Proteische Persönlichkeit

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Proteische Persönlichkeit (engl. Protean Self, wörtlich Proteisches Selbst) ist ein vom amerikanischen Psychologen Robert J. Lifton erstmals 1993 verwendeter und vom amerikanischen Soziologen Jeremy Rifkin im Jahr 2000 popularisierter Begriff für den vernetzten Menschen des 21. Jahrhunderts der zur Generation Y gehörenden Digital Natives. Der Name bezieht sich auf den für seine Wandelbarkeit bekannten griechischen Meeresgott Proteus, der verschiedene Gestalten annahm, um Fragen zu entkommen.

Nach dieser Theorie zeichnet sich der moderne Menschentyp dadurch aus, dass er extrem anpassungsfähig ist. Er besitzt keinen klar umrissenen Charakter, sondern schlüpft in viele Rollen. Absolute Wahrheiten existieren für ihn nicht, Politik oder soziales Engagement sind ihm zuwider. Er hält sein ganzes Leben für eine einzige Bühne, auf der er Rollen aufführt.

Fragmentiertes Bewusstsein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hintergrund dieser Entwicklung ist das Aufkommen von Netzwerken wie dem Internet, in dem die Menschen sehr viel Zeit verbringen und wo sie ganz unterschiedliche Rollen annehmen können. Die Anzahl der Interaktionen mit den unterschiedlichen Menschen nahm rapide zu. Auch der gegenwärtig stattfindende rasante technische und soziale Wandel verlangt einen flexiblen Menschen, der sich an verändernde Umwelten, neue Umstände und verschiedene Erwartungen problemlos anpassen kann.

Menschen, die sich als autonomes Individuum verstehen, werden nach dieser Theorie langsam zum Anachronismus. Der neue Mensch versteht sich eher als Knoten unterschiedlichster Beziehungen. „Wir existieren nicht mehr länger als Subjekte, sondern eher als Terminal, in dem zahlreiche Netze zusammenlaufen“.[1] Zumindest einige Personen der ersten postmodernen Generation beginnen sogar multiple Persönlichkeiten auszubilden.

Wissenschaftler bewerten diese Entwicklung unterschiedlich: Während einige das Verschwinden des Individuums beklagen, gehen andere wie Robert J. Lifton davon aus, dass es sich hierbei um eine plastischere und reifere Bewusstseinsstufe handelt, auf der ein Mensch mit Vieldeutigkeiten und komplexen, einander häufig widerstreitenden Prioritäten leben kann. Nach seiner Meinung kann das Experimentieren mit multiplen Persönlichkeiten einen neuen Sinn für Empathie mit anderen erzeugen und damit dazu beitragen, eine Grundlage für die Erneuerung der Kultur zu legen.

Alles ist relativ[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Personen mit proteischem Selbstverständnis gibt es keine absoluten Wahrheiten. Entsprechend den Vorstellungen der Postmoderne wird die Idee eines unausweichlichen linearen Fortschritts, der sich in Richtung auf ein zukünftiges, von allen geteiltes, utopisches Ideal bewegt, verworfen. Große Erzählungen wie z. B. Ideologien, die der Geschichte einen Sinn geben, werden abgelehnt. Dies steht im völligen Gegensatz zum Bewusstsein der Moderne: Das Bürgertum erklärte die Welt und sich selbst in historischen Begriffen, also als eine Entwicklung, die auf den „Fortschritt“ hinzielte. Auch für die Marxisten lief die historische Entwicklung darauf hinaus, dass die durch das Privateigentum vermittelte Gesellschaftsordnung aufgelöst und durch eine Gesellschaft ersetzt werden würde, deren materielle Ressourcen und Produktionsmittel in Kollektivbesitz übergegangen sind.

Die proteischen Menschen denken weniger darüber nach, wo ihr eigener Platz in der Geschichte sein könnte, sondern vielmehr daran, ihre eigene persönliche Geschichte zu leben. Sie haben keinen höheren Anspruch an ihr Leben, als den, sich die Zeit so angenehm wie möglich zu machen und geben sämtliche Ansprüche auf eine große historische Mission auf. „Das Leben gilt als zu kurz, um sich selbst der Geschichte oder irgend einem zukünftigen Wohlergehen zu opfern“.[2]

Politisches oder soziales Engagement wird abgelehnt. Anstatt sich kollektiv zu organisieren, um ihre Situation zu verbessern, versuchen die proteischen Menschen ihr eigenes Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, selbst wenn es noch so elend ist. Realität ist für sie das Ereignis, das am mächtigsten ist, das ist aber immer häufiger die Simulation. Proteische Persönlichkeiten haben zu vielen Fragen keine eigene Meinung oder ändern diese laufend. Zitat: „Was du gesagt hast, klingt glaubwürdig. Ich würde aber auch das Gegenteil glauben, wenn es nur überzeugend vorgetragen wird.“

Die theatralische Persönlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die proteische Persönlichkeit ist von kommerziellen Massenmedien und Werbebotschaften umgeben. Beispiele hierfür sind Computernetzwerke, das Beziehungsmarketing, die geschlossenen Communitys, Einkaufszentren, Themenparks, Tourismus und die kulturelle Produktion. Dies fördert die Einstellung, dass das ganze Leben aus einer Reihe von theatralischen Momenten und dramatischen Auftritten besteht. Menschen mit proteischer Persönlichkeit achten deshalb auch sehr stark auf ihren eigenen Körper und auf ihr Aussehen. Auch Piercing und Tattoos dienen letztendlich einer Verschönerung und Inszenierung des eigenen Körpers.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jeremy Rifkin: Access. Frankfurt/New York 2000
  • Robert Jay Lifton: The Protean Self. New York 1993

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jean Baudrillard: Das andere Selbst. Wien 1987, S. 14, zitiert nach Rifkin: Access, S. 283
  2. Rifkin: Access, S. 273.