Nowawes

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Das ehemalige Stadtwappen
Nowawes auf Messtischblatt (1835)

Nowawes war eine Ortschaft östlich von Potsdam auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils Babelsberg, die von Friedrich dem Großen als Kolonie für wegen ihres Glaubens verfolgte evangelische Weber und Spinner aus Böhmen direkt neben dem alten Rundlingsdorf Neuendorf angelegt wurde. Die Weber verarbeiteten zunächst Baumwolle (Kattun) für den Berliner Kattunfabrikanten Benjamin Elias Wolff. Ein weiteres Ziel des Königs war die einheimische Herstellung von Seide, um nicht auf den Import dieses Luxusprodukts angewiesen zu sein. Auf einem dreieckigen Grundriss entstanden an mit Maulbeerbäumen (als Grundlage für die Seidenspinnerei) bepflanzten Straßen kleine Weberhäuser. Auf dem in der Mitte liegenden heutigen Weberplatz wurde durch den holländischen Baumeister Johann Boumann 1752–1753 die Friedrichskirche errichtet. Auch auf dem Kirchplatz und in der Nähe der Kolonie wurden tausende von Maulbeerbäumen angepflanzt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typisches Kolonistenhaus
(Alt Nowawes 48)

Verantwortlich für den Bau der Kolonie war zunächst der Oberst und spätere General Wolf Friedrich von Retzow, der sich schon bei der Trockenlegung des Oderbruchs bewährt hatte. Der Bau der Kolonie erfolgte 1751 bis 1754 in zwei Bauabschnitten. In den Jahren 1764–1767 wurde sie von General Heinrich Wilhelm von Anhalt erweitert, denn Retzow war im Siebenjährigen Krieg gefallen. Die Ausführung des Baus übernahm der Oberhofbaurat und Baumeister Heinrich Ludwig Manger. In der Anfangsphase führte die Kolonie den Namen „Etablissement bei Potsdam“, dann „Böhmisch Neuendorf“. Die spätere Bezeichnung Nowawes ist eine Abwandlung des tschechischen Nová Ves und bedeutet ‚neues Dorf‘.

Nowawes umfasste nach dem Ende der Bautätigkeit auf etwa 72 Hektar Fläche 210 Häuser für 420 Familien. Dort lebten 1767 bereits 1.000 Kolonisten. Zunächst waren zwei Drittel aus Böhmen, nach dem zweiten Bauabschnitt aber nur noch zehn Prozent. In diesem zweiten Abschnitt siedelten sich vor allem Handwerker (Zimmerleute, Maurer, Bäcker, Schneider, Schuster und Gärtner) an, die Friedrich II. für die Fertigstellung des Neuen Palais benötigte. Unter anderem wohnten die Eltern und der Bruder des Hofkomponisten Franz Benda in diesen Häusern.

Entwicklung von Nowawes von der „Colonie“ zur Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemaliges Rathaus von Nowawes

Der Ort wurde 1759 als Colonie Nowawes der Königlichen Kriegs- und Domainenkammer zu Potsdam unterstellt. Er hatte damals 681 Einwohner. Erst 1795 wurde er teilweise und 1837 endgültig dem Kreis Teltow untergeordnet. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein blieb Nowawes ein Weberdorf, in dem zeitweilig sehr ärmliche Verhältnisse herrschten. 1759 gab es dort 105 Hauswebstühle, 1797 schon 350. Nach einer Krise in den 1840er Jahren stieg ihre Anzahl bis 1885 auf 1.600, die aber bis zur Jahrhundertwende drastisch sank. Zur Bekämpfung des Weberelends wurde 1852 August Wichgraf als „Kommissarius der Colonie Nowawes“ eingesetzt, der mit der Einrichtung einer Musterwerkstatt für Webereien verschiedener Art die Ausbildung der Weber an modernen Geräten und in neuen Webtechniken förderte. Die Einwohnerzahl betrug 1864 rund 4.400, 1880 etwa 7.000, 1900 10.974, 1905 12.148 und 1927 bereits 27.346. Von den ursprünglichen Kolonistenhäusern sind heute noch etwa zwei Drittel erhalten. Sie stehen als Ensemble unter Denkmalschutz.

Die Industrie entwickelte sich rasch. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Textilfabriken: 1852 die erste Nähseidenfabrik des Berliner Handelshauses Liebermann & Söhne, eine zweite folgte wenig später. Zwischen 1863 und 1898 siedelten sich neun weitere Industriebetriebe an: eine Jute- und Kammgarnspinnerei (siehe auch: Fabrikgebäude der Deutschen Jute-Spinnerei und Weberei), eine Jacquardweberei, eine Tuchfabrik, zwei Teppichfabriken, eine Spinnstofffabrik, eine Sack-, Plan- und Zeltfabrik, eine Seidenweberei und eine Netzfabrik. Dann folgten 1899 die Lokomotivenfabrik von Orenstein & Koppel, eine Eisengießerei, eine Schuhfabrik und das Schallplattenunternehmen „Electrola“. 1917 entstanden schließlich in einer leeren Fabrikhalle die Filmstudios der Ufa (Universum Film AG.). Nowawes wurde Filmstadt und blieb es als Medienstadt Babelsberg bis heute.

Seit 1879 wurde Nowawes durch Theodor Hoppe zur Heimat des Oberlinvereins und beherbergte dessen Mutterhaus mit Krankenhaus und vielfältigen Betreuungs- und Bildungsangeboten sowie Einrichtungen zur schulischen, beruflichen, medizinischen und sozialen Rehabilitation. Theodor Hoppe ist der erste und einzige Ehrenbürger von Nowawes.

Durch die industrielle Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen Nowawes und Neuendorf rasch enger zusammen. An der Eisenbahnlinie zwischen Berlin und Potsdam, die durch Nowawes und Neuendorf führte, entstand 1865 eine Bahnstation zunächst unter der Bezeichnung „Neuendorf“, die 1891 durch den Namen „Nowawes-Neuendorf“ ersetzt wurde. Erste Versuche zu einem Zusammenschluss beider Gemeinden im Jahre 1892 scheiterten am Widerstand des Neuendorfer Gemeinderates, auf dessen Territorium die Mehrzahl der Industriebetriebe ansässig war. Beide Gemeinden blockierten sich teilweise gegenseitig. Nachdem Neuendorf 1894/1895 ein eigenes Rathaus baute, zog Nowawes 1900 mit seinem Rathaus nach. Allmählich reifte die Erkenntnis, dass viele gemeinsame Probleme für beide Gemeinden günstiger zu lösen wären, wenn sie sich vereinigen würden. Vertreter beider Gemeinden fassten -getrennt- am 13. August 1906 den Beschluss, Nowawes und Neuendorf am 1. April 1907 zu vereinigen. Um den neuen Ortsnamen Nowawes gab es weiterhin Streit. Von vielen Neuendorfer Bürgern wurde dieser Name abgelehnt, weil er „lediglich von den tschechisch redenden Einwohnern aus ihrer Sprache eingeführt wurde“.[1] 1924 wurde Nowawes Stadt und 1938 mit der Villenkolonie Neubabelsberg zur Stadt Babelsberg zusammengelegt. Der alte Name verschwand einerseits wegen seines slawischen Ursprungs, der den Nationalsozialisten missfiel und andererseits aufgrund der Reputation als „Rotes Nowawes“ durch die starke Arbeiterbewegung in der industriell geprägten Stadt. Lange erinnerte lediglich die Straße „Alt Nowawes“ an den Namen, doch 2006 gründete sich der Fußballverein Concordia Nowawes, in Anlehnung an den Arbeitersportverein (ASV) Concordia Nowawes, der von 1906 bis 1933 existierte.

Babelsberg wurde 1939 nach Potsdam eingemeindet.

Geburtshaus von Peter Weiss

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Personen wurden in Nowawes geboren:

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brief von 30 Neuendorfer Einwohnern an den Preußischen Minister des Innern vom 27. März 1907

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karin Carmen Jung: Die böhmische Weberkolonie Nowawes 1751–1767 in Potsdam-Babelsberg – Bauliche und städtebauliche Entwicklung, Berlin 1997, Haude und Spener, ISBN 3-7759-0407-7
  • Herbert Knoblich, Almuth Püschel et al.: Neuendorf – Nowawes – Babelsberg. Stationen eines Stadtteils. Geiger-Verlag: Potsdam 2008, ISBN 978-3-89570-653-0
  • Günter Vogler: Zur Geschichte der Spinner und Weber von Nowawes 1751–1785. Veröffentlichungen des Bezirksheimatmuseums Potsdam Heft 7, Potsdam 1965
  • Nicola Bröcker, Celina Kress und Simone Oelker, FRITZ|DORF|STADT – Kolonistendörfer in der Metropolregion, Ausstellungskatalog, Potsdam 2013 (2. Auflage)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kolonie Nowawes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 24′ N, 13° 6′ O