Paludikultur

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Paludikultur [engl.: paludiculture] (v. lat. palus „Morast, Sumpf“ und cultura „Bewirtschaftung“) ist die landwirtschaftliche Nutzung von nassen oder wiedervernässten Moorböden. Der Anbau von Röhrichten für Dachreet ist ein traditionelles Beispiel. Neue Verfahren sind die Energiegewinnung aus Schilfbiomasse oder die Kultivierung von Torfmoosen als Torfersatz in Kultursubstraten im Gartenbau. Ein wichtiges Ziel der Paludikultur ist der Erhalt oder die Neubildung von Torf. Ein umfangreiches Projekt zur Paludikultur läuft an der Universität Greifswald.

Entwässerung und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis heute werden Moore großflächig für Land- und Forstwirtschaft sowie Torfabbau entwässert. Dadurch werden die über Jahrtausende gebildeten Torfe belüftet und von Mikroben zersetzt. Die Folgen sind eine Bodendegradierung und Moorsackung. Dieser sogenannte „Teufelskreis der Moornutzung“ (KUNTZE, H. (1983). Probleme der modernen landwirtschaftlichen Moornutzung, in: Telma 13: 137–152) führt zum Verlust von standorttypischer Biodiversität, Verlust der Wasserfilter-, Wasserspeicher- und Rückhaltefunktion und steigert die Belastung von Grund- und Oberflächenwasser durch Nährstoffausträge. Vor allem setzen entwässerte Moorböden enorme Mengen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid frei. Schließlich entstehen durch Absenken der Grundwasserhorizonte andauernde Folgekosten auch nach Ende der Ertragszuwächse. Die fortwährende Degradierung macht diese Flächen zudem langfristig nicht nutzbar.

Emissionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl Moore lediglich 3 % der Landfläche der Erde ausmachen, speichern sie mit 450 Gt mehr Kohlenstoff als der gesamte Waldbestand der Erde (Bridgham et al. 2006, Dixon et al. 1994). Weltweit sind 0,3 % der Moore entwässert, emittieren jedoch zwei Gt CO2 jährlich (FAO 2012). Das ist ein Drittel der Treibhausgase aus Land- und Forstwirtschaft, also 6 % der gesamten vom Menschen verursachten Kohlenstoffemissionen. Das entspricht der dreifachen Menge des globalen Flugverkehrs (IPCC 2001). Entwässerte Moore sind damit Hotspots der Emission von Treibhausgasen.

Wiedervernässung und Paludikultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angesichts des Nutzungsdrucks einer wachsenden Weltbevölkerung rechnen Experten nationaler und internationaler Organisationen damit, dass Moorflächen der Landwirtschaft auch in Zukunft zur Verfügung stehen müssen. Damit sie als Kohlenstoff- und Wasserspeicher funktionieren, empfiehlt etwa die FAO MICCA (FAO 2012), Moore nicht zu entwässern, sondern als nasse oder wiedervernässte Standorte durch Paludikultur zu nutzen.

Paludikultur auf Niedermoor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geeignete Paludikultur-Pflanzen für wiedervernässte Niedermoore sind Halmgüter wie Schilf, Seggen, Rohrglanzgras, Gehölze (z. B. Schwarzerle) oder auch Kräuter (z. B. Fieberklee und Baldrian). Röhrichte und Riede lassen sich stofflich als Bau- und Dämmstoff verwerten oder in Form von Briketts, Pellets oder Biogas zur Energiegewinnung. Die gewonnene Biomasse lässt sich als regionaler nachwachsender Rohstoff energetisch zur dezentralen Wärme- und Stromerzeugung nutzen. Sie ist „Bio“-Energieträgern wie Mais- oder Grassilage auf gedräntem Moor in der Bilanz klar überlegen (Wichtmann u. Wichmann, TELMA Beiheft 4 2011). Die Biomasse von 1 ha Schilf (8 t) entspricht dem Energiegehalt von 3000 l Heizöl (Schröder et al. 2012). Halmgüter wie Schilf und Seggen haben einen ähnlich hohen Heizwert wie Holz (Couwenberg, 2007).

Paludikultur auf Hochmoor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Torfmoose (lat. Sphagnum) lassen sich auf degradierten Hochmooren kultivieren und als Alternative zu gering zersetztem Weißtorf in gartenbaulichen Kultursubstraten verwenden. Der weltweite Bedarf an Weißtorf beträgt jährlich 30 Mio. m³. Dieser wird bisher durch Torfabbau gewonnen. Die Zerstörung sensibler Ökosysteme und die Freisetzung von CO2 sind die Folge. Die Vorräte an abbaubarem Weißtorf in West- und Mitteleuropa sind nahezu erschöpft, importiert z. B. Deutschland als derzeit europaweit größter Substratproduzent und -nutzer für den Erwerbsgartenbau 1,8 Mio. m³. Durch den Anbau von Torfmoosen auf wiedervernässten Hochmoorflächen ist eine Möglichkeit hochwertige Kultursubstrate als nachwachsenden Rohstoff nachhaltig zu produzieren.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Amtsblatt der Europäischen Union, Reihe L: BESCHLUSS Nr. 529/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates. Brüssel 21. Mai 2013. Amtsblatt der Europäischen Union - BESCHLUSS Nr. 529/2013 (PDF)
  • Bridgham, S. D., Megonigal, J. P., Keller, J. K. et al.: The Carbon Balance of North American Wetlands. Wetlands 26, 4/2006, S. 889–916.
  • Couwenberg, J. 2007. Biomass energy crops on peatlands: on emissions and perversions. IMCG-Newsletter 2007/3: 12–14.
  • Dixon, R. K., Solomon, A. M., Brown, S. et al.: Carbon Pools and Flux of Global Forest Ecosystems. Science Vol. 263, 1994, 185–190.
  • FAO and Wetlands International, Hans Joosten, Marja-Liisa Tapio-Biström & Susanna Tol Hrsg.: Peatlands - guidance for climate change mitigation by conservation, rehabilitation and sustainable use. 2. Auflage, Rom 2012. ISBN 978-92-5-107302-5 FAO-Broschüre "Peatlands" (PDF; 5,4 MB)
  • Gaudig, G. et al. (2014): Moornutzung neu gedacht: Paludikultur bringt zahlreiche Vorteile. - ANLiegen Natur 36(2): 67–74, Laufen. PDF 0,9 MB.
  • Institut für Botanik und Landschaftsökologie Universität Greifswald Hrsg.: Paludikultur. Perspektiven für Mensch und Moor. Greifswald 2011. Broschüre "Paludikultur" (PDF; 1,2 MB)
  • Institut für Botanik und Landschaftsökologie Universität Greifswald Hrsg.: Paludiculture. Sustainable productive utilisation of rewetted peatlands. Greifswald 2012.
  • IPCC Hrsg. (2001): Aviation and the Global Atmosphere. Arendal 2001.IPPC-Report "Aviation and the Global Atmosphere"
  • Schröder, C., Dahms, T., Wichmann, S., Wichtmann, W., & Joosten, H. (2012): Paludikultur - Ein regionales Bioenergiekonzept für Mecklenburg-Vorpommern. 6. Auflage. Universität Rostock, Rostock. 76 S.
  • UNEP, Achim Steiner Hrsg.: UNEP Yearbook 2012. Nairobi 2012.UNEP Yearbook 2012 (PDF; 16,1 MB)
  • W. Wichtmann, S. Wichmann: Energetische Nutzung von Niedermoorbiomasse. In: Bioenergie – Chance und Herausforderung für die regionale und globale Wirtschaft. Tagungsband zum 3. Rostocker Bioenergieforum. Band 23, Institut für Umweltingenieurwesen, 2009, ISBN 978-3-86009-068-8, S. 87–99.
  • W. Wichtmann, A. Schäfer: Alternative management options for degraded fens – utilisation of biomass from rewetted peatlands. In: T. Okruszko, E. Maltby, J. Szaty-lowicz, D. Swiatek, W. Kotowski: Wetlands: Monitoring, Modeling and Management. Taylor & Francis/Balkema, Leiden (Netherlands) 2007, S. 273–279.
  • W. Wichtmann, H. Joosten: Paludiculture: peat formation and renewable resources from rewetted peatlands. IMCG-Newsletter, issue 2007/3, August 2007, S. 24–28.
  • W. Wichtmann und S. Wichmann: Paludikultur: Standortgerechte Bewirtschaftung wiedervernässter Moore / Paludicultur – site adapted management of re-wetted peatlands. TELMA Beiheft 4 2011, Seite 215–234
  • Wichtmann, W., S. Wichmann & F. Tanneberger (2010): Paludikultur – Nutzung nasser Moore: Perspektiven der energetischen Verwertung von Niedermoorbiomasse. Naturschutz und Landschaftspflege in Brandenburg, Heft 1/2
  • Wichtmann, W., F. Tanneberger, S. Wichmann & H. Joosten (2010): Paludiculture is paludifuture. Climate, biodiversity and economic benefits from agriculture and forestry on rewetted peatlands. Peatland International. I/2010, 48 – 51
  • H. Joosten, D. Clarke: Wise Use of Mires and Peatland. International Mire Conservation Group, NHBS, Totnes 2002, ISBN 951-97744-8-3.
  • F. Tanneberger, W. Wichtmann: Carbon credits from peatland rewetting. Climate - biodiversity - land use. 2011. ISBN 978-3-510-65271-6. Schweizerbart Science Publishers, Stuttgart