Organon der Heilkunst

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Das Organon der Heilkunst (lat.: organum Werkzeug) ist ein Werk Samuel Hahnemanns und das Grundlagenwerk der Homöopathie. Zu Hahnemanns Lebzeiten erschienen insgesamt fünf deutsche Auflagen, von denen jede teilweise erhebliche Überarbeitungen aufwies. Die fünfte Auflage wurde mehrfach auf deutsch wiederaufgelegt. Eine sechste durch Hahnemann noch persönlich überarbeitete Auflage erschien erst 1921, mehr als 75 Jahre nach dessen Tod, das erste Mal. Auch diese wurde inzwischen mehrfach auf deutsch wiederaufgelegt. Daneben wurde das Buch in mindestens zehn Sprachen, darunter englisch, französisch und spanisch übersetzt und hatte auch in diesen Sprachen mehrere Auflagen.[1]

Schon für die erste Auflage hatte Hahnemann Fragmente aus seinen bisher veröffentlichten Schriften benutzt. Zur Vorbereitung der folgenden Auflagen nahm er jeweils ein Exemplar, ergänzte einige Sätze, strich andere und klebte Zettel mit gänzlich neuen Paragraphen ein. Dabei hatte er nie genügend Zeit am Stück, um ein Werk aus einem Guss zu schaffen. Daher hat das Organon in den späteren Auflagen eine Flickenteppich-Struktur. Innerhalb eines einzigen Satzes gibt es mitunter Teile, die zwanzig Jahre älter sind als der Rest und unterschiedliche, sich überlappende Entwicklungsstränge wiedergeben. Deswegen ist es möglich, dass sich heutige Anhänger mit unterschiedlichen Ansichten auf ein und dasselbe Werk Hahnemanns berufen.[2]

In Anbetracht des dogmatischen Grundtons der späteren Auflagen wird das „Organon“ oft als „Bibel der Homöopathie“ bezeichnet.[3] Die fünfte Auflage ist unter anderem gekennzeichnet durch verschiedene Verbalinjurien Hahnemanns sowohl gegen andere Ärzte als auch gegen ihm nicht treu ergebene Homöopathen.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Organon der Heilkunst besteht in der sechsten Auflage von 1842 aus zwei Vorworten, einer Einleitung und 291 Paragraphen, in denen die Prinzipien des Heilens und der Homöopathie dargestellt werden. In der Einleitung und zahlreichen Fußnoten zu den Paragraphen wird die Homöopathie der bisherigen Medizin gegenübergestellt und als die einzige „rationelle Heilkunst“ dargestellt.

Auflagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die erste Auflage erschien 1810 in Dresden, noch unter dem Titel Organon der rationellen Heilkunde.
  • Die vierte Auflage erschien 1829. In ihr ist noch nicht von Lebenskraft oder -princip die Rede, wie in den folgenden Auflagen, sondern vom Befinden bzw. Menschenbefinden, auf das homöopathische Arzneien einwirken könnten.
  • Die letzte zu Hahnemanns Lebzeiten erschienene Auflage war die fünfte von 1833.
  • Eine sechste und letzte Auflage hat Hahnemann handschriftlich fertiggestellt, sie wurde aber erst lange nach seinem Tod veröffentlicht, nämlich 1921 von Richard Haehl.[4] Seitdem gilt die sechste Auflage des "Organon" als das maßgebliche Grundlagenwerk der Homöopathie. 1992 ist eine textkritische Ausgabe dieser letzten Auflage erschienen. Danach entspricht Haehls Manuskriptabschrift aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Hahnemanns Vorstellungen. Vermutlich wollte Hahnemann eine um die lange Einleitung gekürzte und wesentlich schlankere Fassung herausbringen.[2]
  • Neu herausgegeben und stilistisch völlig überarbeitet wurde die 6. Auflage durch den Apotheker Kurt Hochstetter als Ausgabe 6B und erschien als 2. Auflage 1978 in Heidelberg.

Die textkritische Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Hahnemann das Organon in fünf Auflagen (1810, 1819, 1824, 1829, 1833).[5] 1842 vollendetet er in Paris das Manuskript für eine sechste (lange erwartete) Auflage, deren Publikation er nicht mehr erlebte. Über seine Witwe Mélanie Hahnemann und die Verheiratung ihrer Adoptivtochter mit dem Sohn von Clemens von Bönninghausen gelangte das unveröffentlichte Manuskript schließlich in das Gut der Familie von Bönninghausen in Darup, ohne dass es von den jeweiligen Erben zu einem erschwinglichen Preis zur Drucklegung freigegeben worden wäre. Erst in der Inflationszeit, 1921, gelang es William Boericke aus San Francisco – vermittelt durch Richard Haehl, einen Stuttgarter Homöopathen – das Organon-Manuskript von den Bönninghausen-Nachkommen gegen harte Devisen (1000 US-Dollar) zu erwerben und daraus die erste amerikanische Übersetzung zu erstellen.[6] Haehl konnte den dabei miterworbenen Nachlass Hahnemanns, zu dem auch eine Abschrift des Organon-Manuskripts gehörte, behalten und auf deren Grundlage die erste deutsche Ausgabe von Hahnemanns sechster Auflage des Organons herausgeben.[7]

Der exakte Inhalt des Originalmanuskripts Hahnemanns blieb der deutschsprachigen Welt weiterhin unbekannt, was für große Unsicherheit sorgte, zumal Hahnemann erstmals und nur in der sechsten Auflage des Organons eine veränderte Art des Potenzierens bekanntgab (Q-Potenzen) und es angesichts der Bedeutung dieses letzten Vermächtnisses für die homöopathische Praxis auf absolute Zuverlässigkeit des überlieferten Textes ankam. Erst im Jahre 1992 konnte der Medizinhistoriker Josef M. Schmidt im Rahmen eines Auslandsstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der University of California, San Francisco, in deren Library (Special Collections) sich Hahnemanns Organon-Manuskript mittlerweile befindet, die erste textkritische Ausgabe davon erstellen und im Haug-Verlag publizieren.[8] Damit lag – nach 150 Jahren – erstmals der deutsche Text von Hahnemanns letzter Hand der interessierten Öffentlichkeit vor.

Auf der heute wissenschaftlich allein maßgeblichen textkritischen Ausgabe beruhen auch die Standardausgabe von 1996,[9] die Organon-Synopse von 2001,[10] die Neufassung mit Systematik und Glossar von 2003[11] sowie alle neueren Übersetzungen, etwa ins Englische,[12] Polnische,[13] Spanische[14] oder Französische.[15] Alle übrigen auf dem Markt kursierenden Organon-Ausgaben (von Marix, Narayana, Barthel & Barthel, Hippokrates usw.) sind ausnahmslos Nachdrucke des veralteten Haehlschen Textes von 1921.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Laut Ergebnis bei Worldcat
  2. a b c Matthias Wischner: Kleine Geschichte der Homöopathie, Forum Homöopathie, KVC Verlag Essen 2004, ISBN 3-933351-41-3
  3. Robert Jütte: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. C.H. Beck Verlag, München 1996. ISBN 3-406-40495-2, S. 181
  4. Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunde. Aude sapere. Nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Aufl. hrsg. und mit Vorwort versehen von Richard Haehl, Leipzig 1921; Neudruck, hrsg. von Herbert Sigwart und Ulrich Welte, Blansingen 1984; Nachdruck, deklariert als 2. Aufl., ebenda 1987.
  5. Josef M. Schmidt: Bibliographie der Schriften Samuel Hahnemanns. Siegle-Verlag, Rauenberg 1989, ISBN 3-9802320-0-X, S. 13 f. (PDF; 6 MB).
  6. Samuel Hahnemann: Organon of Medicine. Sixth edition, after Hahnemann’s own written revision for the sixth edition, translated with preface by William Boericke. Boericke & Tafel, Philadelphia 1922.
  7. Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Auflage herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Richard Haehl. Willmar Schwabe, Leipzig 1921.
  8. Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Textkritische Ausgabe der von Samuel Hahnemann für die sechste Auflage vorgesehenen Fassung. Bearbeitet, herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Josef M. Schmidt. Haug, Heidelberg 1992, ISBN 3-7760-1253-6 (PDF; 6 MB).
  9. Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Standardausgabe der sechsten Auflage. Auf der Grundlage der 1992 vom Herausgeber bearbeiteten textkritischen Ausgabe des Manuskriptes Hahnemanns (1842) herausgegeben von Josef M. Schmidt. Haug, Heidelberg 1996, ISBN 3-7760-1590-X (Vorwort des Herausgebers; PDF; 760 kB).
  10. Samuel Hahnemann: Organon-Synopse. Die 6 Auflagen von 1810-1842 im Überblick. Bearbeitet und herausgegeben von Bernhard Luft und Matthias Wischner. Haug, Heidelberg 2001.
  11. Samuel Hahnemann: Organon der Heilkunst. Neufassung der 6. Auflage mit Systematik und Glossar von Josef M. Schmidt. Elsevier, München 2003, ISBN 3-437-56621-0 (Vorwort des Herausgebers; PDF; 2 MB).
  12. Samuel Hahnemann: Organon of the Medical Art. The sixth edition of Samuel Hahnemann's work of genius based on a translation by Steven Decker. Edited and annotated by Wenda Brewster O'Reilly. Birdcage Press, Redond, Washington 1996.
  13. Samuel Hahnemann: Organon sztuki uzdrawiania. Krytycna edycja manuskryptu (1842 r.) opracowana przez Josefa M. Schmidta w. 1992 r. [Transl. by Ewa M. Grott]. Wydawnictwo DiG, Warszawa 2004.
  14. Samuel Hahnemann: El Organon del arte de curar. En búsqueda del pensamiento original de Hahnemann. [Transl. by Raul Gustavo Pirra]. RGP Editiones, Buenos Aires 2008.
  15. Samuel Hahnemann: Organon de l'Art de guérir, 6e édition. Traduction Sylvie Gendre. Éditions Dynamis, Québec, Canada 2015.

Digitale Volltextausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Samuel Hahnemann, J. M. Schmidt (Hrsg.): Organon der Heilkunst. Standardausgabe der 6. Auflage. Haug, Heidelberg 1996/1999.
  • Samuel Hahnemann, B. Luft, M. Wischner (Hrsg.): Organon-Synopse. Die 6 Auflagen von 1810–1842 im Überblick. Haug, Heidelberg 2001.
  • Jacques Baur, Wolfgang Schweitzer: Ein Buch geht um die Welt. Die kleine Geschichte des Organon des Dr. Ch. F. Samuel Hahnemann. Haug, Heidelberg 1979.
  • Kommentare:
  • Matthias Wischner: Organon-Kommentar. KVC-Verlag, Essen 2001/2005.
  • James Tyler Kent: Kent’s Organon-Kommentar. Übersetzt von Max Tiedemann. Verlag des Niedersächsischen Institut für homöopathische Medizin e. V., Celle 1994.
  • Sprachliche Bearbeitungen:
  • Theo Raspe: Hahnemann’s Organon. Kurzgefaßt, in heutiger Sprache, Barthel & Barthel, Schäftlarn 1996.
  • Ulrich Kohler: Hilfe zu Samuel Hahnemanns Organon der Heilkunst. Hahnemann Institut, Greifender 1999.
  • Josef M. Schmidt: Organon der Heilkunst. Neufassung mit Systematik und Glossar. Elsevier, München 2003.
  • Günter Macek: Organon 6 der Heilkunst, Lern- und Arbeitsbuch – Gesamtausgabe. Irl-Verlag, 2007.
  • Georg Haehn: Samuel Hahnemanns Einführung in die Homöopathie. Norderstedt 2008.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]