Paul Pelliot

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Paul Pelliot
Pelliot Mission Plan

Paul Pelliot (* 28. Mai 1878 in Paris; † 26. Oktober 1945 ebenda[1]) war ein französischer Sinologe, Zentralasienforscher und leitete mehrere archäologische Expeditionen nach Zentralasien. Im Zuge seiner Forschungen wurde er zum Gründer der mongolischen Geschichtsforschung, der Mongolistik. Er war Schüler von Sylvain Lévi.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sinologe Erich Haenisch schildert Pelliot in seinem Nachruf 1951 als einen Wissenschaftler mit herausragender Verstandes- und Urteilsschärfe, der über ein schier unvorstellbares, universelles Wissen verfügt habe. Er habe außerdem jede Sprache leicht gelernt und ihm seien nur selten Irrtümer unterlaufen. In seinem Arbeitsbereich "Ost- und Innerasien" habe er zuverlässige Grundlagen für eine mögliche Zusammenschau der kulturellen Entwicklung, der Geschichte und Sprache dieses Gebietes geliefert.

Pelliot sei schon als 22-jähriger junger Mann berühmt gewesen, erwähnte Haenisch. Nach seiner Ausbildung bei E. Chavannes, Sylvain Lévi und H. Dordier ging er 1900 nach Hanoi und unterrichtet dort an der École d'Extrême-Orient. Von hier aus hielt er sich auch in Peking auf, um dort schriftliche Quellen zu finden und zu studieren. Er beteiligte sich auf französischer Seite in Peking an der Niederschlagung des Boxeraufstands und wurde wegen Tapferkeit mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Pelliot zwischen den Manuskripten in der Grotte Nr. 163 von Mogoa.

Ab 1905 unternahm Pelliot im Auftrag der Französischen Regierung in Turkestan Grabungen und Forschungen in der Gegend, in der zwischen 1894 und 1908 schon Sven Hedin und Aurel Stein sensationelle Funde gemacht hatten. Auch preussische, russische und englische Expeditionen hielten sich zeitgleich dort auf. Er fand dabei in den 15 Meilen südwestlich von Tun-huang entfernt liegenden Mogao-Grotten eine große handschriftliche Bibliothek.

Die Texte waren in chinesisch, tibetanisch und weiteren zentralasiatischen Sprachen verfasst. Ihre Entstehungszeit wurde ins 4./5. Jahrhundert n. Chr. datiert. Dieser Fund machte ihn berühmt. Er hat darüber - außer in zwei Arbeiten zusammen mit E. Chavannes - nichts weiter veröffentlicht.

1911 erhielt er einen für ihn geschaffenen Lehrstuhl der Sprachen und Geschichte Zentralasiens am Collège de France. Während des 1. Weltkriegs war er als Militärattaché in Peking. 1921 wurde er Mitglied des Collège de France. Er war ferner Ehrenmitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und gab ab 1920 bis zu seinem Tod 1945 die erste, 1890 gegründete, internationale Fachzeitschrift für Sinologie mit dem Namen T'oung Pao heraus.[2]

Pelliot wurde nach dem Krieg Mitglied der Société asiatique und veröffentlichte in den beiden Zeitschriften T'oung Pao und Journal Asiatique eine Vielzahl von Artikeln, in denen er auch hohe Maßstäbe für die bibliographische, textliche und linguistische Kompetenz von Sinologen forderte. In seinen Chinesischkursen, so berichtete der Asienwissenschaftler Denis Sinor ließ er Studenten ohne Vorkenntnisse mit einem Wörterbuch einen Text übersetzen und überschüttete sie mit seinen detaillierten Kommentaren. Er rügte auch Kollegen für fehlerhafte Kenntnisse. Sein Kollege Hellmut Wilhelm bezeichnete ihn als "Polizisten der Sinologie".

Pelliot stand für die klassische Kombination zwischen Sprache und Geschichte in der Sinologie. Auf heftige Kritik aus anderen Fachbereichen der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften reagierte er verletzt und abwehrend.[3]

1945 starb er an Krebs. Anlässlich seines Todes wurde gesagt, dass die Sinologie ohne ihn verwaist sei.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außer einer Vielzahl von Veröffentlichungen, z. B. in den Fachzeitschriften Toung-Pao und Journal Asia, gibt es von Pelliot keine zusammenfassenden, auswertenden Darstellungen seiner Ausgrabungen und Sprachforschungen. Er hinterließ eine Reihe von Aufsätzen und Notizen zur Auswertung für andere Forscher. Eine erste posthume Veröffentlichung war die Textrekonstruktion und Übersetzung des Jüan-ch'ao pi-shi (Texte über die Die Geheime Geschichte der Mongolen).[4] Er habe als erster Sinologe, so Haenisch, darin ein zusammenhängendes Textstück im mongolischen Wortlaut wieder hergestellt. Es stehe ihm deshalb zu, Gründer der mongolgischen Geschichtsforschung genannt zu werden. Der Turkologe Poppe und der Asienwissenschaftler Sinor bewerteten die Arbeit Pelliot's nicht so hoch wie Haenisch.

Pelliot's Kommentar zu dieser Übersetzung ist verloren gegangen, im Nachlass finden sich dazu nur "mongolische Notizen". Möglicherweise geben sie näheren Aufschluss. Von der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft wurde angeregt, den Nachlass auszuwerten. Man brauche auch nach dem Tod Pelliots in der Sinologie seine führende Hand.[5]

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Musée Guimet in Paris ist eine Galerie nach ihm benannt.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

als Autor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze
  • mit Édouard Chavannes: Un traité manichéen retrouvé en Chine. In: Société asiatique (Hrsg.): Journal Asiatique, 1911, S. 499–617; 1913, S. 99–199, 261–392, ISSN 0021-762X
  • Les influences iraniennes en Asie Centrale et en Extrême-Orient. In: René Mabillon. Revue d'Histoire et de Littérature Religieuses N.S., 3 (1912), S. 97–119, ISSN 0035-3620
  • Mo-ni et manichéens. In: Journal Asiatique, 1914, S. 461–470, ISSN 0021-762X
  • "Le 'Cha-tcheou-tou-fou-t'ou-king' et la colonie sogdienne de la région du Lob Nor. In: Journal Asiatique, 1916, S. 111–123, ISSN 0021-762X
  • mit Gino Borghezio, Henri Masse und Eugène Tisserant: Les Mongols et la Papauté. Documents nouveaux. In: Revue de l'Orient chrétien 3e sér. 3 (23), 1922/23, S. 3–30; 4(24), 1924, S. 225–335; 8(28), 1931, S. 3–84.
  • Les traditions manichéennes au Foukien. In: T'oung Pao, Bd. 22 (1923), S. 193–208.
  • Neuf notes sur des questions d'Asie Centrale. In: T'oung Pao, Bd. 24 (1929), S. 201–265.
Bücher
  • Histoire Secrète des Mongols. Restitution du texte mongol et traduction francaise des chapitres I a VI, Paris 1949.
  • Louis Hambis (Hrsg.): Notes on Marco Polo. Klincksieck, Paris 1959/63 (posthum)
  • Recherches sur les chrétiens d'Asie centrale et d'Extrême-Orient I. Imprimerie Nationale, Paris 1973.
  • Antonino Forte (Hrsg.): L'inscription nestorienne de Si-ngan-fou. Scuola di studi sull'Asia orientale, Kyoto 1996, ISBN 2-85757-056-2.

als Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Meou-tseu, ou les doutes levés. In: T'oung Pao, Bd. 19 (1920), S. 255–433.[6]
  • mit Robert Gauthiot: Le sûtra des causes et des effets du bien et du mal. Edité‚ et traduit d'après les textes sogdien, chinois et tibétain. Paris 1920 (2 Bände)

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Haenisch: Paul Pelliot (28. Mai 1878 bis 26. Oktober 1945). Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 101 1951, pp. 9-10.
  • Nicole Vandier-Nicolas, Monique Maillard: Les Grottes de Touen-houang. Herausgegeben vom Collège de France, Paris 1981. (Mit Notizen von Pelliot.)
  • Peter Hopkirk: Foreign Devils on the Silk Road. The Search for the Lost Cities and Treasures of Chinese Central Asia. The University of Massachusetts Press, Amherst MA 1980, ISBN 0-87023-435-8.
  • Peter Hopkirk: Die Seidenstrasse. Auf der Suche nach verlorenen Schätzen in Chinesisch-Zentralasien. Erste Auflage: List Verlag, München 1986, ISBN 3-471-77867-5.
  • Hartmut Walravens: Paul Pelliot (1878-1945): his life and works : a bibliography. Indiana University, Research Institute for Inner Asian Studies, 2001.
  • Drège, Jean-Pierre / Zink, Michel / Pinault, Georges-Jean / Will, Pierre-Etienne / Scherrer-Schaub (Hg.): Paul Pelliot, de l'histoire à la légende. Colloque international, Collège de France et Académie. Erschienen bei Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Paul Pelliot – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die kleine Enzyklopädie, Encyclios-Verlag, Zürich, 1950, Band 2, S. 332.
  2. Erich Haenisch: Paul Pelliot (28. Mai 1878 bis 26. Oktober 1945). Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 101 1951, pp. 9-10.
  3. Vgl. Bruce Brooks: Paul Pellier: Sinologische Porträts.
  4. Das Werk enthalte viele Fehler, aber auch sehr viel Richtiges, z.B. die Rechtschreibung neuer Wörter, kommentierte es der Sinologe Erwin Ritter von Zach in einer Rezension. Wegen seiner vielen Irrtümer aber solle Pelliot Texte des Kollegen Toyohachi Fujita lesen, um ihnen auf die Spur zu kommen. Hinsichtlich der Qualität seiner Übersetzung riet er Pelliot, sich nicht zu wundern, wenn sein Name in der neuesten Auflage der Encyclopædia Britannica (1929) nicht mehr genannt werde. Pelliot hatte Zach im gleichen Jahr wegen mangelhafter Fachkompetenz als Autor aus der T'oung Pao verbannt. Vgl. Hartmut Walravens (Hg.): Erwin Ritter von Zach (1872-1942) Gesammelte Rezensionen. Chinesische Geschichte, Religion und Philosophie in der Kritik. Berlin 2005, S. 95.
  5. Erich Haenisch: Paul Pelliot (28. Mai 1878 bis 26. Oktober 1945). Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 101 1951, pp. 9-10. Permanenter Link
  6. Unveränderter Nachdr. Kraus Reprint, Nendeln 1975.