Nucleus tractus solitarii

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schema des Hirnstamms von dorsal mit der Rautengrube als Boden des vierten Hirnventrikels in Bildmitte, darunter rechts im Bild der Nucleus tractus solitarii (blau eingezeichnet).

Als Nucleus tractus solitarii oder Nucleus solitarius wird eine ausgedehnte Region grauer Substanz des Markhirns bezeichnet, die dorsal in dessen Haube liegt.

Dieses „Kern des Tractus solitarius“ genannte Gebiet enthält um den Tractus solitarius gruppiert eine Reihe von (Sub-)Kernen, auf die primäre viszeroafferente Fasern der drei Hirnnerven Nervus facialis (VII), Nervus glossopharyngeus (IX) und Nervus vagus (X) projizieren, im oberen Abschnitt auch spezielle des Geschmackssinns.

Lage und Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die gesamte Länge des verlängerten Marks (Medulla oblongata) oder Markhirns (Myelencephalon) erstreckt sich innerhalb der Markhirnhaube (Tegmentum myelencephali) – vom Übergang ins Rückenmark in Höhe der Pyramidenkreuzung kaudal (unten) bis in die Nachbarschaft der Area postrema rostral (oben) bzw. an die viszerosensorische Zone des kaudalen Pons reichend – jederseits das Nucleus tractus solitarii genannte viszerosensorisches Kerngebiet, welches der Tractus solitarius durchzieht. [1] Der Kernkomplex lässt sich grob in drei Abschnitte gliedern: einen kaudalen, einen medialen und einen rostralen Teil, der auch pars gustatoria genannt wird, oder Nucleus gustatorius oder Nucleus ovalis.

Die Neuronen der Kerngebiete des Komplexes arbeiten mit recht verschiedenen Neurotransmittern, und machen es schon unter diesem Aspekt zu einer vielfältigen Hirnregion. Neben cholinergen finden sich hier zahlreiche peptiderge Neuronen, mit Transmittern wie vasoaktives intestinales Peptid, Corticoliberin oder Dynorphin.

In der Pars gustatoria des Nucleus tractus solitarii enden speziell-viszerosensible Fasern pseudounipolarer Ganglienzellen aus dem Ganglion geniculi des Nervus facialis, aus dem Ganglion inferius (petrosum) des Nervus glossopharyngeus und aus dem Ganglion inferius (nodosum) des Nervus vagus. Hierbei führt das Ganglion geniculi Afferenzen von Geschmackspapillen aus den vorderen zwei Dritteln der Zunge, das Ganglion petrosum solche aus dem hinteren Drittel der Zunge und das Ganglion nodosum Afferenzen von Geschmacksknospen aus der Epiglottis zu dem Kernkomplex.

Im medialen und kaudalen Kernareal enden allgemein-viszeroafferente Fasern des Nervus glossopharyngeus und des Nervus vagus. Sie innervieren u.a. die Schleimhäute von Rachen und Kehlkopf und führen Fasern aus den Chemorezeptoren im Glomus caroticum und Barorezeptoren (Drucksinneskörperchen) im Sinus caroticus.[2]

Der Tractus solitarius führt vornehmlich primärafferente Fasern absteigend zu den gleichseitigen Kernarealen, geringfügig auch aufsteigend zu gegenseitigen solche, die im kaudalen Abschnitt kreuzen. Der als Nucleus tractus solitarii bezeichnete Kernkomplex ist unmittelbar um den Tractus solitarius herum angeordnet.

Funktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie der Name „Geschmackskern“ andeutet, laufen diesem Kerngebiet Geschmacksfasern zu. Ein gustatorischer Sinneseindruck kann allerdings erst entstehen, wenn deren Signale nach Aufarbeitung im Nucleus solitarius von hier (efferent) weitergeleitet, nach Umschaltung im Thalamus Areale der Großhirnrinde (Cortex cerebri) erreichen, etwa im Insellappen. Auf Ebene des unteren Hirnstamms jedoch spielen die Signale der speziell-viszerosensiblen Geschmacksnerven eine andere Rolle und sind in (lebenswichtigen) Verschaltungen für Funktionen der Nahrungsaufnahme bedeutsam.

So können von hier Impulse ausgehen, die den Speichelfluss erhöhen, Kaubewegungen anregen und auch den Schluckakt auslösen (sowie daneben schon die Freisetzung von Verdauungssäften stimulieren). Andererseits aber kann das Schlucken auch erschwert werden; und es kann ein Würgen, ein Husten, oder ein Niesen vermittelt werden – als Abwehrreaktion oder als Schutzreflex, um die Atemwege frei zu halten.

Außer den speziell-viszerosensorischen Primärafferenzen des Geschmacksinns erreichen den Nucleus solitarius weitere primäre Afferenzen, neben einigen somatosensorischen überwiegend allgemein-viszerosensorischen. Zu den Afferenzen aus anderen Hirnregionen zählen beispielsweise die aus der rostral benachbarten Area postrema in der Wand des IV. Ventrikels; umgekehrt erreichen Efferenzen aus dem Nucleus solitarius diese Region. Diese können darüber ein Erbrechen bewirken, wobei der verarbeitete emetogene Reiz nicht unbedingt ein Geschmacksreiz sein muss, es kann z. B. auch der Gastrointestinaltrakt gereizt werden.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gustatorisches System und Geschmackssinn. (PDF; 1,2 MB) in Anatomie.net, eingesehen am 13. August 2008
  2. D. Drenckhahn: Benninghoff Taschenbuch Anatomie, Urban und Fischer bei Elsevier, 2007, S.425ff.
  3. K. Possinger u.a.: Antiemetische Behandlung bei zytostatischer Chemotherapie. In: Dtsch Arztebl 98/2001, A-924/B-776/C-723