Papierfabrik Wilhelm Euler

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Die Papierfabrik Wilhelm Euler (W. Euler Papierfabrik GmbH & Co. KG; ab 1922 W. Euler, Maschinenpapierfabrik A.-G.[1][2] und später W. Euler, Papierfabrik, Kommandit-Ges.[3]) war eine Papierfabrik im südhessischen Bensheim. Im Volksmund hieß die Fabrik auch „Der Euler“.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fabrik wurde 1859 (nach einigen Quellen 1871 oder 1872[5]) als Strohpapierfabrik Carl Hemmerde & Co südlich des Bensheimer Friedhofs gegründet und nach mehreren Eigentümerwechseln 1873 von Wilhelm Euler übernommen.[6] Nach Angaben des Historikers Heinz Stoob erfolgte die Gründung im Jahr 1867 und die Übernahme 1875.[7]

Unter Wilhelm Eulers Leitung zählte das Unternehmen zu den zehn größten Papierfabriken Europas.[6] 1907 übergab er die Leitung des Betriebs an seinen gleichnamigen Sohn, genannt „Willie“ (* 1876). Sein zweiter Sohn Karl (Vater von F. W. Euler und Horst Euler), war bis zu seinem Tod 1933 als Chemiker und Prokurist in der Fabrik tätig.[8]

Bekannt ist, dass Willie Euler aus gesundheitlichen Gründen 1929 die Firmenleitung an Ernst Theodor Arnold (* 4. September 1888 in Lorsch; † 31. Mai 1978 in Darmstadt) übertrug, einen Enkel von Paul Arnold, der selbst mit Elisabeth „Elli“ Koch (* 3. Januar 1914 in Darmstadt; † nach 1990), Tochter des Bauingenieurs und Hochschullehrers Alexander Koch, verheiratet war.[9] 1933 übernahm Willie Eulers einziger Sohn Wilhelm, genannt „Will“ (1905–1971), in dritter Generation die Leitung der Firma. Nach seinem Tod übernahm für zwei Jahre sein Neffe Horst Schmidt die Geschäftsleitung, der schon 1967 als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma eingetreten war.[8]

In den umsatzstarken Jahren waren über 300 Mitarbeiter beschäftigt um Büro-Kartonage und andere Papierwaren herzustellen.

Vor dem Abriss befindliche Maschinenhalle. Links die denkmalgeschützte Ziegelwand
Ansicht von Süden, 2006

1998 erwarb die Papierfabrik August Koehler Hauptanteile der Dresden Papier GmbH in Greiz sowie die Mehrheit an der Papierfabrik Euler und gründete die Euler Greiz GmbH & Co. KG im thüringischen Greiz als Tochterunternehmen der Bensheimer Euler Papierfabrik. Schon 1922 hatten sich die Familien Koehler und Euler jeweils am anderen Unternehmen beteiligt.[10]

Im Januar 2007 wurde der Betrieb mit damals noch 115 Mitarbeitern eingestellt. Die Fabrikhallen auf dem 4500 m² großen Gelände wurden 2010, bis auf eine denkmalgeschützte Ziegelwand, vollständig abgerissen.[11] Einige Arbeiterhäuser und Teile der Fabrik wurden ebenso von Heinrich Metzendorf geplant.[12][13]

Das Forschungsnetzwerk Industriekultur und Lokales Gedächtnis beschäftigt sich ausführlich mit der Geschichte der alten Papierfabrik.

Denkmalschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das von Heinrich Metzendorf um 1904 errichtete Fabrikations- und Bürogebäude der ehemaligen Papierfabrik in der Friedhofstraße steht unter Denkmalschutz.[14] Ebenso ein 1920 erbautes Transformatorenhäuschen in der Friedhofstraße 80.[15]

Die sogenannten Werkmeisterhäuser der Fabrik, ein Ensemble von drei der Gebrüder Metzendorf zwischen 1902 und 1906 erbauten zweigeschössigen Arbeiterhäusern, werden von Bauhistorikern als Pionierarbeit auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus eingeordnet. Im Rahmen des Schulprojekts „denkmal aktiv − Kulturerbe macht Schule“ unter Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission (siehe hierzu auch Deutsche Stiftung Denkmalschutz#Öffentlichkeitsarbeit für Denkmalschutz) setzten sich 2013/2014 Schüler der Bensheimer Heinrich-Metzendorf-Schule mit der historischen Bedeutung der in desolatem Zustand befindlichen Häuser auseinander. Fachlich beraten wurde das Projekt vom Architekten und Hochschullehrer Frank Oppermann, vom Architekten Sanjin Maracic und von Rainer Metzendorf.[16]

Schon 2007 befassten sich drei Schüler des Alten Kurfürstliches Gymnasium Bensheim Im Rahmen einer Ausstellung des Freilichtmuseums Hessenpark mit der Thematik der Papierfabrik. Der Begleitband zur Ausstellung enthielt unter anderem Artikel von Thomas Kaffenberger und vom Kulturanthropologen Heinz Schilling. Schilling hatte 2007 eine Lehrerfortbildung zu diesem Thema am Gymnasium angeboten.[17]

Nachnutzung des Fabrikgeländes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige Holzplatz wurde in den Jahren 2008 bis 2010 bebaut. Auf dem restlichen „Euler-Gelände“ wurde bereits 2012 mit dem Bau von 300 Wohneinheiten begonnen. Die Koehler Paper Group als Eigentümer des Geländes hatte sich zudem verpflichtet, den verdolten Meerbach auf dem Gelände freizulegen und einen naturnahen Ausbau vorzunehmen. Der ehemalige Backstein-Trafo-Turm sollte zudem als Stromversorger des Areals sowie zur Ansiedelung von Fledermäusen dienen.[18] 2014 verkaufte Koehler das Areal an die Bouwfonds Immobilienentwicklung GmbH mit Hauptniederlassung in Frankfurt am Main[19] (seit 2015 BPD; abgeleitet von Holding Bouwfonds Property Development).[20] Zu diesem Zeitpunkt sollten auf dem 41.000 m² großen Gelände rund 240 Wohneinheiten, 40 Einfamilienhäuser und rund 200 Eigentumswohnungen in 14 Mehrfamilienhäuser, entstehen. Das Unternehmen erwarb bereits 2006 den früheren LKW-Wendeplatz und realisierte das Einfamilienhaus-Projekt „Classico“ mit 27 Einfamilienhäusern.[19] Im Oktober 2014 stellte Bouwfonds den Baubeginn der Hochbauarbeiten im Herbst 2015 in Aussicht.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Freilichtmuseum Hessenpark GmbH, Forschungsnetzwerk: Was bleibt: Zur Erinnerung an das Ende der Bensheimer Papierfabrik. Darmstadt 2014, ISBN 3-86314-263-2, S. 96.
  • Angela Forberg: Dokumentation des Denkmal – aktiv – Projektes der Heinrich Metzendorf Schule im Schuljahr 2013/2014, Heinrich Metzendorf Schule, Bensheim 2014. (online)
  • Papierfabrik Euler. Geschichte einer Region. In: Ioana Alexandra Bang: Fabrik als Heimat: Biographieforschung bei Beschäftigten eines ehemaligen Industriebetriebs. 2009, S, 6 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Papier-Fabrikant, 20. Jg., 1922, S. 1578. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Wochenblatt für Papierfabrikation, Band 63, Verein Deutscher Papierfabrikanten, 1932, S. 867. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  3. O. Elsner: Der Papier-Fabrikant, Band 40, 1942. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  4. Ausstellung über die Papierfabrik Euler, morgenweb, 13. November 2013.
  5. Koehler schließt Bensheimer Papierfabrik. Sabine Schwendemann, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  6. a b Aufstieg und Ende der Papierfabrik Euler, morgenweb, 23. November 2013.
  7. Heinz Stoob: Deutsches Städtebuch: Handbuch städtischer Geschichte, Kohlhammer Verlag, S. 63. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  8. a b Christine Will: Geschichte der Familie Euler, Bergsträßer Anzeiger, 13. Februar 2015.
  9. George Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer, Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1929. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  10. Koehler macht Bensheim dicht, Baden Online, 28. Juni 2006.
  11. Letzte Reste der Vergangenheit. Echo online, abgerufen am 11. Oktober 2015.
  12. Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Papierfabrik Euler in der Deutschen Digitalen Bibliothek, abgerufen am 2. November 2015.
  13. Mohamed Scharabi: Architekturgeschichte des 19. Jahrhunderts, Wasmuth Verlag, 1993, S. 178. ISBN 978-3-8030-0159-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. Friedhofstraße 67, Kulturdenkmäler in Hessen.
  15. Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Bensheim, Friedhofstraße 80 in der Deutschen Digitalen Bibliothek, abgerufen am 2. November 2015.
  16. Auf den Spuren der Architektenbrüder Metzendorf – Die Werkmeisterhäuser der ehemaligen Papierfabrik in Bensheim an der Bergstrasse, denkmal aktiv.
  17. Thomas von Machui: Was bleibt – Erinnerungen an das Ende der Bensheimer Papierfabrik, Altes Kurfürstliches Gymnasium Bensheim, 2007.
  18. Euler-Gelände: Die Riesenlücke wird geschlossen, Echo online, 22. Januar 2012.
  19. a b Euler-Gelände: Gutes Signal für Bensheim, Pressemeldung der Stadt Bensheim, 2014.
  20. Bouwfonds ist BPD seit 1. Januar 2015, Bouwfonds, 2015.
  21. Dirk Rosenberger: Euler-Vermarktung startet im Frühjahr, Morgenweb, 31. Oktober 2014.