgenden wissenschaftlichen Grabungen, die Jahre in Anspruch nahmen, wurden etliche weitere fossile Knochen von Dinosauriern, überwiegend der Gattung Iguanodon, gefunden. Diese Tiere waren reine Pflanzenfresser; sie konnten eine Länge bis zu 11 Metern erreichen und wogen bis zu 4,5 Tonnen. Sie lebten vor etwa 100 Millionen Jahren. Bis zu dieser Entdeckung waren die Iguanodonten nur durch versteinerte Fußabdrücke, die in Norddeutschland gefunden wurden, nachgewiesen. Es wurden zahlreiche Einzelknochen, aber auch zusammenhängende Skelettteile gefunden. In Nehden konnten etwa 1400 Knochen gefunden werden, deren Bergung und Präparation mit Schwierigkeiten verbunden war. In dem erforschten Tonvorkommen wurden auch noch Knochenreste von Schildkröten, Raubsauriern und Krokodilen sowie Reste von Insekten und Fischen gefunden.[9] Bemerkenswert waren auch die Bruchstücke von Schildkrötenknochenpanzern. Die Funde wurden 1982 zum Teil im Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main von Reinhold Huckriede erforscht und unter dem Titel Die unterkretazische Karsthoehlen-Fuellung von Nehden im Sauerland. 1. Geologische, palaeozoologische und palaeobotanische Befunde und Datierung veröffentlicht.[10] Bei einer weiteren Untersuchung im Jahr 1983 konnten Aussagen über die Art der Vegetation zu Lebzeiten der Sauerier getroffen werden. Der Steinbruch wurde von der Stadt Brilon gekauft und wurde zum paläontologischen Bodendenkmal erklärt.[11] Der Grabungsbereich ist nicht mehr zugänglich und zum Schutz mit Abraum zugeschüttet.[12]

Nach aufwendigen Untersuchungen konnte nach und nach das lebensnahe Skelett eines Jungtieres rekonstruiert werden. Frühere Iguanodon- Nachbildungen stützten sich jeweils nur auf wenige Knochenfunde. Die Rückschlüsse auf das Aussehen der Tiere waren sehr vage, die angefertigten Modelle wirkten häufig unnatürlich. Durch neue wissenschaftliche Methoden und die Funde der Knochen des Jungsauriers konnte eine der Wirklichkeit nahekommende Rekonstruktion in den Präparationswerkstätten des Westfälischen Museums für Naturkunde in Münster angefertigt werden. Von den gefundenen Knochen wurden Gipsabdrücke erstellt, die fehlenden oder unvollständigen Glieder wurden ersetzt bzw. ergänzt. Das fertige Modell wurde in Lebensstellung, mit dem starken Schwanz als Balanceorgan beim Gehen, montiert.[13]

Ein Teil der gefundenen Fossilien wird im Museum Haus Hövener in der Abteilung Erdgeschichte und Dinosaurier in Brilon-Nehden gezeigt; die anderen Fundstücke werden in den Sammlungen des Geologisch-Paläontologischen Instituts und Museums der Universität Münster aufbewahrt. Einige Stücke kamen als Leihgabe an das Senckenberg-Museum in Frankfurt und das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover.[14]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Nehden wurde die Fernsehmoderatorin Birgit Schrowange geboren. Sie lebte bis 1979 im elterlichen Haus. Danach zog sie nach Köln, um beim WDR zu arbeiten. Seit 1994 moderiert sie die Sendung „Extra“ auf RTL.

Ansichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nehden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hugo Cramer: Der Landkreis Brilon im zweiten Weltkriege 1939–1945 – Erlebnisberichte vieler Mitarbeiter aus dem ganzen Kreisgebiet. Josefs-Druckerei, Bigge 1955.
  • David B. Norman, Karl-Heinz Hilpert: Die Wirbeltierfauna von Nehden (Sauerland), Westdeutschland (= Geologie und Paläontologie in Westfalen, Heft 8). Übersetzt von Jutta Heinisch. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, 1987, ISBN 3-924590-11-7.
  • Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Herausgegeben vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Landesbildstelle Westfalen, 1990.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Einwohner in Brilon | Briloner Wirtschaftsförderung. Abgerufen am 5. September 2018.
  2. Briloner Heimatverein (Hrsg.): Briloner Heimatbuch, Band VI. S. 31.
  3. Hugo Cramer: Der Landkreis Brilon im zweiten Weltkriege 1939–1945. 1955, Abschnitt Nehden, S. 50–52.
  4. Hugo Cramer: Der Landkreis Brilon im zweiten Weltkriege 1939–1945. 1955, Ehrentafel Abschnitt Nehden, S. 243.
  5. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 332.
  6. Eduard Belke, Alfred Bruns, Helmut Müller: Kommunale Wappen des Herzogtums Westfalen. Arnsberg 1986, ISBN 3-87793-017-4, S. 168.
  7. Infotafel in der Abteilung Dinosaurier im Stadtmuseum in Brilon
  8. Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Hrsg. LWL Landesbildstelle Westfalen, 1990, S. 5.
  9. Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Hrsg. LWL Landesbildstelle Westfalen, 1990 S. 7–8.
  10. Reinhold Huckriede: Die unterkretazische Karsthoehlen-Fuellung von Nehden im Sauerland. 1. Geologische, palaeozoologische und palaeobotanische Befunde und Datierung Forschungsergebnisse. In: Geologica et Palaeontologica, 16, 1982, S. 183–242.
  11. Inventar der erdgeschichtlichen Bodendenkmäler Westfalens, Kennziffer 4517 EB 1
  12. Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Hrsg. LWL Landesbildstelle Westfalen ,1990 S. 6–8.
  13. Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Hrsg. LWL Landesbildstelle Westfalen, 1990, S. 21–23.
  14. Jutta Heinisch: Die Saurier von Brilon-Nehden im Sauerland (= Paläontologie in Westfalen, Heft 7). Hrsg. LWL Landesbildstelle Westfalen, 1990, S. 8.