Offener Brief

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Ein Offener Brief (früher auch Sendschreiben oder Sendbrief, lateinisch missum) ist ein Schreiben, das als Flugschrift, in der Presse oder in anderen Medien veröffentlicht wird. Dabei ist zu beachten, dass seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert der Begriff in Deutschland und Europa meist eine andere Bedeutung hat. Er bezeichnet eine „Urkunde, die jedermann lesen konnte und sollte. Demenstprechend wurden seit dem Spätmittelalter auch öffentliche Anschläge so genannt“.[1] Durch die Form des offenen Briefs wird der Empfänger oft zu einer öffentlichen Stellungnahme zum Gegenstand des Schreibens aufgefordert. Ein offener Brief steht manchmal in Verbindung mit einer Petition oder einer Pressemitteilung und kann als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden. Ein offener Brief kann zusätzlich direkt an den oder die Empfänger zugestellt werden.

Der Offene Brief in seiner bekanntesten Form wird häufig verwendet, um Personen des öffentlichen Interesses, Vereine oder Unternehmen mit kontroversen Aussagen, gebrochenen Versprechen oder Unwahrheiten zu konfrontieren oder um ein aus Sicht des Verfassers des Briefes notwendiges Handeln des Adressaten zu provozieren.

Tatsächlich sind seine Spielformen aber sehr viel zahlreicher, wie offene Briefe zum Geburtstag (Anna Seghers an Christa Wolf zu deren 50. Geburtstag), als Literaturkritik (Marcel Reich-Ranicki an Günter Grass im Spiegel), als Satire und vor allem als „Eintrag ins Beschwerdebuch der Geschichte“ (B. Dücker) belegen.[2]

In seiner Dissertation analysiert Rolf-Bernhard Essig Beispiele Offener Briefe seit der Antike, beginnend mit Isokrates, die belegen, wie der offene Brief sich im Wechselspiel mit der Entwicklung von Öffentlichkeit verändert. So werden sie zuerst in Abschriften und mündlich verbreitet und stehen in rhetorischer Tradition.[3]

Einer der berühmtesten offenen Briefe (J’accuse) stammt von Émile Zola und thematisierte 1898 die Dreyfus-Affäre. Er löst eine erregte Debatte aus, in deren Verlauf sich das Ideal- und das Zerrbild Intellektueller ausprägt.[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Burckhard Dücker: Der offene Brief als Medium gesellschaftlicher Selbstverständigung. In: Sprache und Literatur in Wissenschaft und Unterricht, Heft 69, Nr. 1/1992, ISSN 0724-9713, S. 32–42.
  • Rolf-Bernhard Essig: Der Offene Brief. Geschichte und Funktion einer publizistischen Form von Isokrates bis Günter Grass (= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft. Bd. 267). Königshausen und Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1647-5 (zugl.: Dissertation, Universität Bamberg, 1999).
  • Reinhard M. G. Nickisch: Schriftsteller auf Abwegen? Über politische ‚Offene Briefe’ deutscher Autoren in Vergangenheit und Gegenwart. In: Journal of English and Germanic Philology, Nr. 93, 1994, S. 469–484.
  • Hans Wellmann: Der Offene Brief und seine Anfänge. Über Textart und Mediengeschichte. In: Maria Pümpel-Mader, Beatrix Schönherr (Hrsg.): Sprache – Kultur – Geschichte. Sprachhistorische Studien zum Deutschen. Hans Moser zum 60. Geburtstag. Universität Innsbruck, Institut für Germanistik, Innsbruck 1999, ISBN 3-901064-22-2, S. 361–384.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nickisch, Schriftsteller, S. 23.
  2. Essig, Der Offene Brief, S. 331–363.
  3. Essig, Der Offene Brief, S. 23–42.
  4. Essig, Der Offene Brief, S. 173–188.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: offener Brief – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen